Überwachungskapitalismus und Wissenschaftssteuerung

Die Metamorphose des Wissenschaftsverlags Elsevier zum Research Intelligence Dienstleister ist paradigmatisch für die neuen Möglichkeiten der Protokollierung und Steuerung von Wissenschaft

Schon seit der Mitte der 1920er Jahre wurden Daten genutzt, um die Leistung eines Wissenschaftlers zu protokollieren und zwar durch Nutzung bibliometrischer Informationen, wenn etwa die Zahl der Publikationen oder Zitationen dieser gezählt wurden. Heute stehen zur Steuerung von Wissenschaft ungeahnte Möglichkeiten bereit, Daten zu produzierten und genutzten Informationen zu sammeln und zu kombinieren, so dass die einst so wichtigen Zitationen eine nur noch untergeordnete Rolle spielen.

Zur Illustration dieses Wandels bietet sich ein Blick in die Historie des Verlags Elsevier und dessen Metamorphose zum Research Intelligence Dienstleister an, spiegelt dessen strategische Umgestaltung die neuen Möglichkeiten der Protokollierung und Steuerung von Wissenschaft doch nahezu idealtypisch wider.

Der Informationsanbieter Elsevier wurde im Jahr 1880 als Verlag gegründet, das Geschäftsmodell bestand im Verkauf und Vertrieb wissenschaftlicher Publikationen. Laut Outsell Report war Elsevier 2013/2014 mit 2525 Journalen der Verlag, der nach Springer inkl. BioMed Central (BMC) die zweitmeisten Zeitschriften publizierte, Springer und BMC kamen zusammen auf 2984 Journale. Aktuell legt Elsevier mehr als 2700 wissenschaftliche Zeitschriften auf, Springer Nature etwas über 3000, Wiley circa 2.500.

Geschäftsfeld Bibliometrie (2004)

Seit 2004 ist Elsevier nicht mehr nur ein Verlag, denn in diesem Jahr brachte man die Datenbank Scopus auf den Markt. Scopus ist eine Recherche- und Zitationsdatenbank und folglich ist für Herausgeber und Verlage eine Indexierung ihrer Journale in Scopus attraktiv. Allein schon die Aufnahme einer Zeitschrift in eine Recherche-Datenbank wird als Gütekriterium wahrgenommen, dies gilt noch viel mehr, wenn diese Datenbank Auskunft über den Impact, die meist (und umstrittener Weise) als Qualität interpretierte quantitative und durch Zitationszählungen ermittelte Resonanz einer Publikation gibt.

Aus der Perspektive des Scopus-Anbieters bedeutet dies, dass fremde Verlage ihm Content geradezu zur Auswertung aufdrängen und Elsevier selbst Daten über das Geflecht wissenschaftlicher Informationen nicht nur als Zitationsdatenbank teuer verkaufen, sondern auch für eigene Zwecke auswerten kann. Mit Scopus schaffte Elsevier, neben der eigenen Verlagsdatenbank ScienceDirect, einen zweiten Datenpool, gefüllt mit Informationen fremder Anbieter, gespickt mit Daten über die Kommunikation in wissenschaftlichen Journalen und mit Meta-Informationen dazu, wer (als Person oder Organisation) wieviel mit wem worüber publiziert und wer wie häufig von wem zitiert wird.

Geschäftsfeld Benchmarking (2009)

2009 schuf Elsevier mit SciVal ein weiteres, ganz neuartiges Angebot, dessen Zweck weder Recherche nach Publikationen noch Zitationszahlen dient, sondern vielmehr dem Benchmarking von Wissenschaftseinrichtungen. Dieser Dienst wird später noch detaillierter diskutiert.

Geschäftsfeld Forschungsinformation (2012)

Die Entwicklung weg vom traditionellen Verlagsgeschäft wurde immer offensichtlicher, als man 2012 den Anbieter Atira und dessen Forschungsinformationssystem PURE erwarb.

Forschungsinformationssysteme dienen nach außen der Darstellung der Leistungsfähigkeit einer Einrichtung, intern zu Benchmarking und Protokollierung der Forschungsleistung dieser. Unter anderem werden solche Systeme üblicher Weise mit Projektdaten, Finanzdaten, Publikationsinformation und Impactziffern gespeist.

