Über "Vicke Viking" und "Wickie"

Oder warum der Schreckliche Sven, Vertreter der unbelehrbaren Deutschen, so schrecklich ist

Vor 50 Jahren bekamen viele junge Schweden ein Buch auf den Gabentisch mit dem Titel "Vicke Viking". Runer Jonssons Geschichten von einem Wikingerjungen, der mittels Köpfchen seinem Vater Halvar, dem Chef der Wikinger des Dorfes Flake, immer voraus war, der Einfälle für meist friedliche Konfliktlösungen mittels Nasenreiben vorbereitete, wurde rasch in mehrere Sprachen übersetzt und erhielt schon 1965 den deutschen Jugendbuchpreis.

Der ZDF-Filmproduzent Josef Göhlen sah in der Geschichte ein Potential für eine Zeichentrickserie, die dann als Koproduktion zwischen ZDF, ORF und dem japanischen Zeichentrickstudio "Zuiyo Enterprise" umgesetzt wurde. Die Anfang 1974 ausgestrahlte Serie "Wickie und die starken Männer" begeisterte die jungen Fernsehzuschauern, darunter war Michael Bully Herbig, der dann 2009 seine Lieblingssendung als Realverfilmung in die Kinos brachte.

Soweit so bekannt, da ist der ZDF-Trickfilm, die 70er-Jahre-Wickie-Nostalgie und nun auch Bully. Doch wer kennt schon das schwedische Original und seinen Verfasser?

Runer Jonsson, 1916 im smaländischen Nybro geboren, 2006 ebenda gestorben, gilt für die alten und jungen Wickie-Freunde in Deutschland als ein Unbekannter. Und vielleicht ist das für das Gros der Fans auch gut so. Die Nostalgiker mit Anspruch auf Unbeschwertheit sollten nun nicht mehr weiter lesen.

Werfen wir einen Blick in eines der bekanntesten Kapitel, die erste Konfrontation mit dem "Schrecklichen Sven", dem ewigen Gegenspieler der starken Männer von Flake. der den Flake-Wikinger die Beute abjagen will.

Der Kenner der TV-Serie weiß, dass der beleibte Sven und die Mannen seiner drei Schiffe nichts lernen, während es bei anderen Gegnern oft zu einem Dialog oder einem Friedensschluss kommt. Sie werden mittels Brandpfeilen, Steinen, ausgehungerten Wölfen, Bienenschwärmen, Walen und Möwen in die Flucht geschlagen.

Im Buch, anders las im Film, werden diese Wikinger als "Friesen" eingeführt; zur Unterscheidung anderer Wikinger tragen sie auch einen Helm ohne Hörner, so die Illustration des schwedischen Originals. "Friesen", schreibt Jonson, "hören nicht auf andere, sind unbelehrbar."

"Die Svea (Schweden), Dänen und Nordmänner sind überein gekommen, die Friesen zu verleugnen. Sie betrachten sie als eine andere Rasse, die mit der letzten Eiszeit auf einer Eisscholle aus dem Osten kamen." Es ist sicherlich ungewöhnlich, dass das belastete Wort "Rasse" in einem Kinderbuch genutzt wird. Gemeint sind hiermit die Deutschen.

Jonsson kehrt hier die nationalsozialistische Verehrung der nordischen Länder einfach um. Der Norden, als vermutliche Heimat der Goten, war Projektionsfläche des Dritten Reiches, das sich mit den skandinavischen Ländern in einer Art Schicksalsgemeinschaft verbunden sah.

Autor Jonsson kündigt diesen Bund, Skandinavien "leugnet" verwandtschaftliche Bande mit den Friesen-Deutschen, den Germanen mit den hässlichen Eigenschaften und der hässlichen Geschichte. Denn Schweden litt an den Deutschen nach dem Krieg - nicht unter den Besatzungs-Folgen, sondern an dem moralischen Schaden einer Neutralitätspolitik während des Zweiten Weltkriegs, die keine war. Viele Schweden hofften auf einen deutschen Sieg gegen die gefürchtete Sowjetunion. Die zu Tage kommenden Verbrechen Deutschlands kompromittierten in der Nachkriegszeit die zu deutschfreundliche Haltung der sozialdemokratischen Regierung in Stockholm. Auch die Sympathisanten des Dritten Reiches, wie es der Regisseur Ingmar Bergmann war, bekamen gesellschaftlichen Druck zu spüren. Um Ingvar Kamprad, den Gründer von Ikea, ist es bis heute noch nicht ruhig; Details über seine Mitgliedschaft in der schwedischen Nazipartei berühren immer wieder die schwedische Öffentlichkeit.

