Über die Gefahr von Monokulturen

Der Mangel an gesellschaftlicher Resilienz in der Corona Krise

Aus der Land- und Forstwirtschaft sind die Gefahren von Monokulturen bekannt. Zwar ist beim Anbau von gleichartigen Nutzpflanzen von Effizienzgewinnen und Synergieeffekten auszugehen. Diese Vorteile sind jedoch erkauft durch eine geringere Resilienz gegenüber allfälligen Gefahren. Durch den Befall mit Pflanzenkrankheiten oder Schädlingen werden Monokulturen in ihrer Gesamtheit gefährdet.

Doch warum dieser Verweis auf die Gefahren von Monokulturen? Funktionale Vielfalt, statt monokulturelle Einheit, ist doch geradezu Kennzeichen der modernen Gesellschaft.1 Die Gesellschaft ist, in der Unterschiedlichkeit etwa von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Erziehung, Religion, Kunst, vielfältig ausdifferenziert. Sie reproduziert sich kommunikativ anhand von unterschiedlichen "Funktionslogiken".

Und doch gibt es in den letzten Jahrzehnten Entwicklungen, die dieser Vielfalt entgegen laufen. Entwicklungen, die die Funktionslogiken gesellschaftlicher Systeme unterlaufen und monokulturelle Tendenzen und damit einhergehende Gefahren befördern. Gezeigt werden soll, dass diese Entwicklungen mit einer Schwächung gesellschaftlicher Resilienz einhergehen. Sie bewirken Gefahren die denen aus (landwirtschaftlichen) Monokulturen vergleichbar sind. Die aktuellen Reaktionen in Entgegnung der Bedrohung der Gesellschaft durch Virusinfektionen sind auch durch radikale Umwälzungen zu erklären, die oft als "Digitalisierung" der Gesellschaft beschrieben werden.

Digitalisierung

Was mit dem Phänomen der gesellschaftlichen Digitalisierung genau gemeint ist, bleibt oft unklar. Der Begriff wird vielfach als Leerformel gebraucht. Wir wollen im folgenden davon ausgehen, dass für Digitalisierung charakteristisch ist, dass sie anhand von Nutzerprofilen ermöglicht, Kommunikation unterschiedlicher Funktionssysteme zu vergleichen und so die Funktionslogiken der gesellschaftlichen Systeme unterläuft.2 So etwa in sozialen Medien wie Facebook, Instagram, Twitter, LinkedIn, etc. Die Resilienz der Gesellschaft, die sich aus ihrer Differenzierung in unterschiedliche funktionale Logiken ergibt, kann so korrumpiert werden.

Wenn etwa aus der Sicht der Pharmaindustrie bestimmte Forschungsergebnisse wirtschaftlich opportun erscheinen, wird durch funktionale Differenzierung abgesichert, dass wissenschaftliche Forschung sich diesen Opportunitäten gegenüber resilient zeigt. Gleiches gilt etwa für die Politik, die sich, das Gemeinwohl im Blick, resilient zeigen sollte gegenüber wirtschaftlichen Partikularinteressen, etwa die Steuergesetzgebung betreffend. Korruption, das Unterlaufen von gesellschaftlichen Funktionslogiken, kann also zur Abschwächung gesellschaftlicher Resilienz führen.

Die mit dem Phänomen Digitalisierung verbundenen Möglichkeiten und Gefahren sind nicht abstrakt. Die Kommunikation von unterschiedlich ausdifferenzierten Funktionssystemen bezogen auf Individuen zu vergleichen und zu aggregieren ("Big Data"), ist eine schon gegenwärtige Realität. Die alltägliche, selbstverständliche Nutzung von Smartphones ermöglicht den Vergleich von funktional unterschiedlicher Kommunikation.

Politische Kommunikation, etwa in der Nutzung von entsprechenden Diskussionsgruppen, wird mit wirtschaftlicher, so im Kauf von Waren und Dienstleistungen, mit künstlerischer, z.B. durch den Kauf von Tickets oder der Nutzung diverser "Streams", mit sportlicher, etwa in der Nutzung von Fitness Apps, erzieherischer Kommunikation, so z.B. in der Nutzung von Lernplattformen, oder etwa massenmedialer Kommunikation, etwa in der Nutzung von Zeitungsapps, vergleichbar gemacht.

