Überwindung des Feuers

Interview mit dem Energie-Fachmann Gustav R. Grob anlässlich des Inkrafttretens des Kyoto-Protokolls

In den letzten 100 Jahren hat sich die durchschnittliche Temperatur auf der Erde um 0,6 Grad Celsius erhöht. In den kommenden 100 Jahren werden die Menschen durch die unbekümmerte Verbrennung fossiler Brennstoffe das Weltklima um bis zu sechs Grad aufgeheizt haben. Klimaforscher greifen längst zur Schilderung dramatischster Szenarien (Ein Grad Celsius von der Klimakatastrophe entfernt?), um vor der kommenden Klimakatastrophe zu warnen: Arten- und Ökosystem-Sterben, Anstieg des Meeresspiegels, Dürren, Hungerkatastrophen, Trinkwassermangel. (Eiswüste in Europa, Nuklearkriege und andere Schreckensszenarien).

Um die globalen Erwärmung zu kontern, ist seit heute das Kyoto-Protokoll in Kraft. Die Bundesregierung hat Recht, wenn sie sagt, das Protokoll sei ein "Meilenstein für den Schutz des Weltklimas". Die Frage ist nur, ob er ausreicht. Zu dieser und anderen Fragen äußert sich der Energie-Fachmann Gustav R. Grob.

Mit der Ratifizierung des Kyoto-Protokolls haben sich die teilnehmenden Industrieländer verpflichtet, ihren Ausstoß von Treibhausgasen in den nächsten drei bis sieben Jahren um mindestens fünf Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Das Protokoll ist völkerrechtlich bindend. Bei Nichteinhaltung erhöht sich die Verringerungspflicht für die darauf folgenden fünf Jahre. Außerdem erlischt das Recht, "flexible Mechanismen" wie den Handel mit Ausstoßrechten zu nutzen. Mit diesen Mechanismen sind manche Teilnehmerstaaten ins Boot gelockt worden, darunter im November die Russische Föderation. Ohne deren Ratifizierung hätte das Protokoll nicht in Kraft treten können. Nach wie vor nicht im Boot sind die USA, ihr Partner Australien, außerdem China und Indien. Doch der amerikanische pro-Kopf-CO2-Ausstoß ist 22mal größer als der indische und neunmal als der chinesische.

Gustav R. Grob ist Fachmann für unerschöpfliche und erneuerbare Energien. Als Generalsekretär und Initiator der 2002 gegründeten International Sustainable Energy Organisation (ISEO) koordiniert er weltweite Bestrebungen in Richtung sauberer, erneuerbarer Energien. ISEO bündelt die Arbeit vieler UNO- und Nichtregierungs-Organisationen (NGOs) und ist eine treibende Kraft in Richtung einer weltweit gültigen Energie-Gesetzgebung und -Normierung. Der gelernte Ingenieur und Manager ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen über Energie, nachhaltige Entwicklung, Standardisierung und Wirtschaftsethik. Er ist Redakteur des Blueprint for the Clean, Sustainable Energy Age, einem Energie-Handbuch für Politik, Industrie, NGOs, Banken und Wissenschaft. Dieses Handbuch empfiehlt u. a. die Umsetzung der Global Energy Charter for Sustainable Development und internationaler Standards, die Grob mitinitiiert hat. Gustav R. Grob ist 1937 in Wattwil geboren worden und lebt noch immer in der Schweiz.

Herr Grob, welche Rolle spielt Energie in unserer Zivilisation?
Gustav Grob: Ohne Energie wären wir noch im Steinzeitalter. Sie hat überhaupt erst das moderne Leben ermöglicht. Energie ist das Rückgrat der Wirtschaft. Sie ist der größte Wirtschaftssektor, sie ist der größte Investitionssektor, und sie wird der größte Wachstumssektor in den nächsten Jahrzehnten sein. Das Wachstum der weltweiten Energiebedürfnisse ist beängstigend. Das kann und darf man nicht mehr decken mit mineralischen Energieressourcen, also Kohle, Gas, Petroleum und Uran. Es müssen neue Energiequellen gefunden werden - entweder unerschöpfliche oder erneuerbare Energie. Wasserstoff als neuer sauberer Energieträger und -speicher ist eine der Hoffnungen, denn das Universum besteht zum größten Teil aus Wasserstoff. Was noch rascher an Bedeutung gewinnen wird sind Elektrofahrzeuge dank drastisch erhöhter Energiedichte in neuartigen Batterien, was viel wirtschaftlicher und sicherer ist und den Wasserstoff als Treibstoff eigentlich überflüssig macht.