In dem schwedischen Kinderbuch aus den frühen 1960ern war dieses Abgrenzungsbestreben gegen Deutschland wohl klar lesbar. Auch bei der Kinderbuchautorin Astrid Lindgren wird der Zweite Weltkrieg verarbeitet. In den Jugendbuch "Die Brüder Löwenherz" http://www.kinderundjugendmedien.de/index.php/literaturkritiken/133-qdie-brueder-loewenherzq-ist-eine-traurige-geschichte-die-mut-macht erzählt die Schwedin eine (Wunsch-)Analogie zu Skandinavien im Zweiten Weltkrieg. Die Bewohner des freien Kirschtals (Schweden) befreien das benachbarte Heckrosental (Norwegen) von grausamen Besatzern. Dabei geht es für Lindgrens Verhältnisse drastisch mit mittelalterlichen Gerätschaften zur Sache. Den anstehenden EU-Beitritt von Schweden (1995) versuchte sie mit der Warnung zu verhindern, die Deutschen würden die schwedischen Häuser aufkaufen.

Doch zurück zu Jonsson. Seine Wikingergeschichte wurden vor allem von Sagen und dem Roman "Die Abenteuer des Röde Orm" des Gelehrten Frans Bengtson inspiriert, der seine humorige wie brutale Wikingerwelt in den vierziger Jahren als apolitische Wirklichkeitsflucht vor der Realität des Zweiten Weltkriegs schuf. Jonsson hingegen war ein durchaus politischer Mensch.

Sehr prägend soll der geplatzte "amerikanische Traum" seiner Eltern gewesen sein, die als Kinder von smaländischen Kleinbauern in den Fabriken Chicagos 1902-1904 ihr Glück versuchten, die harten Arbeitsbedingungen und der Kampf der Unternehmer gegen die Gewerkschaften zwangen sie wieder zur Rückkehr nach Smaland.

"Soziale Gerechtigkeit", so prägte ihn sein Vater, sei ein wichtiger Wert. Jonsson musste schon mit 12 Jahren in die Groß-Schreinerei, dort hatte er als schmächtiges Kind gegenüber den "starken Männern" zu bestehen. Hier entstand schon die Grundidee von Wickie.

"Wickie ist Jonssons alter Ego", so erzählte es Jan Gustafson, ein Freund von Jonsson der deutschen Biologin Ingrid von Brandt, die heute in Nybro wohnt und sich mit Vicke Viking beschäftigt.

Der Vielleser Jonsson konnte schon mit 13 Jahren in der der Lokalzeitung Nybro Tidning veröffentlichen; mit 19 wurde er 1936 alleiniger Redakteur. Es war die Verwirklichung des "schwedischen Traums", der Bildungsaufstieg eines Handwerkersohns. Bis 1981 führte Jonsson die Wochenzeitung und bis zu seinem Lebensende 2006 schrieb er dort.

Seit 1932 war erstmals mit Per Albin Hansson ein Sozialdemokrat Regierungschef, der mit umfassenden Reformpaketen sozial Schwächeren zu mehr Chancen und sozialen Verbesserungen im Arbeitsleben verhalf. Die Idee eines Volksheims ohne klassenkämpferische Konflikte, wo es "Gleichheit, Fürsorglichkeit, Zusammenarbeit und Hilfsbereitschaft" gibt (Auf der Suche nach dem Volksheim) sollte Schweden bis heute prägen.

