"Über 140 000 Züge fielen im Jahr 2017 komplett aus"

"Leitende Bahnbeamte wurden demoralisiert, kujoniert, sie ins Abseits gedrängt"

Wie hoch ist die Personaldecke im Vergleich zu früher?
Arno Luik: Sehr dünn. Sie wurde nahezu halbiert. Was auch noch tragisch ist: Unter Bahnchef Dürr, also in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, ging es los, leitende Bahnbeamte, die wirkliches Knowhow hatten zu demoralisieren, sie zu kujonieren, sie ins Abseits zu drängen, sie in den vorseitigen Ruhestand zu versetzen.
Dürr schickte diese Bahn-Mitarbeiter mit ihren großen Erfahrungen im Eisenbahnwesen nach Sibirien. Dürrs Sibirien war ein stillgelegter Güterbahnhof in Frankfurt. Dort saßen nun plötzlich sehr viele Leute mit all ihrem Bahnwissen, ohne es noch einsetzen zu dürfen.
Bei den Bahn-Kollegen hießen diese stillgelegten Profis "die Mäusezähler von Frankfurt", denn in diesem Güterbahnhof rannten halt sonst nur Mäuse und Ratten herum. Ein Aderlass von Wissen, der durch Nichtwissen und Inkompetenz ersetzt wurde: durch Berater von Berger und McKinsey.
Wie ist es um die Qualität der Sicherheit bei der Bahn bestellt?
Arno Luik: Diese Bahn ist robust. Sie ist trotz ihrer langjährigen Deformationen das sicherste Verkehrsmittel. Allerdings: Sie ist so anfällig wie noch nie. Fast jeden vierten Tag brennt irgendwo ein Zug. Betriebsstörungen gibt es zuhauf. Aus Sicherheitsgründen, weil so Vieles verkommen, verschlissen, nicht ordentlich repariert ist, muss die Bahn heute oft langsam fahren. Rund 1000 Langsamfahrtstellen bremsen derzeit die Züge ab. Fahrplan ade.
Ab wann haben diese Verschleißerscheinungen zugenommen?
Arno Luik: Tja, seit jenen Tagen, als von der Politik beschlossen worden war, die Bahn an die Börse zu bringen. Mehdorn und Grube ging es deshalb nur darum, Geld einzusparen - um, wie gesagt, sexy für die Börse zu werden. Beispielhaft für diesen desaströsen Kurs ist Grubes Programm "ReAct 2009", das zu einer "Spreizung von Wartungsintervallen" führte, im Klartext: zu einer Verschlechterung des Materials. Letztendlich zu einer Gefährdung der Reisenden. Bei der Deutschen Bundesbahn früher gab es keine so Angeber-Begriffe wie "ReAct 2009", und bei ihr wurde schon gar nicht die Wartung gespreizt.
Da war es üblich - wie bei Flugzeugen -, schon vor dem eventuellen Verschleiß sicherheitsrelevantes Material prophylaktisch auszutauschen. Das ist auch ein Grund, weshalb es damals so gut wie keine "betriebsbedingte Störungen im Zugablauf" gab.
Was unternimmt die Bahn dagegen?
Arno Luik: Wäre die Bahn ein Mensch, würde man sagen: Sie handelt unmoralisch. Sie lässt die Dinge verkommen, und dann ruft sie: Wir brauchen Geld. Viel Geld. Noch mehr Geld. Und sie bekommt es - für einen Zerfall, den sie selbst verursacht hat. Dafür hat sie Spezial-Kombattanten im Einsatz, zum Beispiel Ronald Pofalla, auch so ein überbezahlter Bahn-Azubi - aber gut vernetzt im politischen Getriebe. Gut möglich deshalb, dass er demnächst Bahnchef wird - das wäre überaus schlecht für die Bahn und ihre Kunden.

"Struktureller Irrsinn"

Als eine Art Symbol für den Niedergang der Bahn sehen sie das Projekt "Stuttgart 21". Warum?
Arno Luik: Stuttgart 21 ist zur Chiffre geworden für den strukturellen Irrsinn der Bahn: wie überehrgeizige Bahnmanager und ignorante Politiker sich ein unfassbar teures Denkmal setzen wollen. Auf Kosten des Bahnverkehrs. Auf Kosten der Bürger. Auf Kosten der Umwelt. Auf Kosten der Sicherheit. S21 ist der Meilenstein im Niedergang der Bahn. Bei S21 dankt die Bahn als rationales Verkehrsmittel ab. S21 ist verkehrstechnisch, ökonomisch, ökologisch und aus Sicherheitsgründen nicht zu verantworten. Dieser Bahnhof war ein wichtiger Grund für mich, mein Buch zu schreiben. An ihm zeigt sich, wie Bahn und Politik über die Menschen hinweg gehen - und die Betonindustrie und die Tunnelbohrindustrie lachen und lachen.

"Kretschmann kuschte"

Die Grünen waren mit Joschka Fischer im Bund und sind mit Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg an der Macht. Was haben die Grünen für die Verlegung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene bewirkt?
Arno Luik: Nichts. Mit Joschka Fischer kam, wie erwähnt, Bahn-Totengräber Mehdorn an die Macht. Unverzeihlich. Und Kretschmann, obwohl er weiß, dass es ein Fehler ist, macht bei S21 brav mit. Als er vor allem wegen S21 an die Macht kam, um dieses Projekt zu beenden, sagte er auch: Weniger Auto ist besser. Daimler hustete kurz und Kretschmann kuschte. Und nun rollen Monster-LKWs zu Testzwecken in Baden-Württemberg. Und Zug-Imitationen, LKWs mit Oberleitung sollen hier getestet werden. Egal wie, auch wenn die Umwelt zugrunde geht, am Auto muss offenbar festgehalten werden.
Neulich hat Porsche ein E-Werk gemeinsam mit Ministerpräsident Kretschmann eingeweiht. Der Grüne war begeistert. "Toll", rief er, "den Aufbruch in ein neues Zeitalter der Mobilität zu erleben!" Er ließ sich vor dem neuen E-Modell von Porsche, dem Taycan fotografieren. Toll - dieses Auto? 761 PS, in 2,8 Sekunden auf Tempo 100, 650 Kilo wiegt die Batterie. Hat dieser Aufbruch noch etwas mit Zivilisation zu tun? Mit Vernunft? Es ist zum Verzweifeln. (Reinhard Jellen)