Geschäftsfeld Reference Management (2013)

2013 hielt die Shopping Tour Elseviers weiter an und man erwarb die Literaturverwaltung Mendeley. Mendeley dient der Verwaltung wissenschaftlicher Literatur und hat überdiese eine Social-Network-Komponente zur Kontaktpflege mit Fachkollegen. Es erleichtert die Textproduktion und erlaubt das bequeme Einfügen von Referenzen in Publikationen. Ob Mendeley dem wirtschaftlich gut aufgestellten Anbieter Elsevier wirklich nennenswerte Einnahmen beschert, mag fraglich erscheinen: Die kostenfreie Endnutzer-Version bietet kaum beachtenswerte Unterschiede zur kostenpflichtigen Variante und auch die Campus-Lizenzen dürften finanziell nicht sonderlich ins Gewicht fallen.

Interessanter könnte Mendeley als Datenquelle sein, denn daraus lassen sich Informationen über die Relevanz publizierter Texte gewinnen, die noch zu jung sind, als dass sie hätten zitiert werden können. Weiterhin lässt sich die Wichtigkeit von Texten erfassen, die zwar sehr von großem Interesse zu sein scheinen, da viele Wissenschaftler sie sich in Mendeley merken, die jedoch nicht oder selten zitiert werden (z.B. weil sie eher für die Lehre oder Methodik als die Forschung relevant sind) oder deren Zitationen von klassischen Zitationsdatenbanken nicht erfasst werden, weil die zitierenden Quellen nicht von diesen indexiert sind.

Die Möglichkeit, Dokumente in Mendeley als Favorit zu markieren, ermöglicht sogar eine noch exaktere Bewertung deren Inhalts. Besser noch: Es ließen sich gar Informationen über zukünftige Forschung gewinnen, man müsste dazu nur auslesen, welche Themen in den Bibliotheken der Literaturverwaltungsnutzer gerade Konjunktur haben. Da Mendeley Nutzern auch Online-Profile bietet, sind diese geneigt hier akademischen Status (z.B. Student, Promovierender, Post Doc, Professor), Affiliation und fachliche Zuordnung zu hinterlegen, was noch treffsichere Einschätzungen zu thematischen Moden ermöglicht. Noch feinere Daten fallen an, wenn Mendeley-Nutzer ihren Account mit ihrer Autoren-ID in Scopus verknüpfen.

Geschäftsfeld Medienmonitoring (2015)

2015 kaufte Elsevier den Service Newsflo, der die Wirkung von Wissenschaft, Publikationen und Forschungsergebnissen in Medienberichten analysiert. Der Dienst wertet laut Website 45.000 News Outlets in über 20 Ländern aus (darunter die USA, Indien, China, Brasilien und mehrere europäische Länder) und wirbt mit einer hochpräzisen Suche nach Autoren-IDs und Affiliation durch eine Verbindung mit Scopus. Genauso betont man an gleicher Stelle die Verknüpfung

• mit Mendeley zur Bestimmung des gesellschaftlichen Einflusses von Forschung,

• mit SciVal zur Visualisierung der Resonanz einer Einrichtung und ihrer Forscher sowie

• mit PURE, für das ein Media Showcase mit Live-Feeds existiert, um aggregierte Daten der Presseberichterstattung über Forscher einer Institution zu erhalten und anzuzeigen.

Geschäftsfeld Forschungsdaten-Management (2015)

2015 launchte Elsevier schließlich den Forschungsdaten-Dienst Mendeley Data. Mendeley Data stellt kostenlosen Speicherplatz zum Ablegen von Forschungsdaten bereit. Naheliegender Weise nutzen manche Elsevier-Journale oder von Elsevier aufgelegte Society Journals (z.B. CELL Press) den Dienst, um Artikeln zugrundeliegende Forschungsdaten verfügbar zu machen. Solche mit Publikationen verbundene Datensätze werden auch in ScienceDirect mit dem entsprechenden Artikel nachgewiesen und verlinkt.

Geschäftsfeld Disziplinäre Open Access Repositories (2016)

2016 erstand Elsevier den Open-Access-Dienst Social Science Research Network (SSRN), eine Publikationsplattform für die Sozial- und Geisteswissenschaften, auf der vor allem Preprints und Discussion Papers erscheinen. Der Clou: Man hielt eine Technik in Händen, die sich auf andere Fachbereiche ausrollen lassen sollte (und die sich perspektivisch als Plattform vermarkten lassen würde) und hatte Zugriff auf Informationen aus noch nicht formal publizierter Forschung, die also z.B. noch nicht in Scopus oder Mendeley hinterlegt war.