Jonsson war als Linker allen Totalitarismen abgeneigt. Er wetterte in seiner Zeitung sowohl gegen Nationalsozialismus als auch gegen den Kommunismus. Während des Zweiten Weltkriegs beschwerte sich darum das Auswärtige Amt in Stockholm über Jonssons Artikel, der Verleger wurde in die Hauptstadt zitiert und wegen "Aufhetzung" abgemahnt.

Um seine Unabhängigkeit zu bewahren, mied er die Landespolitik, konzentrierte sich auf Lokales und kommentierte das Weltgeschehen. Als notorischer Volkserzieher, der die Zeitung nach seinen moralischen Vorstellungen regierte, scheute er sich nicht vor unpopulären Entscheidungen. Als Cassius Clay 1965 das Städtchen Nybro besuchte (er sparrte mit dem schwedischen Schwergewichtsboxer und Ex-Weltmeister Ingmar Johansson) weigerte sich Jonsson darüber zu berichten. Denn den Profisport lehnte er wie sensationsheischende Abendblättchen, Witzblätter und reißerische Fernsehsendungen scharf ab.

Er stieß jedoch auch sinnvolle Debatten an. So thematisierte er erstmals das Thema Mobbing an schwedischen Schulen, bevor das englische Wort dort bekannt war. Die Probleme der sozialen Ausgrenzung spricht Jonsson auch in "Vicke Viking" an, so ist die Figur Snorre kein drolliger Kindskopf, sondern ein egoistischer Wikinger, der diese unsoziale Eigenschaft überwinden muss, um in der Gemeinschaft, dem "Volksheim von Flake", akzeptiert zu werden.

Vicke Viking, den er sich dann bei einem langweiligen Norwegenurlaub ausdachte, um seinen Sohn Bengt zu unterhalten, wurde Jonssons größter Erfolg. Er verfasste sieben Vicke-Bücher, die in 20 Sprachen übersetzt wurden. Insgesamt schuf er 50 Werke, teils auch für die schwedischen Schulen.

Der Durchbruch in Amerika wurde ihm jedoch verwehrt. Schuld war der damalige Regierungschef Olof Palme, der am 21. Februar 1968 in Stockholm mit dem Botschafter von Nordvietnam gegen Amerika demonstrierte. Dies rief antischwedische Reaktionen hervor mit Parolen wie "Raus mit den Wikingern", wie es der schwedische Literaturwissenschaftler Claes Evenäs in seiner Arbeit über Jonsson darlegte. Der amerikanische Verlag, der das erste Buch bereits veröffentlicht hatte, weigerte sich darauf, das zweite Vicke-Viking-Buch herauszubringen.

Die neue sexuelle Freizügigkeit provozierte ihn zu feurigen Pamphleten, der versöhnlich humoristische Stil seiner literarischen Texte erschien in der sich radikalisierenden schwedischen Gesellschaft wiederum als überholt.

Vicke Viking ist heute in Schweden weiterhin bekannt, die Bücher werden jedoch nicht wieder verlegt. Das Kinderbuch erreichte nicht die gleiche Popularität wie der Trickfilm in Deutschland. Die Rechte an "Wickie" liegen auf deutscher Seite, was in Schweden nicht allen gefällt.

Letztens scheint es zu einer kleinen Renaissance der Kinderfigur gekommen zu sein, so soll ein Regionalzug nach Vicke Viking benannt werden, in der Stadt Nybro steht ein Wikingerschiff im Park als Klettergelegenheit.

Doch der ZDF-Trickfilm wurde in Schweden nie gezeigt, auch der deutschen Realfilm nicht, zumindest wurde er nicht synchronisiert oder mit schwedischen Untertiteln versehen. Bullys Wickie ist unschwedischer geworden, genialischer in seinem Erfinden, mehr ein kleiner Superstar als ein Kind, das sich als Teil einer Gemeinschaft fühlt.

Es bleibt letztlich Spekulation, ob das aktuelle Desinteresse im Norden an "Wickie" in der Tradition des schwedischen Abgrenzungsverhalten zu einem "deutschen Wikingerkult" zu sehen ist. Die eher höflich veranlagten Schweden geben sich bei solchen Fragen recht wortkarg. (Jens Mattern)

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