Ukraine-Krieg: Öffnet Russland die "Büchse der Pandora"?

Nach der Niederlage in Charkiw greift die russische Militärführung die Stromversorgung in der Ukraine an. Selenskyj spricht von "Terror". Politiker der FDP und der Grünen fordern, dass schnellstmöglich deutsche Panzer in das Land geliefert werden.

Der Vorstoß ukrainischer Verbände in der Region Charkiw, begleitet vom Rückzug russischer Verbände, überraschte auch Militärstrategien wie den französischen Experten für moderne Kriegsführung, Michel Goya.

Der Colonel, vergleichbar mit dem deutschen "Oberst", ist ein viel gefragter Gast in konservativen Medien in Frankreich. Seine Sympathie liegt erkennbar bei der Ukraine, was ihm einige Gegnerschaft auf Twitter einbringt. Seine Analysen auf dem Blog La Voie de L’Epée unterscheiden sich von vielen Veröffentlichungen in den großen Medien auch hierzulande durch einen sehr fachlichen Zugang mit vielen Details, was einige Ansprüche an die Leserschaft stellt.

Russische Armee: "Rückläufige Kompetenzen"

In seinem aktuellen Lagebericht attestiert er der russischen Militärführung eine taktische Fehleinschätzung. Generell stellt er anhand seiner Beobachtungen des bisherigen Verlaufs des Krieges die These auf, dass die russische Armee weniger kompetent agiert, als es viele zu Anfang des Ukraine-Kriegs einschätzten.

Inzwischen zeige sich, dass das russische Kontingent an militärischer Kompetenz ("masse de compétences") seit Beginn des Krieges rückläufig sei. Als Stichworte für Kompetenz erwähnt er Rekrutierung, Ausbildung und "Innovationsfähigkeit".

Die Überschätzung der militärischen Fähigkeiten auf russischer Seite korrespondiere mit einer Überschätzung der Fähigkeiten der ukrainischen Armee – auch Michel Goya teilt diese Meinung, die in Diskussionen hierzulande häufig auftaucht.

Die ukrainischen Verbände würden flexibler und motivierter agieren, was der Colonel schon seit Anfang Wochen herausstreicht, wie auch die Rolle der Waffen-, Aufklärungs- und Ausbildungshilfe der Nato-Staaten.

Geht es um die weiteren Aussichten, so ist Michel Goya vorsichtig. Die nächsten Tage würden entscheidend dafür sein, ob sich der Kriegsverlauf zugunsten der ukrainischen Armee verändere, oder "ob es sich nur um glückliche Umstände und eine Anomalie handelt, bevor wir wieder zu starren Fronten zurückkehren". Zugleich warnt er:

Wenn es tatsächlich zu einer neuen Phase gekommen ist, ist nicht ersichtlich, wie die Russen ohne eine radikale Veränderung ihrer Armee aus dieser Situation herauskommen könnten. Das Problem ist, dass diese radikale Veränderung eine Büchse der Pandora ist.

Michel Goya

Mit der radikalen Veränderung kann vieles gemeint sein, eine Umorganisierung im Kommando beispielsweise, die "Falken" mehr Spielraum gibt.

Die Veränderung könnte auch in einer Ausweitung der eingesetzten Kriegsmittel, in einer Eskalation des Vorgehens liegen ("freedom of action", wie es mit Russland sympathisierende Twitter-Militärexperten verharmlosend umschreiben), wie sich in der Nacht auf den heutigen Montag zeigte.

Russische Angriffe auf zivile und militärische Versorgungsnetze

So sorgten großflächige Stromausfälle in der Ostukraine, in Charkiw und Donezk wie auch Teilausfälle in den Regionen Saporischschja, Dnipropetrowsk und Sumy für einen Schock.

Laut der ukrainischen Führung sind Angriffe des russischen Militärs dafür verantwortlich.

Die ostukrainischen Regionen Charkiw und Donezk seien komplett ohne Strom, teilte der ukrainische Präsident Selenskyj auf Twitter mit. "Russische Terroristen bleiben Terroristen", schrieb er dazu. Sie würden es nicht auf militärische Ziele absehen, sondern die Menschen in der Ukraine ohne Strom und Heizung zurücklassen.

Tagesschau

Zitiert wird von der Tagesschau des Weiteren der Gouverneur der Region Charkiw, der berichtet, dass neben der Strom- auch die Wasserversorgung unterbrochen worden sei, sowie der Gouverneur der Region Dnipropetrowsk, der den russischen Truppen vorwarf, dass sie sich mit ihren Angriffen auf die "Energie-Infrastruktur" für ihre "Niederlage auf dem Schlachtfeld" rächen würden. In der Region Sumy seien mindestens 135 Städte und Dörfer von Stromausfällen betroffen.

Raketenangriffe von russischen Schiffen aus zielten auf ukrainische Kraftwerke und Stromnetze wie auch auf Bahnstrecken, auf denen Militärgerät in der Ukraine transportiert werde, ist dem Blog Moon of Alabama zu entnehmen.

Dort wird üblicherweise generöses Verständnis für das russische Vorgehen bekundet, gekoppelt mit harter Kritik an der Propaganda im Westen, die der russischen Seite so komplett erspart wird, wie es den Kreml nur erfreuen kann. Aber diese Voreinstellungen mitgedacht, können die sachlichen Bestandteile der Analysen als komplementäre Welterschließung gelesen werden.

Warnung vor einer Eskalation hat wenig Zugkraft

In der deutschen Öffentlichkeit hat die Warnung vor einer Eskalation, auf deren Möglichkeit im oben genannten Blogbeitrag indirekt mit einem Verweis auf ein Putin-Zitat vor ein paar Wochen ("wir haben noch nicht ernsthaft mit etwas begonnen" angesprochen wird, "im Momentum" wenig Zugkraft.

Von Politikern der Grünen und der FDP gab es Appelle, die Gunst des Moments für die Ukraine zu nutzen, um neues Militärgerät an die Ukraine zu liefern.

So berichtet die Tagesschau, dass die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann Bundeskanzler Olaf Scholz und Verteidigungsministerin Christine Lambrecht aufgefordert habe, Schützenpanzer Marder und Kampfpanzer Leopard 2 direkt an die Ukraine zu liefern:

Das ist unglaublich wichtig und sollte sofort passieren.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann

"Alle in der Regierung wissen indes, dass noch mehr möglich wäre", wird Grünen-Chef Omid Nouripour zitiert. Deutschland müsse die Ukraine dabei unterstützen, noch vor dem Wintereinbruch "so viel wie möglich von ihrem eigenen Land zu befreien".

Kanzler Scholz und Verteidigungsministerin Christine Lambrecht gaben sich zurückhaltend. "Keine deutschen Alleingänge", hieß es von Scholz, ganz ähnlich sagte Lambrecht, dass es "kein einseitiges Vorgehen Deutschlands" geben werde.

Der russische Botschafter in Deutschland, Sergej Netschajew, sprach im Zusammenhang mit den Waffenlieferungen von einer "rote Linie", "die die deutsche Regierung (...) nicht hätte überschreiten dürfen."

Bemerkenswert ist, dass der russische Botschafter Klartext zu russischen Gaslieferungen sprach. Entweder wird Nord Stream 2 in Betrieb genommen oder es kommt nichts mehr? "Eine Wiederinbetriebnahme von Nord Stream 1 schloss Netschajew unter den derzeitigen Bedingungen aus", wie das Nachrichtenmagazin aus Hamburg ihn heute wiedergibt. (Thomas Pany)