Über den Verlust des Sense of Wonder

Wir sind langsam in die Welt von Morgen geglitten und leben nun mitten in der Science Fiction-Welt

Eine aktuelle Diskussion auf SF-Fan.de über die alte SF-Reihe in der ARD hat mich ein wenig ins Sinnieren gebracht. Damals Ende der Siebziger Jahre erlebten viele von uns ihre ersten spannungsgeladenen, aufregenden und manchmal auch etwas beängstigenden Kontakte mit der Science Fiction. Jeden Samstagabend hieß es da noch, den Atem anhalten. Mühsam ertrug man um 22 Uhr die Tagesschau, dann ein frömmelndes Wort zum Sonntag, eventuell noch irgendeinen Programmhinweis auf einen unsäglich irdischen Western, der am nächsten Samstag folgen sollte und die Spannung steigerte sich wie kurz vor der Bescherung.

Und dann war es endlich soweit. Schon allein der typische Vorspann bestehend aus spaciger Musik und SF-Cover-Art-Bildern, der das Kinoerlebnis im Kleinen vor der heimischen Flimmerkiste - bei einigen oft noch in Schwarzweiß - einleitete, löste Schauer und ein gewisses nervöses Flattern aus, wie man es später nur beim ersten Date erlebte.

Ich entsinne mich, dass allein die Vorschau auf den alten "Krieg der Welten", eine Szene, in der einer kreischenden B-Film-Queen eine saugnäpfige Alienhand auf die zarte Schulter langt (statt an bessere Stellen, Idiot!), bei mir solches Entsetzen auslöste, dass ich den Film gar nicht mehr anschauen konnte. Ich war gerade erst sieben oder acht Jahre alt. Aber auch Jack Arnolds Gummiviech-"Schrecken vom Amazonas" - der sich etwa so hässlich fühlen musste wie unsereiner, wenn die anderen Jungs die Mädchen kriegten - oder der beständig schrumpfende, die Pubertät aus unserer Perspektive rückwärts erlebende "Mr. C" flimmerten noch am Montag in unseren Köpfen. Das alles war so großartig in Szene gesetzt, so glaubwürdig noch dazu, dass wir wirklich meinen konnten, das Wochenende irgendwo tief unten im Ozean verbracht zu haben und von dort aus einen die Erde bedrohenden Meteoriten mit Atomraketen bekämpft zu haben wie in "Um 9 Uhr geht die Erde unter".

Schließlich gab es nur diese Handvoll Filme. Von Serien ganz zu schweigen. Phantastisches im Fernsehen war eine Rarität, wer sich in fremde Welten begeben wollte, musste lesen können - was im Nachhinein auch sehr viel für sich hatte.

Aber wo ist er geblieben, der alte Sense of Wonder? Die SF selbst hat ihn ganz gewiss nicht verloren. Wir selbst haben ihn zerstört, wie beim Konsum einer glücklich machenden Droge aus "THX1138", die nicht mehr den alten Rausch, dafür nur noch das Gefühl der Normalität erzeugt. Wir haben sie in Making Of - Büchern und Filmen eifrig studiert, all die Tricks mit denen man uns nicht existente Wirklichkeiten vorgaukelte, haben sie durchschaut und begriffen. Wissen genau, dass das im Hintergrund Matepaintings sind, dass die Aliens Schauspieler in Gummianzügen, die Raumschiffe an Fäden baumelnde Revellbausätze sind und dass heute ja sowieso alles im Computer entsteht.

Manch einer von uns hat Science aus der Science Fiction gleich zu seinem Job gemacht, weiß um Möglichkeiten und vor allem Unmöglichkeiten und kann die laute rationale Stimme im Hinterstübchen nicht mehr zum Schweigen bringen. Natürlich bräuchten "Die" aus "Gefahr aus dem All" Jahrtausende, um zu uns gelangen, natürlich müsste auf Asimovs "phantastischer Reise", alles dunkel sein, weil im restlichen Körper des fetten Wissenschaftlers genauso wenig die Sonne scheint wie in seinem Hintern, natürlich kann "Mr.C" nicht schrumpfen - was sein Sexleben sehr interessant gestaltet hätte, wenn er was draus gemacht hätte -, auch "Formiculas" werden nicht metergroß und "Barbarella" ist und bleibt sowieso einfach nur ein dämlicher Möchtegern-Softporno von einem Regisseur, der sich nicht traute, einen echten zu machen.

Barbarella

Was uns entgeht ist, dass wir langsam in die Welt von morgen geglitten sind. Unaufhaltsam, Jahr für Jahr bis ins Jetzt - das Morgen von Gestern. Sogar das Jahr 2000, in unserer Kindheit das große Synonym für "Things to come", ist längst Geschichte.

Mit dem Eintritt der Zukunft ist die Sucht auf die Zukunft verschwunden

Wir leben mitten drin in der Science Fiction-Welt und wow, sie hat sich sehr verändert. Wenn auch nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten. "Sie", sei es von "Metaluna IV" oder von sonst wo, waren noch nicht da. Auch ein Atomkrieg hat uns nicht zurück in die Ära des Neandertalers oder zumindest des "Mad Max" und seines Kumpels "Omega-Mann" gebombt. Wir sind bedauerlicher- und erstaunlicherweise auch nicht weit weg von hier gekommen, ganz bestimmt nicht bis zum "Forbidden Planet".