Sie haben kürzlich in einem Vortrag gesagt, die Menschheit stehe vor einer "kolossalen Aufgabe". Bitte beschreiben Sie diese Aufgabe.
Gustav Grob: Wir stehen als Menschheit vor der Aufgabe, über die Anwendung des Feuers hinauszukommen. Das Feuer steckt heute in allen Verbrennungsmotoren, Heizungen und thermischen Kraftwerken. Von diesem Verheizen nicht erneuerbarer Rohstoffe wegzukommen, ist die riesige Aufgabe dieser Generation. Die Aufgabe ist enorm, in jeder Beziehung: Wissenschaftlich - man braucht mehr innovative Köpfe. Wirtschaftlich - es müssen gigantische Geldsummen zur Forschung, Entwicklung und Implementierung aufgebracht werden. Logistisch - in China wird z.B. 80 Prozent der Eisenbahnkapazität zum Kohletransport verwendet. Es wird weltweit viel zu viel Energie verbraucht, bloß um Brennstoffe an Bestimmungsorte zu bringen.
Zu den neuen Energien zählt ISEO Energie aus Wind, Wasser, Biomasse, der Erde und den Gezeiten, natürlich auch der Sonne oder durch Muskelkraft. Haben diese unerschöpflichen oder erneuerbaren Energien überhaupt das Potential, mineralische Energien zu ersetzen?
Gustav Grob: Absolut! Wir haben für die Bonner Umweltkonferenz 2004 eine Studie gemacht. Demnach können wir uns praktisch ewig mit erneuerbaren Energien versorgen. Allerdings wird es ab 2050 eine Versorgungslücke geben, weil das Potential von Biomasse, Wasserkraft und Windkraft bei der erwarteten jährlichen Verbrauchszunahme von mindesten zwei Prozent dann erschöpft sein wird. Gute Windstandorte erschöpfen sich jetzt langsam, z.B. in Deutschland, und die Schweiz hat fast überhaupt keine lohnenden. Die Wasserkraft ist in der Schweiz zu 90 bis 95 Prozent ausgenutzt. In Deutschland, Norwegen und Schweden sieht es ähnlich aus. Die Solarenergie ist theoretisch natürlich unglaublich groß, 10.000mal größer, als wir effektiv brauchen, hat aber für die hohen Investitionen eine schlechte Ausbeute. Auch die Ozeanenergie ist sehr groß, hat aber ihre Tücken.
Was ist die Globale Energie-Charta für nachhaltige Entwicklung?
Gustav Grob: In der Charta ist versucht worden darzustellen, wie man etwas verändern könnte oder sollte. Sie ist in den letzten zwölf Jahren viel verteilt worden und wurde oft von Regierungen als Grundlage für neue Energiegesetze verwendet, von Bulgarien über die Türkei bis zur Pazifikinsel Vanuatu. Das ist erfreulich. Sie soll auch in Firmenstrategien mit einfließen, die bei Entwicklung und Produktion auf die richtige Energiestrategie achten sollen. Sie geht auch alle Banken an. In jeder Bank gibt es einen Energie-Analysten - bisher meist ein Petroleum-Spezialist. Diese müssen zukünftig Leute haben, die das ganze Bild sehen. Bis zur Hausfrau und Großmutter greift Energie in alle Bereiche rein. Jeder Mensch, jedes Kind soll sein Verhalten ändern. Dass man nicht jede paar 100 Meter mit dem Auto fährt, sondern vielleicht mit dem Fahrrad oder auch zu Fuß. Wir müssen lernen, verschwenderischen Energieverbrauch zu vermeiden. Das muss auch in die Schulen reingetragen werden. Es gibt bei ISEO ein Bildungskomitee. Wie lehrt man jungen Leuten nachhaltiges Denken? Es ist eine unglaublich wichtige, vielseitige Aufgabe. Und das ist genau das Problem. Viele Leute können diese Komplexität noch gar nicht richtig fassen.
Wie beurteilen Sie derzeitige Gegenmaßnahmen zur globalen Erwärmung?