Das Ausrollen der SSRN-Technik ließ auch nicht lange auf sich warten, noch 2016 startete Elsevier zwei Publikationsdienste für Working Papers aus den Naturwissenschaften, ChemRN und BioRN. Zwar ist die Nutzung SSRNs nach wie vor kostenlos möglich, allerdings versucht Elsevier Leser des Archivs mittlerweile verstärkt zur Registrierung zu bewegen.

Geschäftsfeld Elektronische Labordaten (2016)

Ebenfalls 2016 erwarb man einen Dienst, der in erster Linie Natur- und Lebenswissenschaftlern nützlich ist, Hivebench. Die Software erlaubt die Verwaltung von Experimenten, Protokollen, Analysen und Daten. Man wirbt mit den Möglichkeiten der umfassenden, konsistenten und strukturierten Datenerfassung mittels Hivebench, das eine einfache und sichere Möglichkeit zur Verwaltung und Aufbewahrung von Protokollen und Forschungsdaten biete.

Als Anreiz zur Nutzung von Hivebench in Kombination mit anderen Elsevier-Diensten sprechen Komfort und einfache Datenhaltung, exemplarisch werden auf der Website die Integration von Hivebench und Mendeley Data empfohlen, u.a. zur Sicherung der Langzeitarchivierung von Forschungsdaten.

Geschäftsfeld Institutionelle Open Access Repositories (2017)

2017 bediente sich Elsevier nochmals im Open-Access-Segment und übernahm den Repository-Anbieter Bepress. Anders als SSRN, BioRN oder ChemRN, die zentrale fachliche Publikationsserver sind und nicht als Hosting-Lösungen angeboten werden, ist Bepress eine Software, die Forschungseinrichtungen selbst betreiben, um Wissenschaftlern eine Plattform zur Open-Access-Publikation zu bieten. Elsevier bewirbt Bepress mit den bekannten Lockmitteln Showcase und Impact: "Campuses can promote faculty and their expertise with scholarly profiles and expert galleries. And administrators can use industry-leading readership analytics to track impact and share it with stakeholders."

Die Pressemitteilung Elseviers anlässlich des Erwerbs von Bepress zitiert Bepress CEO Jean-Gabriel Bankier mit den Worten "Now with Elsevier we'll be stronger and better by applying more technologies and data and analytics capabilities to help more institutions achieve their research goals." Ein Kommentar, der vermitteln soll, wie unerlässlich Datenanalysen für eine Wissenschaftseinrichtung sind, die nicht scheitern, sondern ihre Ziele erreichen will.

Geschäftsfeld Altmetrics (2017)

Im Februar 2017 akquirierte Elsevier schließlich den Altmetrics-Anbieter PLUM Analytics, dessen Service PLUM X, wie andere Altmetrics-Dienste auch, Impact wissenschaftlicher Objekte zu erfassen sucht, der sich nicht (nur) in Zitationen manifestiert, sondern z.B. in der Anzahl der Tweets, der Likes, des Vorkommens in Mendeley-Bibliotheken.

PLUM X unterscheidet sich von vergleichbaren Angeboten wie Impactstory oder Altmetric.com durch den offenkundig kompetitiven Anspruch und seine Benchmarking-Funktionalitäten und bringt eine Fülle an Informationen über die Verbreitung wissenschaftlicher Objekte in Social Media, Nachrichten, Literaturverwaltungssystemen und einer Vielzahl anderer Kommunikationskanäle wissenschaftlicher wie nicht-wissenschaftlicher Natur mit sich. Die Liste der Objektarten (oder in der PLUM-Terminologie: Artefakte), die PLUM X trackt, umfasst derzeit 67 Typen, unter anderem auch Audio-Dateien, Blogs, Broschüren, Software Code, Datensätze, Designs, Expertenmeinungen, Regierungsdokumente - eine für Thinktanks interessante Perspektive.