Wernher von Braun hatte noch anlässlich seines gelungenen Mondprogramms - von dem wir heute gelegentlich annehmen, dass es vielleicht gar nicht stattgefunden hat wie das "Unternehmen Capricorn" - geglaubt, in den Achtzigern würden Menschen den Mars betreten. Tatsächlich sind wir seit dreißig Jahren nicht mal mehr auf dem Mond gewesen (was sich demnächst allerdings wieder ändern soll). Nichts ist aus der Besiedlung des Sonnensystems geworden, die in unserer Vorstellung Ende 1999 längst hätte geschehen sein müssen - jedenfalls wie wir 1980 wussten, wenn wir Sonntagnachmittag "Mondbasis Alpha 1" schauten. Irgendwie ist das vermutlich auch gar nicht so verwunderlich, sind doch die Ingenieure und Astronauten von heute die pickeligen dicklichen SF-Fans von gestern - und die tendierten ja bekanntlich schon immer dazu, bei Mama wohnen zu bleiben.

Mondbasis Alpha 1

Die Revolutionen, die tatsächlich um uns herum stattfinden, wurden aber von den Mondmissionen ausgelöst. Ja, es ist schon bemerkenswert: Noch beim Vorbereiten der ersten zaghaften Schritte raus ins All stolperten wir über das Silizium und das, was wir daraus machten, war weitaus interessanter als ein paar Mondsteine, an denen nicht mal bösartige Erreger hafteten, wie an "Andromedas tödlichem Staub aus dem All".

Rechner entstanden, wurden verbessert, wurden kleiner, wurden in Garagen weiter entwickelt, wurden verkauft, wurden erfolgreich, wurden unser aller Werkzeug und Fetisch und das Internet nahm seine jetzige Form an. Die Evolution, die stattfand, war eine, die sich weniger auf den Kosmos als auf uns selbst bezog. Effizienter Austausch und Verwertung von Informationen haben die Welt zu dem gemacht, was sie jetzt ist. Wer von uns hätte damals geahnt, dass wir per Computer jederzeit mit jedermann auf der Welt kommunizieren können, online arbeiten, online spielen, es online treiben. Keiner von uns hätte auch nur an Websites gedacht, erst recht nicht die eigene, geschweige denn an Weblogs und wie sie unsere ganze Kultur prägen.

Diese unsere Maschinen sind es, die wir weiterentwickeln und dieselbe Entwicklung greift langsam auf uns selbst über. Genauso wie unsere Computer versuchen wir unsere Körper selbst zu optimieren, durchschauen erst die Hardware in Form der Organe, dann die Software in Form der DNA und reprogrammieren uns selber. Davon war in den alten SF-Filmen nur selten die Rede. Das alles hatte ja keiner ahnen können, bis auf wenige Visionäre natürlich, die vielleicht einfach nur Glück hatten beim Spekulieren und wie John Brunner in seinem Roman "Der Schockwellenreiter" vor über dreißig Jahren voraus ahnten, wie wichtig Datennetze werden.

Der Tag an dem die Erde stillstand

Nein, so wie das mit unserer Sicht auf die Zukunft mal war, so wird es nicht mehr. Damit, dass nun jedem jederzeit jede Information zur Verfügung steht, sind wir abgeklärt geworden und wundern tun wir uns eigentlich über nichts mehr. Gesehen haben wir ohnehin alles auf unseren mindestens 30 Fernsehkanälen und im Web. Es sind dieselben Computer, die uns Informationen vermitteln, die uns auch Dinge zeigen können, die so gar nicht oder zumindest noch gar nicht existieren. Wenn eines Tages wie im "Tag an dem die Erde stillstand" - mach`s gut Robert Wise! - die Aliens im Stadtgarten landen, wird dann überhaupt jemand hingehen oder löst das dann alles nur noch Gähnen aus? Möglich wär`s, denn für die jetzige Generation, die Generation Information ist sowieso alles erstens selbstverständlich und zweitens ein alter Hut.

Oder?

Gestern nahm ich mit meinen Achtklässlern als der Lehrer, der ich nun mal geworden bin - nein, das hätte ich mir damals auch nicht träumen lassen -, das Thema "Relativitätstheorie" durch. Zeigte ihnen Folien von einem Raumschiff, das sich annähernd mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, dabei kürzer wird - wie "Mr.C" - , dabei schwerer wird - wie "Tarantula" - , in dem die Zeit langsamer vergeht - irgendwie wie in der "Zeitmaschine". Und da geschah etwas Erstaunliches:

Ich könnte schwören, er durchdrang den Physikraum. Selbst bei dieser abgeklärten Bande von Achtklässlern, die sowieso alles wissen, weil sie es selbst erlebt haben - auf ihren Playstations. Diese erstaunten Augen, die heruntergeklappten Unterkiefer. Davon hatten sie noch nie gehört. Und wahr sollte das alles auch noch sein?

Er war da, der "Sense of wonder" - sogar ein bisschen bei mir.

Vielleicht bin ich ja einfach zu alt und weiß zuviel, um ihn selbst noch so zu empfinden, aber ganz fort ist er nicht.

Und wenn die ETs irgendwann landen und es geht wirklich keiner hin, dann werden ja vielleicht wir, die alten SF-Gucker tatterig mit unseren Rollatoren zur Landestelle pilgern und noch einmal wie damals vor dem Fernseher einen Blick auf die diesmal echten Gummi-Aliens werfen und uns zurufen: "Hey, schaut mal, die haben ja wirklich Saugnäpfe. Und das Ding in seiner Hand sieht aus wie eine ziemlich gefährliche Wa..." (Thorsten Küper)

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