Gustav Grob: Deutschland ist im Moment Lokomotive für viele Sachen. Mit der Einspeisevergütung zum Beispiel. Das Wind-Engagement geht leider etwas zurück, weil sich Wolfgang Clemens mit Jürgen Trittin zu wenig verträgt. Der hat noch Kohle-Ideen im Kopf. Es sind weitere 16 Milliarden Euro Steinkohlesubventionen bis 1212 geplant, die viel produktiver in erneuerbare Energiesysteme investiert würden mit tausenden von neuen Arbeitsplätzen! Aber Deutschland hat natürlich enorm viel bewegt und ist eine große Hoffnung. Das hat auch einen Einfluss auf den Europarat. Da sitzen ein paar gute Leute drin - natürlich auch ein paar weniger Gute. Ich darf aber auch sagen, dass auch Österreich und die Schweiz Pioniere auf diesem Gebiet sind. In der Schweiz sind die ersten vollintegrierten Solardächer gebaut worden. Gott sei Dank gibt es jetzt finanzielle Anreize und Solarbörsen. Solar läuft wie verrückt, obwohl es die unwirtschaftlichste Lösung ist nach der Nuklearenergie.
ISEO betont die Wichtigkeit eines Wechsels zu dezentralen erneuerbaren Energien. Welche Rolle spielt der dezentrale Gedanke?
Gustav Grob: Jetzt zeigen Sie mit dem Finger auf einen ganz wunden Punkt, auf das Hauptproblem. 90 Prozent der Energie auf dieser Welt ist in den Händen weniger Unternehmen, und die Konsumenten sind die Sklaven dieser wenigen Lobbys. Nehmen wir die Elektrizität. In Deutschland werden die Stromnetze jetzt ein wenig geöffnet, aber im Prinzip gibt es eine enorme Abhängigkeit von diesen großen Produzenten. Die haben die Großkraftwerke und die Überlandleitungen, und diese Machtstellung verteidigen sie. Dasselbe gilt für die Petroleumwirtschaft und das Gas. Da sind es die Seven Sisters. Diese Kräfte haben unglaublich große Finanzmittel. US-Präsident Bush hat sich seine Wahl mit Petroleum-Geld erkauft, nicht wahr? Diese Leute wollen keine dezentralen Lösungen.
Meine Vision ist, dass sich die neuen Energien ähnlich entwickeln wie die Computertechnik. IBM hat seinerzeit mit Großcomputern den Markt beherrscht. Doch der PC-Markt ist heute weitgehend dezentralisiert und vernetzt. Und das gleiche wird mit der Energie auch passieren, ob die Großen es wollen oder nicht. Aber das ist eine politische Konfrontation zwischen den großen Mächten und den kleinen Konsumenten mit ihren Häuschen, die ihre Energie billiger, besser und sauberer selbst machen wollen.
Von welcher finanziellen Größenordnung sprechen wir eigentlich?
Gustav Grob: Wenn man jetzt die kleine Hochrechnung macht - es ist fast eine Milchmädchenrechnung -, dass pro Jahr zwei Prozent mehr Energie gebraucht wird, und wenn wir nur 1.000 Euro Investitionskosten pro Kilowatt annehmen, was weit unter dem heutigen Durchschnitt liegt und heute etwa für die Windtechnik oder Gaskraftwerke gilt - Kohle ist teurer, Nuklear kostet ein Mehrfaches -, dann ergibt das bereits einen Finanzbedarf von 1.000 Milliarden Euro pro Jahr. Und das ist nur für die Verbrauchszuname! Der Ersatz der alten Kraftwerke ist da noch nicht einmal dabei. Das könnte nochmals ein Viertel dieser Summe sein.
Wir liegen da bei weit über einer Billion Euro an jährlichen Investitionen. Sogar für die Weltbank ist das eine astronomische Zahl. Diese Geldflüsse sollten in dezentrale Systeme fließen, nicht in Kohle- oder Gaskraftwerke. Die meisten erneuerbaren Energiequellen sind ja längst mit den mineralischen konkurrenzfähig - wenn man Vollkostenrechnung macht sowieso. Die internationale Normenorganisation ISO in Genf hat im technischen Komitee TC 203 unter meinem Vorsitz die Norm ISO 13692-1 geschaffen. Diese ermöglicht es, alle Emissionen von Energiesystemen zu quantifizieren und somit die Kosten auf die Verursacher umzulegen. Eine neue Norm, die in Arbeit ist, wird endlich ermöglichen, vollständige Energiestatistiken zu erstellen und umweltverträgliche Energieplanungen zu machen.