Vom Verlag zum Betriebssystem - Dependence through Convenience

Allein diese, nicht abschließende Liste der Angebote Elseviers zeigt: Elsevier hat ein Betriebssystem mit hoch-integrierten Diensten erschaffen, das ein Wissenschaftler in jeder Arbeitsphase nutzen kann.

Man tauscht sich mit seinen Kontakten in Mendeley aus, dort sammelt und verwaltet man zugleich seine Literatur. Preprints oder andere Dokumente stellt man in SSRN-ähnliche Repositories ein, die (wie bei SSRN teils der Fall) mit einschlägigen Journalen gekoppelt sind, oder auf einen lokalen Bepress-Server. Artikel erscheinen in Elsevier-Journalen, die in ScienceDirect nachgewiesen werden und deren Zitationen in Scopus erfasst sind. Wird eine wissenschaftliche Leistung dann bewertet, gehen darin Informationen aus Scopus und PLUM X ein.

Sogar Herausgeber eines nicht bei Elsevier erscheinenden Journals bemühen sich darum, dass dieses in Scopus indexiert oder via PLUM X ausgewertet wird. Forschungsdaten verwaltet man mit Hivebench und publiziert sie mit Mendeley Data, ihr Impact wird mittels PLUM X erfasst. Literatur, Forschungsdaten und Forschungsinformationen verwalten, teilen, publizieren, indexieren, analysieren, bewerten und jede dieser Tätigkeiten verkaufen - das alles bietet Elsevier. Die Resonanz und Bewertung der Forschung innerhalb der Wissenschaft messen Scopus und PLUM X, außerhalb der Wissenschaft erledigt dies Newsflo. Allerdings, man ahnt es, muss man das System nicht nur nicht verlassen, man kann es nicht umgehen und seine Apps nicht ignorieren.

Googleisierung?

Wer angesichts Elseviers beeindruckender Datensammlung auf den Vergleich mit Google verfällt, darf beunruhigt sein. Jedermann kann Googles Sammeleifer (durch Verlust auf Komfort) einigermaßen entgehen und alternative, starken Wert auf Privatsphäre setzende Suchmaschinen wie DuckDuckgo nutzen oder auf Android-Smartphone und GoogleMail verzichten.

Ein Wissenschaftler kann allerdings nicht verhindern, dass ein Dienstanbieter wie Elsevier ihn ausmisst. Selbst wer nicht in Elsevier-Journalen publizieren will, wird nicht verhindern können, dass seine Artikel in Scopus indiziert werden - besser noch: Er wird, sogar als etwaiger Anhänger eines der vielen Elsevier-Boykotte , die Indizierung in Scopus begrüßen, ist diese doch allein schon ein Zeichen von Reputation. Überdies erlaubt diese Indizierung, dass der Zitationsimpact (als vermeintlicher Qualitätsindikator) für seine Publikationen ermittelt wird und die Datenbank einen Hirsch-Index für ihn ermitteln kann.

Und sind die Publikationen erst einmal in der Welt, werden sie in einem der Elsevier-Dienste früher oder später wie von selbst Spuren hinterlassen: Etwa, wenn Leser sie in ihre Mendeley-Bibliotheken speichern oder sie in einer der vielen Datenquellen des Altmetrics-Dienstes PLUM X erwähnen. Wer sich als Wissenschaftler ehedem gegen die Nutzung der Literaturverwaltung Endnote entschloss, weil er seine Daten partout nicht dem Elsevier-Konkurrenten und Endnote-Anbieter Thomson Scientific anvertrauen wollte, sondern sich für Mendeley entschied, musste sich eingestehen, dass alle gutgemeinten Überlegungen und die Nutzung innovativer Software kleiner Anbieter angesichts Elseviers geschickter Akquise-Strategie irgendwann obsolet sind.

Derartiger Fatalismus dürfte sich genauso unter Hochschulen verbreitet haben, die sich aus ähnlichem Dafürhalten gegen die Nutzung des Forschungsinformationssystems CONVERIS, ebenfalls eines Produkts von Thomson Scientific, aussprachen und lieber auf das später von Elsevier gekaufte System PURE setzten. Schlimmer noch dürfte es die Open-Access-Community getroffen haben, die den Dienst SSRN und zahlreiche Bepress-Server bewarb und aktiv nutzte, um den nicht-kommerziellen Zugang zu wissenschaftlichen Informationen zu fördern - nur um eines Tages verdutzt festzustellen, dass man jahrelang sehr eifrig Content-Akquise für Elsevier betrieben hatte.

