"Über 140 000 Züge fielen im Jahr 2017 komplett aus"

Bahnhof Potsdam Pirschheide. Foto: Locu. Lizenz: CC BY-SA 3.0/de

Arno Luik über das Desaster der Bahn seit ihrer Teilprivatisierung

Die Bahn agiert seit ihrer Teilprivatisierung wie ein Staat im Staate: Trotz katastrophalem Kundenmanagement, krasser Misswirtschaft und irrsinniger Personalpolitik ist keine politische Weichenstellung in Sicht. Für viele potentielle Fahrgäste befindet sich die Bahn in punkto Logistik, Pünktlichkeit, Service und Sicherheit auf dem Abstellgleis, meint Arno Luik in seinem Buch Schaden in der Oberleitung - Das geplante Desaster der Deutschen Bahn.

Herr Luik, welche Bilanz haben die Bahnchefs Dürr, Mehdorn und Grube aufzuweisen und was haben sie dabei verdient?
Arno Luik: Dürr, Mehdorn und Grube waren Bahn-Azubis, als sie unglücklicherweise für alle hier im Land Bahnchefs wurden. Von dem komplexen System Bahn hatten sie bei Amtsantritt keine Ahnung, sie hatten wahrscheinlich auch kein Interesse an der Bahn. Diese drei Bahnchefs kommen aus der Auto- beziehungsweise Luftfahrtindustrie.
Würde der Fußballverein FC Bayern München, wenn er einen Top-Mittelstürmer sucht, ihn von einem Schachverein holen? Wohl kaum. Das Wirken dieser überbezahlten Bahn-Azubis an der Spitze des Verkehrssystems, das die einzige sinnvolle und ökologische Alternative zum herrschenden Autowahn in diesem Land ist, war verheerend:
Sie haben Volksvermögen verschleudert, Schienen rausgerissen, Weichen demontiert, wertvolles Bahnland verscherbelt. 1994 hatten die Bahn 0,000 Milliarden Euro Schulden. Heute ist sie mit 25 Milliarden in den Miesen, faktisch - wenn es die implizite Staatsgarantie nicht gäbe - also pleite. Dürr, Mehdorn und Grube - Totengräber der Bahn.
Aber nicht nur sie allein sind die Täter des Bahn-Desasters: Mitschuld am desolaten Zustand der Bahn sind die regierenden Politiker, die Damen und Herren im Bundeskanzleramt, die Verkehrsminister und die Mitglieder des Verkehrsausschuss.
Im neo-liberalen Privatisierungswahn wollten sie die Bahn an die Börse bringen. Für diesen Börsengang - vor allem in der Regierungszeit von Schröder und Fischer - sollte die Bahn sexy für Investoren gemacht werden. Sexy aber heißt: sparen, sparen wo es nur geht - an Menschen, Material, Reparaturen. Die Bahn wurde so über viele Jahre systematisch kaputtgespart.
Gleichzeitig schafften es aber die Zerstörer der Bahn, Dürr, Grube, Mehdorn ihr Gehalt um viele Hundert Prozent zu steigern. Mehdorn: im Grunde nichts als ein mit Geld zugeschütteter Totengräber der Bahn. Er hat es geschafft, innerhalb kürzester Zeit sein Gehalt um 400 Prozent zu steigern, allein in den Jahren 2005/2006 hat er es verdoppelt - auf 3, 18 Millionen Euro.
Als er endlich gehen musste, weil er Mitarbeiter und Journalisten bespitzelt, Dossiers über Politiker angelegt hatte bekam er sechs Millionen Euro Abfindung. Als Grube von einem Tag auf den anderen den Bettel hinwarf, ging er mit drei Millionen Euro. Die Bahn hat also, über Geld des Steuerzahlers, die Beiden reich gemacht, aber sie haben die Bahn in die Armut gestürzt, also Vermögen der Bürger verzockt.

"Über 100 Städte sind vom Fernverkehrsnetz abgehängt worden"

Wie viele Städte wurden seit der Teilprivatisierung vom Bahnnetz abgekoppelt?
Arno Luik: Vor einigen Jahren machten die Bahn mal wieder das, was sie wirklich kann: Propaganda. Werbekampagnen. Sie versprach, dass man heute "von City zu City" reisen könne, "so schnell wie nie zuvor". Das ist eine Lüge. Nicht nur, dass seit 1998 die Zahl der angebotenen Züge im Fernverkehr um gut 20 Prozent verringert wurde, es sind auch über 100 Städte vom Fernverkehrsnetz abgehängt worden, Mittel- und Großstädte wie etwa Chemnitz (240 000 Einwohner), Potsdam (172 000), Krefeld (234 000), Heilbronn (122 000), Bremerhaven (114 000), Gera (94 000), Trier (115 000), Dessau (90 000), Bayreuth (72 000). Für 17 Millionen Menschen wurde durch dieses Abkoppeln das Bahnfahren erschwert und unattraktiv.
Der Deutsche Städtetag klagte vor einigen Jahren, dass diese "Verschlechterungen" auch die "Standortqualität und die wirtschaftlichen Chancen der betroffenen Städte gefährdet".
Wie pünktlich und fahrgasteffizient fährt die Bahn?
Arno Luik: Pünktlich? Über 140 000 Züge fielen im Jahr 2017 komplett aus. Eine Schande für den Hochtechnologiestandort Deutschland. Aber dass so viele Züge komplett ausfielen, ist gut für die Bahn. Nein, das ist keine Polemik. Denn diese ausgefallenen Züge tauchen in der Verspätungsstatistik der Bahn nicht auf.
Verrückt? Nein. Es ist die Logik der Bahn, naja, und danach kann ein Zug, der nicht fährt, auch nicht zu spät ankommen. O-Ton des derzeitigen Bahnchefs Rüdiger Lutz im März 2019: "Ein Zug, der nicht losfährt, kann nun mal nicht unpünktlich sein." In dieser verqueren Logik, der die Kunden schnurzegal sind, ist danach eine perfekte Bahn eine Bahn, in der gar kein Zug mehr fährt.
Wie sieht die Bahn im Vergleich zu den Bahnen in den Nachbarländern aus?
Arno Luik: "Pitoyabel", höhnen Schweizer Zeitungen, erbarmungswürdig, bemitleidenswert. In Österreich, in den Niederlanden, in Italien - dort wissen sie, wie man Züge fahren lässt, pünktlich und zuverlässig. Vielleicht sollten die Bahnchefs und die politisch Verantwortlichen mal Bildungsurlaube in der Schweiz machen?