Ukraine: Der Kampf gegen Journalisten geht weiter

Bild: Mirotvoretz

Ukrainische Website veröffentlicht Liste mit Daten von Tausenden von Journalisten, die aus dem Donbass berichtet haben und als Unterstützer der "Terroristen" bezeichnet werden

Am 20. Mai veröffentlichte Mirotvoretz (Friedensstifter) eine neue Liste mit Journalisten, die von der nicht anerkannten Volksrepublik Donezk akkreditiert worden waren. Die Kiewer Regierung sollte solche Aktionen bestrafen, doch diese ist von einem demokratischen Rechtsstaat immer noch weit entfernt.

Vor zehn Tagen publizierte die Plattform eine Liste mit rund 4.000 ukrainischen, russischen und westlichen Journalisten. Am 20. Mai entschuldigte sich "Mirotvoretz" dafür und veröffentlichte eine ergänzte Liste von Februar 2016. Voller Sarkasmus ist die neue Meldung, auf der 1.400 neue Namen stehen - von Journalisten, die in den letzten zwei Jahren aus dem Donbass berichtet haben.

Bild: Mirotvoretz

"Mirotvoretz" positioniert sich als ein Zentrum freiwilliger wissenschaftlicher Spezialisten im Bereich Kriminalität und "Bewahrung der Weltordnung". Ziel dieser Organisation basiere auf dem Wunsch, die territoriale Souveränität der Ukraine sicherzustellen. Die Webseite berichtet über mögliche Verdächtige, die dem ukrainischen Staat schaden wollen. Diese werden in der Datenbank unter dem merkwürdigen Titel "Fegefeuer" erfasst.

Obwohl Terrorismusbekämpfung hoch auf der Tagesordnung steht und nach einem ziemlich ambitionierten Vorhaben klingen könnte, bemüht sich "Mirotvoretz" um ausschließlich prorussische Separatisten im Osten der Ukraine. Diese werden als "Russlands Terroristen" und "Abschaum" bezeichnet. Wenn eine Online-Plattform mit solchen Namen jongliert, dann ist das eine Sache - doch wenn die Seite Kontaktdaten von 5.400 Journalisten der Öffentlichkeit zugänglich macht, dann ist das eine Schande und verstößt gegen alle Prinzipien. Die gehackte Datei und das spätere Preisgeben solcher Informationen, wie Vor- und Nachnamen, inkl. Telefonnummern und Mail-Adressen, bringt Journalisten in Gefahr.

Einfach wäre es, sich die Pressemitteilungen des Maidan-Pressezentrums und der Nachrichten von ukrainischen Oligarchen finanzierten Medien als einzige Quelle zur Hand zu nehmen. Das wäre allerdings kein Journalismus mehr, sondern einseitige Berichterstattung. Um sich ein differenziertes und ausgewogenes Bild der Realität zu machen, fuhren Journalisten aus aller Welt in die "Volksrepubliken" von Donezk und Lugansk.

Einige haben dafür mit ihrem Leben bezahlt. Der italienische Fotograf Andrea Ronchelli und sein russischer Kollege, der Dolmetscher Andrej Mironow, starben 2014 durch einen Mörserangriff in Slawjansk. Der VGTRK-Korrespondent Igor Korneljuk und der Ton-Techniker Andrej Woloschin sind ebenso 2014 durch einen Artilleriebeschuss nahe des Dorfes Metalist ums Leben gekommen. Man mag sich über die Qualität und politische Ansichten der verstorbenen Journalisten streiten, was vor allem einige ukrainische Kollegen lange Zeit ausgiebig gemacht haben, dennoch sind diese Menschen ins umkämpfte Gebiet gefahren, um von dort zu berichten, und haben dafür den höchsten Preis bezahlt.

Man sollte auch nicht vergessen, was am 15. April 2015 geschah. Oleh Kalaschnikow, ukrainischer Politiker und Mitglied der "Partei der Regionen" wurde vor seiner Haustür erschossen (Mordanschläge gegen prorussischen Journalisten und Politiker in der Ukraine). Einen Tag später ereilte dasselbe Schicksal den ukrainischen Journalisten und bekannten Maidan-Kritiker, Oles Busyna. Er starb vor seiner Wohnung in Kiew (Eine "Ukrainische Aufständische Armee" will für die Mordanschläge verantwortlich sein).

Zwei Tage vor den beiden Morden wurden persönliche Informationen von Busyna und Kalaschnikow, inkl. Wohnadresse, auf der "Mirotvoretz"-Webseite veröffentlicht. Man könnte nun also spekulieren, ob diese Morde in direkter Verbindung zu "Mirotvoretz" stehen, aber eines sorgt für Angst - die Attentäter sind bis heute auf freiem Fuß.

Schockierend genug ist die Anschuldigung von "Mirotvoretz": Fast zwei Drittel der veröffentlichten Liste seien russische Medienvertreter, was als angeblicher Beweis für deren Zugehörigkeit zu den Separatisten gelten soll. Wird nun einer nach dem anderen erschossen, um den ukrainischen demokratischen Wandel zu beschleunigen? Ungewollte Journalisten zu beseitigen, würde viele Probleme schneller lösen. Was passiert mit den westlichen Kollegen? Sie werden von "Mirotvoretz" als "Unterstützer der Donbass-Terroristen" bezeichnet.

Für Journalisten war es nicht möglich, ohne offizielle Genehmigung der Volksrepublik Donezk in das Gebiet zu fahren. Also mussten sie sich akkreditieren. Was "Mirotvoretz" veranstaltet, ist eine Art Krieg gegen Journalisten. Für Kiew ist dieser Krieg anscheinend akzeptabel. (Alisa Bauchina)