Und genau wie Android-Handys mit vorinstallierten Google-Apps wie Maps oder Mail ausgeliefert werden, geht Elsevier auch dazu über, Scopus und SciVal bei landesweiten Konsortien in einem Bundle mit seinen Publikationen zu vermarkten, so aktuell in Ungarn und kürzlich in Polen. Warum sich also als Wissenschaftsbürokrat den Kopf über angemessene Leistungsbewertung zerbrechen, wenn Elsevier doch ein Instrumentarium vermeintlich frei Haus liefert?

Data is King

Elsevier hat offensichtlich die Zeichen der Zeit früher erkannt und besser gedeutet als andere Anbieter, wie z.B. Wiley oder Springer Nature, die dem Motto Content is King verhaftet scheinen, und versteht sich lange nicht mehr Verlag, sondern als "global information analytics business". Erklärte Dienstleistung Elseviers sind "Information analytics" und damit längst nicht mehr der Vertrieb und Verkauf wissenschaftlicher Publikationen.

Die systematische Aufbereitung der in den oben erwähnten Services gesammelten Daten leistet in erster Linie das Angebot SciVal. Schon jetzt erweisen sich dessen Funktionalitäten als - je nach Sichtweise - verführerisch oder gefährlich: Für das Benchmarking sowie für Empfehlungen der Ausrichtung zukünftiger Forschung können zahlreiche Parameter ausgewertet und vielfältige Aussagen getroffen werden. Elsevier macht Einrichtungen SciVal unter anderem durch folgende Funktionen schmackhaft:

* "Create and select research entities: Test scenarios by modeling any Research Areas or groups such as newly evolving interdisciplinary Research Areas, groups of researchers to apply for a large-scale grant program, and departmental renovations"

* "Select metrics: Select and combine any set of metrics to measure an institution's or a country's productivity, citation impact, collaboration, subject disciplinarity, visibility and more."

* "Benchmark your progress: View the relative performance of your institution, specific departments, research groups or selection of researchers."

*"Develop collaborative partnerships: Identify and analyze existing and potential collaboration opportunities based on publication output and citation impact."

* "Analyze research trends: Analyze the research trends of any Research Area with citation and usage data, to discover the top performers and rising stars."

Auch die Weiterentwicklung SciVals wird skizziert: "We are expanding SciVal from being a purely evaluative and analytical tool to being an integral part of your research planning process." SciVal soll eine Planungsinstanz mit Eigenschaften der Predicitve Analysis sein: "You are now able to run a complete portfolio analysis to see which Topics your institution is currently active in, and which Topics have high momentum, those therefore more likely to be well-funded. It will provide insight into which researchers are active in those Topics, which Topics your peers and competitors are active in and the related Topics of which you should be aware."

Eine derartige Integration der Dienste schafft jedoch Abhängigkeit verschiedenster Art, z.B. auf Ebene der Konsumenten (sprich der Leser und wissenschaftlicher Nutzer der Dienste), allerdings auch der individuellen und institutionellen Entscheidungsprozesse (die implizit aus der öffentlichen Hand gegeben werden) und der Produzenten, sprich der Wissenschaftler, die die Dienste zur Verbreitung ihrer Inhalte nutzen müssen, wenn sie nicht durch nachteilige Bewertung gestraft werden wollen.

Abhängigkeit: Na und?

Ein Angebot wie SciVal kann als Werkzeug verstanden werden, das in Zeiten knapper Mittel und der Vorstellung von Hochschulen als Unternehmen Mittel und Personal ökonomisch einzusetzen hilft. Dass Elsevier diese Randbedingungen nutzt, um Angebote zu entwickeln, zu kaufen und zu vermarkten, ist nicht zu kritisieren, denn die RELX-Gruppe als Mutterkonzern Elseviers muss als Wirtschaftsunternehmen das erklärte Ziel haben, möglichst viel Geld zu verdienen.

