"Übergang zum heißen Krieg"

Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow geht davon aus, dass die Nato Vorbereitungen für Angriffshandlungen trifft

"Die Nato hat angefangen, sich auf den Übergang vom Kalten Krieg zu einem heißen Krieg vorzubereiten." Das sagte der ehemalige Staatspräsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, am Samstag gegenüber der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Gorbatschow führte weiter aus: "Sie sprechen nur über Verteidigung, aber im Grunde treffen sie Vorbereitungen für Angriffshandlungen." Es sei verdächtig, wenn man in der Nato davon spreche, vor nichts Angst zu haben. Die in Warschau getroffenen Entscheidungen würden die Krise der Nato zeigen. Man wolle Russland provozieren, eine harte Reaktion zu zeigen.

In einem Interview mit Echo Moskvy warnte er, dass der Kalte Krieg, sollte er in einen wirklichen Krieg münden, der letzte Krieg sein könnte. Die Welt zerbreche, es gebe zu viele Konflikte, um die Kooperation zu beenden. Es sei unverantwortlich von der Nato, vier Bataillone "in Schussweite" der russischen Grenze zu stationieren. Russland riet er, nicht auf die Provokationen zu reagieren, sondern an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Mit deutlichen Worten meldete sich auch der Kreml-Berater Sergej Karaganow zu Wort, der erklärte, Moskau verstehe die "Nato-Osterweiterung" als Verrat, die militärische Präsenz vor der Haustür Russlands werde als "Provokation" betrachtet. Die immer wieder ins Spiel gebrachten Mutmaßungen, wonach Russland einen Angriff auf das Baltikum plane, bezeichnete Karaganow als "idiotisch".

Der Vorsitzende des russischen Council on Foreign and Defense Policy, einer einflussreichen russischen Denkfabrik, sagte darüber hinaus, der 1997 gegründete Nato-Russland-Rat sei kein "legitimes Gremium" mehr. Er habe letztlich zur "Deckung und Legalisierung der Nato-Erweiterung" gedient: "Als wir ihn wirklich brauchten - 2008 und 2014 - war er nicht da."

Karaganow erklärte, Russland wollte doch "das Zentrum eines großen Eurasien sein", dazu gehöre auch "der Subkontinent Europa". Allerdings werde nun, so der Kreml-Berater weiter, diese Vorstellung Russlands über eine gemeinsame Zukunft mit Europa für die nächsten Jahrzehnte "kein Modell" mehr sein. Der Kreml-Berater warnte eindringlich: "Wenn die Nato eine Aggression beginnt - gegen eine Atommacht wie uns -, wird sie bestraft werden."

Politische Korrespondenten vermuten jedoch, dass die Signale, die Russland während des Nato-Gipfeltreffens ausgesendet habe, eher auf eine "milde Reaktion" hindeuteten. Der Kreml Sprecher Dmitir Peskow habe das Nato-Treffen zwar kritisiert, aber er gehe davon aus, dass "der gesunde Menschenverstand die Oberhand gewinnt". Peskow merkte weiter an, dass Russland dialogbereit und an einer Zusammenarbeit interessiert sei, allerdings müssten auch die Interessen seines Landes berücksichtigt werden.

Deutlich wurde in den vergangenen Tagen auch nochmal, dass die vier Nato-Bataillone, die nach Polen und ins Baltikum geschickt werden, für Russland kein allzugroßes Problem darstellen dürften. "Aus militärischer Sicht", so merkte ein Vertreter eines regierungsnahen russischen Thinktanks an, haben sie keine Bedeutung." Andrej Kortunow, der Generaldirektor des russischen Rates für auswärtige Gelegenheiten, sagte während des Nato-Gipfels, Russland sei vielmehr über den Raketenschild besorgt, der in Europa aufgebaut werde. "Denn der Raketenschild wird als eine potenzielle Bedrohung für Russlands Zweitschlagkapazität gesehen", so Kortunow.

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