Über falsch verstandenen Lifestyle-Feminismus

Von der falschen Vision einer neuen modernen Frau, die alles machen kann, was sie will

Seit einiger Zeit sind in vielen Magazinen Porträts junger Start Up-Gründerinnen, Freiberuflerinnen und Frauen in Führungspositionen zu sehen. Sie stehen für die Vision einer neuen modernen Frau, die alles machen kann, was sie will. Fälschlicherweise meinen einige, dass es sich hierbei um eine neue Form des Feminismus handeln würde.

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Doch blickt man hinter die z. T. tatsächlich beeindruckenden Geschichten dieser Frauen, erfährt man, dass sich die meisten mitnichten als "Feministinnen" bezeichnen würden - aus den verschiedensten Gründen. Zu grau, zu verhüllt, zu lesbisch, zu männerfeindlich; der Feminismus hat viele Imageprobleme. Dennoch wird er diesen Frauen zugeschrieben, wenn auch in einer soften, vermeintlich "erträglicheren" Version.

Da gibt es zum Beispiel bauchfreie Shirts mit dem Aufdruck "Fem-Power" oder ähnlicher Bekennerschrift, denn inzwischen sind auch die großen Marken auf den Modefeminismus aufmerksam geworden und schwimmen ganz oben auf der Welle mit. Diese "neue Form" des Feminismus ist viel schöner, bunter, schriller, freizügiger und für viele auch alltagstauglicher. Feminismus zum Anziehen (und auch wieder Ausziehen). Damit erspart man sich auch gleich die Debatte über Frauenrechte, denn die Trägerinnen der Fem-Mode sind - nach eigenen Angaben - schon befreit genug. Der Lifestyle-Feminismus suggeriert jungen Frauen, dass sie alles ausprobieren, sein und machen können und auch machen sollten.

Die junge Gründerin scheint derzeit im Fokus dieser "Fem-Bewegung" zu stehen. Sie ist durch ihre Unternehmensgründung geradezu prädestiniert, Botschafterin für ein neues Frauenbild zu werden, denn die Unternehmensgründung ist nichts für Feiglinge. Zwischen dem Wust an neuen Ideen, von denen ein Großteil bald nach der Umsetzung wieder eingehen wird, strahlt ihre hervor wie eine Orchidee im Kakteenland, denn sie kommt von einer Frau. Und schon schreien alle: "Hurra! Emanzipation!"

Ganz falsch, Leute. Feministisch ist am Gründen von Firmen zunächst einmal rein gar nichts. Seit die entsprechenden Gesetze erlassen wurden, kann jeder ein Unternehmen ins Leben rufen, unabhängig davon, ob er Mann oder Frau ist. Dass dennoch im Jahr 2016 in Deutschland nur 13,9% der Unternehmen von Frauen gegründet wurden, ist in der Tat sehr bedenklich und wird zurecht hinterfragt, gibt aber keinen Anlass dazu, die 13,9% Gründerinnen als Feministinnen oder als besonders emanzipiert hinzustellen.

Dass von öffentlichen Trägern dennoch immer noch hervorgehoben werden muss, dass Frauen Unternehmen gründen und führen können, zeugt doch eher von der immer noch allgemein anhaltenden erbärmlich bourgeoisen Sicht auf die Welt. Dass Frauen gute Mütter sein können, möchte ja auch keiner extra betonen, das ist einfach selbstverständlich.1

Dennoch werden vor allem junge Gründerinnen überall unter dem Credo der alles könnenden (und wollenden) modernen Feministin abgelichtet und interviewt: Sie können ein Unternehmen führen, sie gehen reiten oder Polo spielen, machen Wellness, fahren Cabrio, kümmern sich um ihren Hund und das alles - so soll uns suggeriert werden -, weil sie ein ganz neuer Typ Frau sind: Emanzipierte Frauen, aber nicht so welche wie Alice Schwarzer, sondern eben moderne, aufgeklärte, männerfreundliche Feministinnen.