Auch der Anbieter Digital Science (im Besitz der Holtzbrinck Publishing Group, die 53 % der Anteile an SpringerNature hält) bietet ein ähnliches Angebotsportfolio z.B. mit Figshare als Repository zur Publikation von Texten, Daten, Software, etc., Symplectic als System zu deren Sammlung, Verwaltung und Analyse, Labguru zur Labordatenverwaltung, Readcube als Literaturverwaltungs- und -recherche-Tool, Overleaf als kollaborativem Schreibwerkzeug, Altmetric.com zur Messung alternativen Impacts, ÜberResearch als Entscheidungshilfe für Wissenschaftsförderer und Dimensions als SciVal-Pendant.

Gleiches gilt für Clarivate Analytics, das unter anderem diese, teils von Thomson erworbene Dienste anbietet: Das Web of Science als Impact-/Zitationsdatenbank, die Journal Citation Reports als Datenbank zur Bestimmung des Journal Impact Factors, Endnote als Literaturverwaltungssoftware, Converis als Forschungsinformationssystem, Publons zum Tracking von Peer-Review-Aktivitäten, Authorea als kollaboratives Schreibwerkzeug und Professional Services & Essential Science Indicators als SciVal-Pendants mit Außen- und Innenperspektiven inklusive Recruiting-Funktionalitäten.

Man mag nun konstatieren, dass kommerzielle Anbieter, ganz gemäß der Marktlogik, die Nachfrage nach Diensten stillen - sollte allerdings nicht vergessen, dass diese Nachfrage sicher auch Ergebnis einer Unterfinanzierung der Hochschulen ist, die selbst derartige Dienste nicht anbieten können. Problematischer dürfte sein, dass Publikation, Kuratierung und Bewertung von Wissenschaft zusehends in der Hand privatwirtschaftlicher Akteure liegen.

Die Ökonomisierung der Wissenschaft hat längst die Kuratierung wissenschaftlicher Informationen erreicht, so nennt der Report "Open innovation, open science, open to the world - a vision for Europe" der Europäischen Kommission Elsevier, Springer Nature und dessen Tochter Digital Science, Google und Wikimedia als Verwalter wissenschaftlicher Informationen.

Eine riskante Gratwanderung, bedenkt man, was geschieht, wenn der Return on Investment aus den bereitgestellten Diensten hinter den Erwartungen der kommerziellen Anbieter zurückbleibt. Elsevier etwa stellte seine als "most comprehensive scientific research tool on the web" angepriesene Suchmaschine Scirus 2014 klammheimlich ein. Besonders die Verwobenheit von Publikation und Bewertung von Wissenschaften sollte, wie Stefan Klein & Joschka Hüllmann bezogen auf Elsevier festhalten, als äußerst sensibel betrachtet werden: "Die potenzielle Interessenkollusion der Rollen Verlag und Rankingdienstleister widerspricht den Regeln guter Governance, ist aber Teil von Elseviers Geschäftsmodell."

Planwirtschaft mit Datenkapitalismus

Es drängen sich gleich verschiedene Metaphern auf, um die sich entfaltenden Szenarien zu beschreiben, eine betriebswirtschaftliche, gepaart mit Elementen des Krieges, des Datenkapitalismus und der Planwirtschaft und eine Metapher der Zucht.

Die betriebswirtschaftliche Metapher ist durchsetzt mit dem Jargon der Kalkulation und Effizienz, in Gestalt berechneter Kooperationen mit prognostizierten Drittmittel-Einnahmen und empfohlenen Partnerschaften mit erwirtschafteten Renditen in Form von Impact-Raten sowie Exzellenz-Attributen. Ein Szenario, das neben den Gewinnern selbstredend Verlierer braucht, weswegen das Moment des Wettbewerbs nicht fehlen darf: "Showcasing research is critical as competition increases among institutions to secure funding and attract faculty and students", verlautbarte Elsevier anlässlich der Bepress-Akquise.

Der Nutzen des Dienstes PLUM X wurde (vor dem Kauf durch Elsevier) folgerichtig mit Worten, die weniger an Wissenschaft als Public Good gemahnen, sondern an Wissenschaft als darwinistischem Überlebenskampf, geschildert: "Arm your researchers to compete for funding", hieß es 2016 auf der PLUM Website. Auch 2018 wohnt der Verkaufsargumentation eine militärische Konnotation inne, denn Festlegungen müssen strategisch sein: SciVal "… will revolutionize the way in which you develop your research strategy". Werden die strategischen Vorgaben umgesetzt, wandeln die Wissenschaftler sich von freien Akteuren zu Erfüllungsgehilfen eines von Research Intelligence Providern geschmiedeten Plans. Diese sich abzeichnende wissenschaftliche Planwirtschaft wird allerdings paradoxer Weise durch einen radikalen Marktwettbewerb zwischen Hochschulen legitimiert. Man mag hier auf einen Vergleich mit China verfallen, das nach außen in Konkurrenz zu anderen Staaten stark wettbewerbsorientiert agiert, sich intern aber nach wie vor planwirtschaftlerisch gibt.