Dieses sich erst durch Digitalisierung ergebende Potential erlaubt individuelle Benutzerprofile gemäß unterschiedlichen Parametern zu differenzieren. Neben der Kennzeichnung der modernen Gesellschaft als "funktional ausdifferenziert" tritt durch Digitalisierung eine weitere: nämlich die der "individuellen Differenzierung".3

So kann z.B. Benutzerprofilen unterschieden nach individuellem Kaufinteresse maßgeschneiderte Werbung zugeordnet werden. Dies ist derzeit eines der Hauptgeschäftsfelder von sozialen Medien, wie etwa Facebook. Auch Sicherheitsrisiken z.B. lassen sich mittlerweile individuell abschätzen, wie die Vorgänge um den von Edward Snowden aufgedeckten NSA-Überwachungsskandal zeigen. In politischer Hinsicht ist möglich geworden, die parteiliche Ausrichtung von Personen individuell zu taxieren und durch gezielte Beeinflussung, etwa opportune Nachrichten, Wahlentscheidungen zu beeinflussen, wie der Skandal um "Cambridge Analytica" zeigt. Als derzeit fortschrittlichstes System individueller Differenzierung muss das sich im Aufbau befindliche "Sozialkreditsystem" Chinas gelten, welches eine Bewertung individueller Reputation erlaubt.

Was aber haben diese unter dem Label Digitalisierung eingeordneten Entwicklungen mit der aktuellen Corona Krise zu tun?

Die Gleichschaltung gesellschaftlicher Funktionslogiken in der Krise

Die Perspektive einer individuellen gesellschaftlichen Differenzierung gemäß Nutzerprofilen ist mittlerweile in jahrelangem Gebrauch vor allem von sozialen Medien gesellschaftlich eingeübt. Sie ist common sense geworden. Diese Form der Differenzierung steht längs jener der funktionalen Differenzierung. Das Internet als Infrastruktur und die Beständigkeit von Nutzerprofilen durchdringt die Logiken der unterschiedlichen Funktionssysteme und macht diese nach Parametern wie Reputation oder Sicherheitsrisiko vergleichbar.

In der Perspektive der individuellen Differenzierung der Gesellschaft verwirklicht sich jene anfänglich erwähnte Monokultur, die wenig resilient gegenüber Gefahren erscheint. Die Gesellschaft kann sich gewissermaßen als Ährenfeld verstehen, gleichartig, wenn auch individuell ausdifferenziert.

Gefährlich ist an dieser Form der Differenzierung, dass sie plausibilisiert, dass aktuelle Pandemie gesamtgesellschaftlich in den Griff zu bekommen ist. Um Leben zu retten erscheint in panischer Vernunft zwingend, fast das gesamte gesellschaftliche Leben den Erfordernissen eines überlasteten Gesundheitssystems unterzuordnen. Es erscheint naheliegend, dass der Krise mit undifferenzierten moralischen Appellen entgegnet werden kann ("Together we're strong", "Bleibt alle zu Hause", "Solidarität!").

Es wird tatsächlich praktikabel - sicher ein durch Digitalisierung ermöglichtes Novum in der Menschheitsgeschichte -, dass mittlerweile der Hälfte der Erdbevölkerung Ausgangsbeschränkungen zugemutet werden kann! Eine Webseite der Johns Hopkins Universität, vermutlich aktuell eine der meistfrequentiertesten Adressen im Internet, steht symbolisch für die Wahrnehmung der Corona-Krise. Hier wird der Anzahl der nachweislich Infizierten, der Verstorbenen und der Genesenen individuell abgezählt.

Kein Funktionssystem der Gesellschaft bleibt von dieser undifferenzierten Perspektive unbeeinträchtigt. Wirtschaftliche Produktion und Dienstleistung wird weitestmöglich "heruntergefahren", kulturelle und sportliche Veranstaltungen werden abgesagt, Schließungen von Schulen und Universitäten werden hingenommen, Ländergrenzen werden geschlossen, der Tourismus kommt fast gänzlich zum Erliegen.

Aus der Perspektive einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft ist zu konstatieren, dass die derzeitige Krise kein Problem ist, das sich undifferenziert auf gesamtgesellschaftliche Weise bewältigen ließe, sondern gerade der unterschiedlichen Problemlösungspotentiale der Funktionssysteme bedarf.

