Übergewicht Kleinkinder: Wende durch striktere Vorgaben?

USA: Der Anteil der Fettleibigen unter den Zwei-bis Fünfjährigen sinkt

Im vergangenen Herbst gab es in der Kita zur Vorbereitung des immer frostigen St. Martins-Laternenwanderungstages eine interessante Frontenbildung: Zuckerbrezel-Bäcker gegen Rohkost-Schnippsler. Die Rohkost-Fraktion gewann; Süßes ist hoch problematisch geworden, die Bedenken dagegen haben politisches Übergewicht. Man wolle nicht die Aufklärungsprogramme über gesunde Ernährung, die in der Krippe beginnen und im Kindergarten eine große Rolle spielen, mit solchem unnötigen Zuckerwerk konterkarieren, so die Meinung der Rohkost-Sieger. Manches bleibt gleich: Das Nachbarsmädchen kommentierte neulich vorgesetzte Karottenschnippsel mit "gesund, aber tödlich!".

Aus den USA gibt es nun eine Erfolgsmeldung, die als wichtiger Fortschritt in der Änderung der Essensgewohnheiten gewertet wird. Zwar, so das Ergebnis einer aktuellen Studie zur Verteilung von Fettleibigkeit in den Vereinigten Staaten, leiden ein Drittel der Erwachsenen und 17 Prozent der Jugendlichen an (krankhafter) Fettleibigkeit, aber unter den Allerjüngsten zeichnet sich eine Trendwende ab.

Bei den 2- bis 5-Jährigen nahm der Anteil der als fettleibig Eingestuften ab. Lag er im Messzeitraum 2003-2004 noch bei 14 Prozent, so ist er anhand der Daten von 2011-2012 nun auf 8 Prozent gesunken. Gibt man dem Rückgang eine Prozentzahl, so erhält man einen dicke, schönen Wert: 43 Prozent, der zu aufsehenerregenden Überschriften taugt: "Der Anteil der Fettleibigen unter Kleinkinder sinkt in einem Jahrzehnt um 43 Prozent", titelt zum Beispiel die New York Times.

Experten, wie auch die Studienautorin Cynthia L. Ogden, die dazu befragt werden, sehen darin ein wichtiges, aufregendes Signal, das darauf hindeutet, dass die Bemühungen der letzten Jahre um eine besser Ernährung Wirkung zeigen, selbst wenn der Trend erst noch durch weitere Untersuchungen validiert werden muss. Kleinere Studien, durchgeführt in amerikanischen Bundesstaaten, hätten allerdings bereits ähnliche Tendenzen erkennen lassen.

Da man davon ausgeht, dass Fettleibigkeit oder starkes Übergewicht im jüngsten Alter mit hoher Wahrscheinlichkeit in späteren Jahren behalten wird (Übergewicht als Schicksal?), wird dieses Studienergebnis als Indiz dafür genommen, dass bei den Eltern der Kleinkinder die "neue Welle" angekommen ist.

Erklärt wird die "good news" von den Experten mit einer ganzen Reihe von Einzelmaßnahmen: angefangen vom Imagewechsel der Soft-Drinks durch Aufklärung, über den höheren Anteil stillender Mütter, den Rückgang kalorienreicher Kost, was sich auch in Einkaufsstatistiken zeigen würde; Ernährungsprogramme, für die sich Michelle Obama an Kinderbetreuungsstätten einsetzt; staatliche Unterstützung für Frauen mit geringem Einkommen, die ebenfalls den Konsum von Obst und Gemüse fördern - bis hin zum politischen Exempel, das der frühere New Yorker Bürgermeister gab, als er Restaurants dazu verpflichtete, beim Kochen auf bestimmte Fette zu verzichten, Kalorienangaben auf Speisekarten zu schreiben, sowie dessen Versuche, den Verkauf zuckerhaltiger Limonade in größeren Bechern zu verbieten.

Das Gesamtpaket macht's, so könnte man die unterschiedlichen Expertenerklärungen zusammenbringen. Das Weiße Haus geht inzwischen einen Schritt weiter: Man will nun gesetzlich regulieren, welche Art von Nahrung in den Schulen noch beworben werden darf.

Die Initiative dazu, die von Michelle Obama unterstützt wird, will Werbung für Nahrungsmittel, mit hohem Zucker-, Fett- und Salzanteil, verbieten. Geplant ist dies als Ergänzungsmaßnahme zu den Regeln, die ähnliches für die Mahlzeiten an den 100.000 staatlichen Schulen vorschreiben.

Ob die US-Offensive in dieser Form auch nach Europa schwappt, ist nicht ausgemacht. Zwar deuten die eingangs erwähnten Diskussionen in deutschen Kitas daraufhin, dass die Gesunde-Ernährungs-Welle hierzulande mit streng-dogmatischen Prinzipien in freudlose Richtungen abdriften könnte, aber gute Nachrichten gibt’s dazu aus Frankreich. Auch dort ist die Fettleibigkeitsdiskussion längst angekommen.

Anlass für eine bemerkenswerte Antwort ist die Veröffentlichung des jüngsten WHO-Berichts zum Thema. Der WHO-Bericht stellt fest, dass durchschnittlich jeder dritte Jugendliche in 53 Ländern Übergewicht hat; er spricht davon, dass Übergewicht in Europa zur "neuen Norm" werde.

Das französische Magazin Nouvel Observateur freute sich darüber, dass Frankreich zu den guten Ausnahmen gehört. Zusammen mit der Schweiz, mit den Niederlanden und den skandinavischen Ländern. Betont werden nun nicht Gemeinsamkeiten mit den anderen "guten Schülern" in der Klasse "gute Lebensführung und gesunde Ernährung", sondern die eigenen Traditionen: Mahlzeiten in Frankreich seien etwas Besonderes, ein kulturelles Erbe.

Sie sind mehr als nur Nahrungsaufnahme, betont Ernährungspsychologe, sondern ein Ritual, das auf Geselligkeit und auf Vergnügen aufbaut. Man begebe sich mit dieser Auffassung der Mahlzeiten eben nicht in eine Position, die dazu führt, das Essen aus einer Kontrollperspektive zu betrachten.

Das klingt angenehm nach der alten Idee von gutem Leben. Der "French way of life", den der Experte gegenüber dem amerikanischen hochhält, wird allerdings auch im Alltag nicht immer so bilderbuchhaft verfolgt. Die Tradition des gemeinsamen Mittagsessens der Kollegen in einem Restaurant ist an vielen Orten längst Vergangenheit. Auch Franzosen gehen zu MacDo.

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