Diese Melange wird abgerundet durch eine Sahnehaube Datenkapitalismus der besonderen Art. Die kostenpflichtigen Planungswerkzeuge formulieren ihre Vorgaben anhand von Informationen, die die Wissenschaftler selbst produzierten und zwar in Diensten, die sie selbst kostenlos nutzen können wie Mendeley, SSRN oder Bepress und auch solchen, die die Hochschulen Geld kosten, wie wissenschaftliche Zeitschriften oder Forschungsinformationssysteme.

Andere Ausführungen auf der früheren PLUM Website, "Determine who should apply for grants" und "Find collaboration partners", verwiesen auf die zweite Metapher, die biologische der Auswahl und Zucht. Diese findet sich, wie erwähnt, auch in den werbenden Beschreibungen zu SciVal, wenn es heißt: " Identify and analyze existing and potential collaboration opportunities based on publication output and citation impact" bzw. "Test scenarios by modeling (…) groups of researchers to apply for a large-scale grant program". Wobei diese dirigistische Komponente der betriebswirtschaftlichen implizit zuwiderläuft.

Bestimmte Entscheidungen, z.B. welcher Forscher sich in Kooperation mit andern Forschern um Drittmittel einer Förderorganisation bemüht, sollen nicht mehr so ohne Weiteres alleine dem Forscher selbst überlassen sein, sondern mit Hilfe der Daten eines Research Intelligence Anbieters getroffen werden. Ähnlich sollen Kooperationen nicht mehr basierend auf Einschätzungen und Expertisen der Wissenschaftler zustande kommen, sondern gezielt nach Effektivitäts - und Rentabilitätskriterien ausgerichtet werden. Eine Vorstellung, die (bislang?) eher an Zuchtprogramme ("Determine who should apply for grants" / "modeling (…) groups (…) to apply for a large-scale grant program") oder Zwangsehen ("Find collaboration partners" / "Identify (…) potential collaboration opportunities"), denn an freie Wissenschaft denken lässt.

Wer diese Assoziationen weitertreibt, gelangt unweigerlich und sehr schnell zu sehr skurrilen bis unschönen Vorstellungen von Designer-Babys, Inzucht, Degeneration und Sterilität bis hin zu nicht von Wissenschaftspartnervermittlungen bewilligten wilden Ehen zwischen Forscherteams, die, man mag es kaum schreiben, Projektbastarde hervorbringen. Die Partnervermittlung ElitePartner trägt bereits einen passenden Namen und könnte womöglich Dienstleistungen der Beziehungs-/Kooperationsanbahnung für Hochschulen anbieten.

So deftig, so düster: Denn eine Wissenschaft, deren Protokollierung und Steuerung sich immer weiter vorantreiben und deren Entwicklung durch herbeikalkulierte Kooperationen und Selektionen immer geplanter wird, perfektioniert sich am Ende womöglich zu Tode. Schließlich lehrt uns die Evolution, dass jeder Verbesserung und jedem Selektionsvorteil eine Abweichung vom genetischen Plan, eine Mutation, ein Regelbruch, kurzum: ein Fehler vorhergehen muss. Allesamt Phänomene, die eine ausgefeilte Research Intelligence zu eliminieren verspricht.

Ulrich Herb ist Informationswissenschaftler und Soziologe, tätig für die Universität des Saarlandes, zudem forscht er freiberuflich - aktuell unter anderem zu Datenkapitalismus in der Wissenschaft. Der Text ist eine überarbeitete Version des von Herb, U. (2018). Zwangsehen und Bastarde : Wohin steuert Big Data die Wissenschaft? In: Information – Wissenschaft & Praxis, 69(2-3), S. 81-88. DOI:10.1515/iwp-2018-0021, Open Access..