So sorgen etwa Politik oder Wirtschaft in den Grenzen ihrer bestehenden Problemlösungskapazitäten, nämlich für gemeinhin gültige Regelungen zu sorgen bzw. Mangel an Produkten und Dienstleistungen zu beseitigen, für günstige Rahmenbedingungen in Entgegnung der Krise. Gleiches gilt etwa für das Informationen allgemein zugänglich machende System der Massenmedien. Das Problem der pandemischen Infektion selbst bleibt jedoch eines, welches im Gesundheitssystem bzw. im Wissenschaftssystem, etwa durch die Entwicklung von geeigneten Impfstoffen, zu bearbeiten ist.

Es mag hinzunehmen sein, dass sportliche oder kulturelle Veranstaltungen auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Ebenso mag hinzunehmen sein, dass die Bearbeitung etwa von erzieherischen, wissenschaftlichen, religiösen Aufgaben notbehelfsmäßig auf unbestimmte Zeit in "virtuelle Räume" verschoben wird. Nicht aber ist hinzunehmen, dass die Bearbeitung eines zentralen gesellschaftlichen Problems, nämlich das der Knappheit an Produkten und Dienstleistungen, welches die Wirtschaft behandelt, dermaßen extrem eingeschränkt wird, wie dies momentan der Fall ist. Dies auch deshalb, weil das Wirtschaftssystem vermutlich schon mittelfristig bis zum Kollaps überlastet wird, weil es die wirtschaftlichen Konsequenzen zu tragen hat, die sich aus den politisch erzwungenen Einschränkungen von fast aller anderen Funktionssysteme ergeben.

Derart werden eher kurz- als mittelfristig ungünstige Rahmenbedingungen - nämlich Mangelwirtschaft - verursacht. Diese würden dem Gesundheitssystem bzw. der Wissenschaft die Lösung des Problems Covid-19 erschweren. Absurd ist deshalb wirtschaftliche Folgen und potentielle Opfer der Pandemie gegeneinander auszuspielen: Geld oder Leben? Es geht nicht lediglich um das oberflächliche Problem der "Kosten" der Krise, sondern fundamental um das Problem lebensbedrohlicher Knappheit.

Es muss ausdrücklich festgehalten werden, dass sich das Problem knapper Güter in der Gesellschaft nur wirtschaftlich, nicht aber z.B. politisch lösen lässt. Durch die Politik bereitgestellte "Rettungspakete" finanzieller Art mögen - extrem kurzfristig im Sinne einer Überbrückung - Probleme des Mangels an finanziellen Mitteln lösen. Eine politisch verursachte Mangelwirtschaft an Gütern, die durch Masseninsolvenzen und Massenarbeitslosigkeit verursacht würde, wenn die Wirtschaft tatsächlich über einen längeren Zeitraum "heruntergefahren" wird, hätte in Verknüpfung mit üppigen "Rettungsschirmen" (Hyper-) Inflation zur Folge.

In den zeitlichen Dimensionen eines "lockdowns", wie er selbstverständlich fachspezifisch von Virologen bzw. Epidemiologen gefordert wird, wären Mangelwirtschaft und Inflation wohl nicht zu vermeiden. Dies zumal im Zuge der Globalisierung auch die Nahrungsmittelproduktion von internationalen Produktions- und Lieferketten abhängig ist.

Risikofolgenabschätzung

Bei aller Unsicherheit der aktuellen (wissenschaftlichen) Datenlage scheint relativ klar belegt zu sein, dass sich Coronainfektionen gewissermaßen als Generationenproblem darstellen. Insgesamt kann bei der Altersgruppe bis 60 Jahren - ohne Vorerkrankungen - davon ausgegangen werden, dass das Sterblichkeitsrisiko zumindest vergleichbar demjenigen üblicher und bekannter Grippeinfektionen ist. Bei der älteren Generation bzw. bei vorerkrankten Personen ist allerdings mit einer massiven Erhöhung der Mortalität zu rechnen.

Das Problem scheint demnach weniger das mit der Pandemie verbundene absolute Mortalitätsrisiko zu sein, sondern die innerhalb kurzer Zeit auftretende Vielzahl von schweren, (intensiv-) medizinisch zu betreuenden Krankheitsfälle eines zwar eingegrenzten, allerdings äußerst anfälligen Personenkreises. Diese Personen sind es letztlich, die das Gesundheitssystem potentiell überlasten. Darauf verweist nicht zuletzt auch das mit 79 Jahren hohe Durchschnittsalter der Todesfäll in Italien.