Die Charta schlägt vor, Gelder sofort für Forschung und Aufklärung aufzubringen. Wie und von wem sollen diese Mittel aufgebracht werden?
Gustav Grob:Beim Staat wird Geld meist ineffizient eingesetzt. Da gibt es Korruption, falsche Planung, usw. Es wäre also Privatinitiative gefragt. Die großen Energieunternehmen haben die Mittel, um Forschung zu betreiben und Werke zu bauen. Aber es müssten Anreize vorhanden sein, das Richtige zu tun. Also muss der Staat doch mitwirken. Ein berühmter SONY-Manager hat auf die Frage, ob er gerne Steuern zahlt, einmal gesagt, "the government is my partner" - der Staat ist mein Partner. In Japan funktioniert es. Verstaatlichung löst das Problem allerdings auch nicht.
Gibt es sinnvolle Ideen für eine zweckdienliche Steuer?
Gustav Grob: Es gibt natürlich das Konzept der Ökosteuer, dass man den Energieverbrauch besteuert und nicht die Arbeit und damit die Leute zum Energiesparen zwingt. Diese Idee ist auch in der Schweiz entstanden. Daraus ergibt sich ein Lenkungseffekt. Es wird jetzt ein CO2-Rappen auf fossilen Brenn- und Treibstoffen eingeführt, ähnlich wie in Dänemark. Eine Lenkungsabgabe kann schon helfen. Das ist so eine Rolle des Staates. Man darf die Erträge nur nicht zweckentfremden. Sie sollten in die Forschung fließen, in die Veränderung der Infrastruktur oder in mehr öffentlichen Verkehr statt Individualverkehr, bis es die sauberen Autos gibt.
Sollte eine Demilitarisierung zur Finanzierung neuer Energien herangezogen werden?
Gustav Grob: Natürlich! Die Summe, die gebraucht würde, um saubere Energien zu schaffen, fließt jedes Jahr ins Militär. Für was? Dass man sich gegenseitig umbringt? Für diese Wahnvorstellung, dass man überall Feinde hat? Die USA allein geben ja schon die Hälfte dieser Summe - 500 Milliarden Dollar - für ihr Militär aus. Das ist natürlich total fehl investiertes Steuergeld. Auch die Schweiz gibt jährlich ein paar Milliarden fürs Militär aus. Warum? Weil wir von EU-Ländern umzingelt sind? Wenn man es wenigstens für Katastrophenhilfe ausgeben würde. Militärbudgets sollten per UNO-Dekret schrittweise abgeschafft werden - und Bush gleich mit, weil er so nicht nur sein Land ruiniert.
Warum fordert die Charta das Ende aller Energie-Subventionen?
Gustav Grob: Nein, sie fordert das Ende der Subvention von schädlichen Energien. Deutschland fördert die Kohle jährlich immer noch mit ein paar Milliarden Euro. Auch die Nuklearenergie hat zig Milliarden bekommen. Und Kohle in China wird zu einem Viertel des Weltmarktpreises an die Konsumenten verkauft. Damit fördert man praktisch den Kohleverbrauch. Diese Art Subventionen sollten sofort gestoppt werden. Dann gäbe es eine gewaltige Korrektur. Die neuen Systeme müssen noch subventioniert werden, vor allem in der Forschung. Die Aufgabe bestünde darin, die falschen Subventionen in richtige umzulenken. Diese Subventionen würden sich dann mit der Zeit erübrigen, weil die meisten neuen Energien ja bereits konkurrenzfähig sind und vom Staat nicht mehr alimentiert werden müssen.
Was halten Sie vom internationalen Handel mit Abgasrechten, wie sie das Kyoto-Protokoll zulässt?
Gustav Grob: Im Moment ist das eine nützliche Sache. Ich bin gerade selber involviert, dass man Windfarmen in Bulgarien und Rumänien baut, wo man das billiger machen kann als an der Nordsee, wo geeignetes Land allmählich ausgeschöpft ist. Dass dann Holland oder Russland seine Überproduktion an CO2 verkaufen kann, hilft ein bisschen, ist aber keine dauerhafte Lösung. Mit CO2-Emissionen sollte man nicht handeln, sie gehören abgeschafft. Auf die nächsten 20 Jahre hilft es wahrscheinlich, mehr saubere Kraftwerke zu bauen in Entwicklungsländern, wo das billiger ist. Das ist der Clean Development Mechanism für Entwicklungsländer. Ich glaube, das ist das einzige nützliche Produkt der Kyoto-Geschichte.
