Über den Wolken ist die Freiheit nicht mehr grenzenlos

ISS-Astronauten bleiben von aktuellen Entwicklungen auf der Erde nicht unberührt

"Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein...."Doch vom Overview-Effekt, vom grenzenlosen Blick auf grenzenlose Kontinente, von unbeschwerter Schwerelosigkeit ist dort derweil nichts mehr zu sehen und zu spüren. Die Katastrophe vom 11. September hat auch die Expedition Three Crew tief erschüttert, zumal die Astronauten im Orbit die Nachwirkungen der Terrorattacken und die jetzige Bombardierung Afghanistans aus 384 Kilometer Höhe live verfolgen können.

Aufnahme von Manhattan einen Tag nach der WTC-Attacke

Haben nicht alle Astronauten und Kosmonauten nach ihren 90-minütigen "Weltumrundungen" von der Zerbrechlichkeit und der "grenzenlosen" Weite und unbeschreiblichen Schönheit des bläulichen Smaragds geschwärmt. Hat nicht jeder von ihnen angesichts des fantastischen Panoramas für kurze Zeit alle irdischen Probleme und Sorgen über Bord geworfen und jene kosmopolitischen Momente durchlebt, die für uns Zurückgebliebenen kaum nachzuvollziehen sind. Und hat nicht jeder Raumfahrer einmal den Drang verspürt, irgendwann wieder in orbitale Gefilde zu entschwinden.

All dies ist vorerst nur noch "Raumfahrerschnee" von gestern. Von der Schönheit unseres Planeten schwärmen die derzeit einzigen Menschen im All - die Besatzungsmitglieder der Raumstation ISS - schon seit Wochen nicht mehr. Anstatt in ihrer knappen Freizeit das blaue Juwel zu bewundern, blicken die Astronauten mit einer Mischung aus Sorge und Betroffenheit auf Mutter Erde, werden sie doch tagtäglich beim Überflug über den asiatischen Kontinent mit bitteren Realitäten konfrontiert. Selbst der verstohlenste Blick aus den Lukenfenstern der ISS stimmt nur wenig hoffnungsvoll.

Seit einer Woche kann die ISS-Crew die Marschflugkörper und Bomben-Angriffe der USA auf Ziele in Afghanistan live beobachten - ähnlich wie dies vor zehn Jahren die damalige Besatzung der inzwischen im Pazifik versenkten russischen Raumstation Mir getan hat, als sie den Verlauf und die schrecklichen Auswirkungen der "Operation Wüstensturm" gegen den Irak aus ihrer Umlaufbahn verfolgte.

Dieses Mal ist es die dreiköpfige Expedition Three Crew, die ungewollt zu Augenzeugen geworden ist. "Vor allem die Explosionsblitze der Marschflugkörper waren aus dem All zu sehen", erklärte ein Sprecher der russischen Bodenleitzentrale bei Moskau. "Allerdings gehört es nicht zu den Aufgaben der ISS-Besatzung, Aufnahmen der Ereignisse zu machen." Zumindest am 12. September 2001 wich Kommandeur Frank Culbertson von diesem ungeschriebenen Gesetz ab. Einen Tag nach den Terrorattacken richtete der US-Astronaut seine Video-Kamera auf New York. Das von Culbertson gelieferte Bildmaterial, das die US-Weltraumbehörde NASA einige Tage nach der Katastrophe veröffentlichte, zeigt die Südspitze Manhattans als hellen Fleck, aus dem eine gewaltige Rauchsäule emporsteigt. Sie zieht von Manhattan in südlicher Richtung über Brooklyn hinweg und ist selbst über dem offenen Meer noch erkennbar. "I know it's a very difficult day for everybody in America right now, and I know folks are struggling very hard to deal with this and recover from it", so Culbertson erster Kommentar im O-Ton zu den Terrorattacken, wobei die sich anschließende Bemerkung weniger elegant klingt.

But the country still looks good. I just wanted the folks in New York to know that their city still looks very beautiful from space.

Dass die Freiheit über den Wolken zumindest für mehrere Tage in der Tat eingeschränkt war, bemerkten die ISS-Astronauten nach den Terrorangriffen anhand der geringen Flugfrequenz im amerikanischen Luftraum. "Es ist wirklich seltsam. Wenn wir die USA überfliegen, zeigt sich normalerweise am Himmel ein Spinnennetz von Kondensstreifen", so Frank Culbertson gegenüber dem NASA Mission Controll Center in Houston. "Nun aber ist der Himmel völlig leer. Es sind keine Kondensstreifen zu sehen. Es ist geradezu unheimlich."

Etwas untergegangen in der Presse ist übrigens die traurige Tatsache, dass auch die NASA von dem Terrorattacken unmittelbar betroffen war. Denn mit dem 49-jährigen Charles Edward Jones verlor die US-Raumfahrtbehörde zugleich ein ehemaliges Mitglied des Astronautenkorps. Jones war unter den 92 Opfern des American Airline Flugs 11. Eine Verkehrsmaschine dieser Fluggesellschaft steuerten die Entführer am 11. September in den Nord-Tower des World Trade Centers.

Seinerzeit sollte der US-Astronaut mit der STS-71-Mission im August 1987 ins All starten. Doch infolge des Challenger-Unglücks im Januar 1986 wurde sein Trip gecancelt.