Aus dieser (mehr oder minder) gesicherten Faktenlage ergibt sich, welche Strategie zu verfolgen ist, um der Pandemie zu entgegnen. Nämlich die relativ klar umrissene Risikogruppe - ältere Personen und Vorerkrankte - vor Infektionen zu schützen und damit das Gesundheitssystem von der Behandlung von schwer verlaufenden Infektionsfällen zu entlasten. Infektionen vermeidendes "social distancing" sollte gezielt, also vor allem zwischen den Generationen erfolgen. Zudem gilt es Vorerkrankte unabhängig von ihrem Alter zu schützen.

Angesichts der gut fassbaren, sich ohnehin im Rentenalter befindlichen Risikogruppe besteht kein Grund das Wirtschaftsleben, bzw. das schulische Leben durch Schulschließungen massiv einzuschränken. Angesichts der relativ sicher gewussten Eigenheiten der Infektionen lässt sich in diesem Zusammenhang fast von einer "humanen" Pandemie sprechen. Zufälligerweise zählt gerade jene Generation zur Hochrisikogruppe, die das Beschäftigungsalter zumeist überschritten hat.

Vermieden werden sollten Maßnahmen, die den Kontakt zwischen den Generationen befördern, etwa Schulschließungen. Durch Schulschließungen notwendig werdende Betreuungsaufgaben von Schulkindern und Jugendlichen werden nämlich oft von der älteren Generation übernommen. Dies schlicht aus Gründen der Praktikabilität, zumal dann, wenn die Eltern einer Beschäftigung nachgehen. Unter diesen Umständen "social distancing" zu fordern, um Infektionen zwischen den Generationen zu vermeiden, ist unrealistisch.

Es ist interessant, dass derzeit (8.4.2020) lediglich Schweden (noch?) die beschriebene Strategie verfolgt. Dass diese Strategie aktuell eine Ausnahme ist, mag tatsächlich durch eine veränderte gesellschaftliche Selbstbeschreibung verursacht sein, die, wie oben gezeigt, durch Digitalisierung ermöglicht wurde. Einer in der Selbstwahrnehmung monokulturellen Gesellschaft, einer Gesellschaft, die sich gewissermaßen homogen, aber doch als "individuell ausdifferenziert" wahrnimmt, erscheint die Bedrohung durch das Coronavirus als eine gesamtgesellschaftlich zu "stemmende" Aufgabe. Tatsächlich aber ist dies eine extrem gefährliche Perspektive.

Dies nicht zuletzt deshalb, weil die dominante Perspektive eines moralisch unterfütterten generellen "social distancing" mit weitgehendem "Herunterfahren" der Wirtschaft extrem kurzsichtig ist. Jeder Fortschritt beim "Abflachen der Kurve" steht unter dem Vorbehalt, dass Erfolge nicht gefährdet werden dürfen, was sogenannte "Exitstrategien" allenfalls über Monate hinweg extrem risikoreich erscheinen lässt.

Dabei wäre selbst ein Triumph dieser Strategie, also idealer Weise eine komplette Eindämmung der Corona-Infektionen, ein Pyrrhussieg. Staaten, denen - unwahrscheinlicher Weise - eine Eindämmung gelingen würde, müssten sich zukünftig vom Rest der Welt abschotten, eine Quarantäne aller Einreisenden würde notwendig werden, was, einmal mehr, in einer globalen Gesellschaft katastrophale wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen würde.

Niklas Luhmann fragte, ob sich die Gesellschaft auf ökologische Gefahren einstellen könne. Vielleicht reicht als Antwort mittlerweile ein schlichtes "Nein". Der Erfahrung nach scheint die Gesellschaft nur auf unmittelbar auftauchende Gefahren planlos reagieren zu können. Schon Gefahren die innerhalb einer lediglich mehrwöchigen Frist absehbar sind, überfordern die Gesellschaft, wie die Vorgänge um die erlaubten Karnevalsumzüge in NRW zeigen. Die Bedrohung einer politisch verursachten Knappheit an Gütern scheint derzeit noch nicht unmittelbar genug, um darauf (zu spät) reagieren zu können.

6 (Jörg Räwel)