Ist das Protokoll denn eine schlechte Idee?
Gustav Grob: Kyoto ist eine reine Alibiübung. Schon die Zielsetzung der CO2-Reduktion ist so unwirksam. Ernst Ulrich von Weizsäcker und andere gescheite Leute haben schon vor zehn Jahren gesagt, man muss die CO2-Emission um 60 Prozent reduzieren, nicht um sechs Prozent. Und dann machen die USA nicht mit, Australien nicht, China nicht. Der Effekt von Kyoto ist praktisch vernachlässigbar. Die CO2-Effekte der Natur sind schon zigmal größer, als was die Politik verändern will. Aber es ist eine psychologische Sache. Die Leute sind sich jetzt bewusst, CO2 ist schlecht fürs Klima, man muss reduzieren. Man hofft natürlich, dass als nächstes gesagt wird, in den nächsten zehn Jahren muss um weitere 20 Prozent reduziert werden und noch mal um 50 in wieder zehn Jahren. Nur dann bewirkt es etwas. Aber ich weiß nicht, ob die Politiker so stark sind, das zu beschließen. Sie wollen ja auch wiedergewählt werden.
Wenn zehn Prozent zu erreichen, schon solch ein großes Problem ist, obwohl 60 Prozent notwendig wären, empfinden Sie Ihre Arbeit dann als Kampf gegen Windmühlen?
Gustav Grob: Ein paar Jahrzehnte reichen, um die Welt noch zu retten. Wenn wirtschaftliche, nachhaltige Lösungen auftauchen, die in Massen hergestellt werden, dann kann das Problem in den nächsten 50 Jahren gelöst werden. Ich hoffe auf einen Lawineneffekt. In der Schweiz besteht jetzt schon jede zweite Heizanlage aus einer Wärmepumpe. Da bezieht man Strom aus dem Netz - gut, das ist zum Teil auch noch Nuklear- oder Kohlestrom - aber man erhält etwa vier Kilowattstunden Wärme für jede Kilowattstunde Strom. Das ist auch schon sinnvoll. In kurzer Zeit hatten die Architekten und Bauherren das begriffen.
Ich habe anfangs gesagt, ab 2050 wird es eine Versorgungslücke geben, wenn nicht andere Energiequellen erschlossen werden. Ich glaube, dass die Energiegewinnung aus Materie mittels physikalischer Chemieverfahren zukünftig eine wichtige Rolle spielen wird. Ich denke dabei nicht an die heiße Fusion, die sich wieder nur in Großkraftwerken realisieren lassen würde, sondern an neuartige, dezentrale Systeme, sprich: Aggregate im Keller, die ein Haus integral mit Energie versorgen. Offenbar können jetzt bald solche Aggregate gebaut werden. Es gibt jetzt schon Prototypen, wie ich mich kürzlich auf der International Conference on Condensed Matter Nuclear Science (www.iccf11.org/) überzeugen konnte. Zwar fehlen noch verlässliche Rechnungen, aber wenn die Investitionskosten unter einem Euro pro Watt liegen sollten, dann können diese Aggregate alles schlagen. Die Leute schauen aufs Portemonnaie, also muss die Lösung wirtschaftlich sein. Und wenn man dann etwas billig bauen kann, was sauber ist, dann wird es gemacht.
Vielen Dank, Herr Grob, für das Gespräch.

Gustav R. Grob hat an zahlreichen Umweltkonferenzen maßgeblich mitgewirkt, darunter der historischen UN-Klimakonferenz in Rio de Janeiro (1992) und der Internationalen Konferenz für Erneuerbare Energien in Bonn (2004). Seitdem hat er wiederholt an UN-Seminaren teilgenommen und ist als Energieexperte konsultiert worden. Grob ist Mitgründer des International Clean Energy Consortium (ICEC) und der World Sustainable Energy Coalition (WSEC), Vizepräsident der Hymobil AG für saubere Fahrzeuge, Beiratsvorsitzender des Investment-Fonds Blue Planet Inc. und er berät Unternehmen in Investmentfragen. Er ist Gründer des ISO-Komitees für Wasserstoffenergie und Vorsitzender des ISO Komitees TC203 für technische Energiesysteme, Kuratoriumsmitglied des World Renewable Energy Network (WREN), Vorstandsmitglied der International Energy Foundation (IEF), Fellow des Energy Institute (EI) und Mitglied der International Association for Hydrogen Energy (IAHE).

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