Uhrensterben

Die Anzahl der Uhren im öffentlichen Raum nimmt langsam aber sicher ab. Wird die Messung der Zeit Privatsache?

Uhren - das sind triviale Geräte. Da sie überall vorzukommen scheinen und uns von der Geburt bis zum Tod den Takt unseres Leben vorgeben, gilt ihr Vorhandensein als Selbstverständlichkeit. Aber das war nicht immer so. Erst die aufkommende Neuzeit mit ihren bis dahin unerhörten Anforderungen an die Präzision gesellschaftlicher Abläufe machte Geräte zur sonnenunabhängigen Bestimmung der Zeit notwendig.

Es ist kein Zufall, dass die ersten Taschenuhren Anfang des 16. Jahrhunderts aufkamen. Die strategische Wichtigkeit präziser Uhren für die Vermessung der Welt ist mittlerweile gut dargelegt worden, man denke nur an die Schiffsuhren von John Harrison, die bei der exakten Bestimmung der Längengrade eine so große Rolle gespielt haben.

Die frühen Computerforschungen von Babbage und Lovelace gehören insofern in diesen Zusammenhang, als auch sie mit der überragenden Wichtigkeit der genauen Positionsbestimmung von Schiffen begründet wurden.

Uhr und Computer sind zivilisationsgeschichtlich sowieso eng miteinander verschwistert, und auch heute nicht getrennt voneinander denkbar - eine Auswertung der Messergebnisse von Atomuhren kann man sich ohne elektronische Messgeräte schwer vorstellen, innerhalb eines Computers ist die Systemuhr unverzichtbar, genauso wie die "Uhren", die Prozess und Speicher takten.

Aber die gemessene Zeit ist ein Produkt sozialer Erfordernisse. Eine Einheitszeit gibt es in Deutschland erst seit 1893, und sie wurde von der Eisenbahnlobby gegen den Widerstand der Astronomen durchgesetzt, um endlich mit der bizarren Tatsache aufzuräumen, dass ein Lokführer zwischen Ulm und Straßburg vier Mal seine Uhr umstellen musste, um mit den lokalen Fahrplänen synchron zu bleiben. Erst damit war die Sonnenzeit in Deutschland endgültig entmachtet.

Nun scheint sich eine Abkehr von der immerwährenden öffentlichen Affirmierung der Einheitszeit anzudeuten. Man mache einmal die Probe und verzichte auf die eigene Armbanduhr, die Uhr im Handy oder in der Digitalkamera: Anhand öffentlicher Uhren die genaue Zeit festzustellen ist wesentlich schwerer als noch vor Jahren.

Die öffentliche Uhr, die allen Interessierten im Auftrag der staatlich garantierten Einheitszeit verkündete, ob sie zu spät, zu früh, oder pünktlich waren, ist auf dem Rückzug. Wenn Postämter und Schulen "in der Fläche" geschlossen werden, fällt immer auch ein Fixpunkt des Zeitabgleichs weg. Die leblose Frauenstimme, die früher aus im Telefon die Zeit ansagte, ist zwar nicht verstummt, aber nur noch unter einer kryptischen Nummer erreichbar, die sechs Stellen länger ist als die alte.

Besonders krass fällt der Uhrenschwund bei der Institution auf, die seinerzeit die Einheitszeit erzwungen hat, bei der Bahn nämlich. Bahnsteigsuhren werden abmontiert, auch die Uhr über dem Haupteingang des Bahnhofs ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Der Saarbrücker Bahnhof zum Beispiel, immerhin für eine Landeshauptstadt zuständig und ein rege befahrener Verkehrsknotenpunkt an der Grenze zu Frankreich, hat sie nicht mehr. Und, siehe da, der 60 Meter hohe, gläserne Turm beim neuen Berliner Hauptbahnhof - von der Funktion her ein Entlüftungsturm für das darunterliegedne Parkhaus - trägt ebenfalls keine Uhr, sondern stellt nur das Logo des Konzerns aus.

Im Innenbereich findet sich dann doch noch eine zentrale Uhr.

Man könnte das scherzhaft als einen Versuch der Bahn begreifen, ihre bescheidenen Pünktlichkeitswerte nicht auch noch überall selbst zu dokumentieren, aber wahrscheinlich geht es nur um Sparmaßnahmen - und im Falle des Berliner Hauptbahnhofs eher darum als privater, denn als öffentlicher Dienstleister zu gelten. Immerhin, dass der Abbau der Pünktlichkeit bei der Bahn mit dem Abbau der Uhren einhergeht, ist kurios.

Das allgemeine Zeitdiktat aber weiterhin selbstverständlich

Ist aber die Privatisierung der Zeit für den Einzelnen, der sich die Lässigkeit eines Konzerns im Umgang mit seinen Kunden nicht leisten kann, ein Gewinn an Freiheit? Ganz im Gegenteil. Niemand wird erwarten, dass die Atomuhren in Braunschweig demnächst stillgelegt werden, denn dieses Instrument der Kontrolle wird sich der Staat nicht aus der Hand nehmen lassen. Die Einheitszeit wird weiterhin in Braunschweig gemacht und über den DCF77-Sender verbreitet werden, wie schon seit 1978.

Nur ist es dann ganz und gar die Verantwortung des Einzelnen, an den Messwert heranzukommen. Die elektronische Armfessel Uhr wird in irgendeiner Form immer dabei sein müssen, ob sie nun als solche wahrgenommen wird, oder nicht. Der Service der öffentlichen Darstellung der Zeit wird mehr und mehr den Kirchen und privaten Unternehmen wie Banken überlassen, aber die Unterwerfung unter das allgemeine Zeitdiktat gilt weiterhin als selbstverständlich.

Für den ALG-II-Bezieher stellt eine zuverlässige Uhr eine echte Investition dar, aber pünktlich zum Spargelstechen anzutreten ist für ihn Pflicht. Nickel-Allergiker, die eben nicht die ganze Zeit eine Armbanduhr umgeschnallt haben können, müssen sich was einfallen lassen. Auf diese Weise stellt die laufende Privatisierung der Zeit ein gutes Analogon zu vielen Situationen dar, in denen der Rückzug des Staats mehr Freiheit bedeuten könnte, es aber für die Bevölkerungsmehrheit nicht tut.

Die öffentliche Uhr, die einmal wie eine Gesetzessäule über den Passanten die Zeit ansagte, scheint sich zu verabschieden, aber das Gesetz des zeitgerechten Verwertens und vor allem des Verwertetwerdens, für das sie stand, ist gestärkt worden - so tief verinnerlicht von den Vielen, die es steuert, braucht es nicht einmal mehr überall sichtbar verkündet zu werden. (Marcus Hammerschmitt)