Dieses Heldinnen-Image lässt sich eigentlich nur noch durch eines toppen: die Mutterschaft. Und fertig ist die neue, angeblich emanzipierte Frau, die alles machen kann, was sie will, die in jede Rolle schlüpfen kann, nach der ihr gerade ist. Grenzen gibt es für eine Lifestyle-Feministin nicht und jetzt ist sie auch noch "Fem-Mutter", erzieht ihren Sohn zum Traumprinzen und führt gleichzeitig ihr Business. Irgendwie kann sie doch alles und gilt uns allen als Vorbild. Wenn sie mal wieder zu spät kommt, lächeln wir nachsichtig, denn die Kinder mussten noch schnell in die KiTa gebracht werden. Und wenn sie zu spät zur KiTa kommt, lächeln wir auch nachsichtig, denn sie musste gerade noch die Welt mit ihrem Onlineshop retten. Sie ist immer am Steuer, behält immer die Führung.

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Aber warum merkt eigentlich keiner, dass das alles nichts mit Emanzipation zu tun hat? Vor allem jene, die Führungsfrauen extra beklatschen, weil sie an allen Fronten ganz vorn stehen und gleichzeitig alles so toll unter den Hut bekommen, demontieren die Grundideen des Feminismus und entlarven sich selbst als ahnungslose Phrasendrescher. Denn wenn der Feminismus eines lehrt, dann ist es die Freiheit, nicht alles tun zu müssen, was eine moderne Frau so tun könnte (und da ist die Auswahl tatsächlich groß).

Aber moderne Frauen machen alles und sollen auch alles machen können. Und dafür zollen wir ihnen auch extra Respekt, denn ihre Ketten haben sie sich sogar freiwillig angelegt. Sie erfüllen nicht nur eine Rolle, wie ihre Mütter und Großmütter in vorherigen Jahrzehnten, sondern alle Rollen, die Frauen so zugeschrieben werden. Dabei merken sie auch gar nicht (vielleicht aus Zeitgründen), dass sie genauso gefangen sind, wie die Hausfrau in den 50er Jahren - sie wechseln einfach alle fünf Stunden den Käfig.

Wer also demnächst extra klatscht, weil eine Frau allein zwischen fünf Männern in einer Podiumsrunde sitzt und abgehetzt zur Veranstaltung kommt, weil sie noch schnell die Kinder beim Babysitter abgeben und ihren Mann briefen musste, der sollte sich doch mal ernsthafte Gedanken machen. Vielleicht fällt ihm dann auch auf, dass es nicht einer reinen Änderung der Strukturen bedarf, um Frauenförderung und Gleichberechtigung voran zu treiben.

Solange sich Frauen selbst unter Druck setzen und von anderen unter Druck setzen lassen, alle weiblichen Stereotypen bedienen zu müssen, werden sich die Machtmechanismen nicht einfach verschieben (lassen). Schon meine Oma wusste: "Man kann nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen." Es braucht also schon ein bisschen mehr, um bei Frauen den Mut zu wecken, nicht allen vorgegebenen Rollenbildern folgen zu müssen.

Eine aufgeklärte Erziehung zum Beispiel wäre ein Anfang. Wenn Mädchen dazu ermutigt würden, sich aussuchen zu dürfen, was sie tun wollen, ohne unter Druck zu geraten, weil sie anderes, vermeintlich "Weibliches" dadurch nicht tun können, müssten sie sich auch nicht allen möglichen Rollenkonzepten verschreiben. Es bedürfte auch keines Lifestyle-Feminismus mehr, um alle diese Rollenkonzepte unter einen Hut zu bekommen. Eine Portion Feminismus - ohne Lifestyle - wäre völlig ausreichend: Der Feminismus verspricht uns die Freiheit, das tun zu können, wozu wir uns (Frauen und Männer!) aus eigener Kraft und aus eigenem Willen und Wollen befähigt haben. Das beinhaltet auch, Entscheidungen für und gegen Rollenkonzepte treffen zu können. Viele Rollen erfüllen zu müssen, ist nicht besser, als eine Rolle erfüllen zu müssen.

Beim Feminismus geht es um die freie Wahl und eigene Mündigkeit, keine Rolle erfüllen zu müssen. (Marina Ahne)

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