Nach dem ersten erfolgreichen fünfstündigen Außenbordeinsatz vom letzten Montag, bei dem die Expedition Three Crew einen Kran und eine Leiter an der Internationalen Raumstation ISS montierte, stand gestern bereits der nächste, der insgesamt 28. Spacewalk an, den Astronauten für die ISS unternehmen. Er nahm seinen Anfang von dem Pirs Docking Compartment, dem russischen Andockmodul, das jetzt für den Betrieb einsatzbereit ist.

ISS-Spacewalker in Action

Russen und US Flight Controllers kamen kürzlich überein, am Donnerstag ein Experiment durchzuführen, bei dem zu Testzwecken drei sauerstofferzeugende Kerzen angezündet werden. Sollte das russische Luftversorgungssystem im Zvezda-Service-Modul ausfallen, würden die Kerzen, die in Spezial-Kanistern untergebracht sind, zum Einsatz kommen.

Letzten Montag wurden bei Arbeiten im All alle Vorgaben en detail beendet, wozu auch das Installieren der Telemetrie- und Datenkabel zwischen Pirs und Zvezda zählte, die vor drei Wochen verbunden wurden. Dezhurov und Tyurin befestigten ebenso Geländer, eine Leiter für den Einstieg, einen Cargo Kran und eine Andockzielvorrichtung sowie eine Navigationsantenne. Die schwerste Aufgabe bestand in dem Zusammenbau einer zwölf Meter langen Teleskopstange, mit der Astronauten und Ladung transportiert werden sollen. Es war der 100. Außenbordeinsatz russischer Astronauten seit 1965 - und das erste Mal, das ein Arbeitseinsatz im All von der ISS ausging, ohne dass dabei eine Raumfähre angedockt war.

Weil die Außenarbeiten im All allerdings länger dauerten wie geplant, musste ein Weltraum-Tauglichkeitstest nach hinten verschoben werden, der eine Überprüfung des an dem Pirs-Modul installierten Strela Cargo Krans vorsah. Das Experiment soll während des dritten Spacewalks am 5. November von Culbertson und Dezhurov nachgeholt werden. Das Hauptziel des jetzigen Außeneinsatzes hingegen besteht in der Fertigstellung der äußeren Verkleidung des russischen Andockmoduls Pirs. Da Dezhurov und Tyurin letzte Woche einige Verfärbungen bei den Steuerdüsen von Zvezda entdeckten, stimmten amerikanische und russische Verantwortliche dem Plan zu, ein weiteres Experiment, das eigentlich im Zvezda-Modul durchgeführt werden sollte, zu verlegen. Ursprünglich sollte das so genannte Kromka Experiment nicht auf der erd-, sondern der weltraumzugewandten Seite abgehalten werden. Nunmehr soll dies auf der Zvesda-Seite geschehen, wo sich die Schleusentür befindet. Besagte Versuchsreihe wurde entwickelt, um Wege und Möglichkeiten zu testen, mit denen die Verbreitung kontaminierter Partikeln, die offensichtlich beim Anzünden von konventionellen Raumschiff-Düsen entstehen, zum Schutz der Außenhaut späterer Raumschiffe minimieren werden kann.

Am 19. Oktober wird übrigens die Expedition Three Crew an Bord der Soyuz Kapsel gehen, die an der erdzugewandten Seite des Zarya-Moduls festgemacht ist. Hierbei soll das angedockte Soyuz-Raumschiff, das derzeit als Rettungsboot dient, abgedockt und an die Pirs wieder angedockt werden. Mit diesem Manöver wird das Zarya-Port für die Ankunft der Soyuz, die am 21. Oktober vom Baikonur Cosmodrome in Kazakhstan startet, freigemacht. An Bord werden Commander Victor Afanasyev, Flight Engineer Konstantin Kozeev und Flight Engineer Claudie Haignere von der CNES sein. Diese werden an die Station am 23. Oktober andocken und am 31. Oktober die Heimreise antreten.

Eine besondere Geste zum Gedenken der Menschen, die den Terroranschlägen von New York und Washington zum Opfer gefallen sind, hat sich die NASA einfallen lassen. Wenn im Rahmen der nächsten Shuttle Mission die Raumfähre "Endeavour" am 29. November mit der neuen Crew für die ISS gen Orbit startet, werden 6.000 amerikanische Flaggen mit an Bord sein. Sie werden nach Rückkehr der "Endeavour" an die Angehörigen der Opfer verteilt.

Wie die Raumfahrtbehörde NASA kürzlich mitteilte, müssen die drei ISS-Bewohner sogar aller Wahrscheinlichkeit nach länger im All bleiben als vorgesehen. Grund hierfür sind einige an der Außenhülle der Raumfähre Columbia entdeckte Schäden, die derzeit noch überprüft werden. Hierbei handelt es sich um Eindellungen an der Stelle, wo zwei Antriebe für Orbitmanöver angebracht werden. Diese Anbringpunkte unterliegen äußerst starken Kräften und müssen optimal geglättet sein. Zwar werden aus prophylaktischen Gründen auf diese Fehlerquelle hin alle anderen Fähren nochmals überprüft; dennoch wird der für den 29. November terminierte "Endeavour"-Start, so die NASA, über die Bühne gehen. (Harald Zaun)

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