Ukraine-Krieg: So chaotisch läuft die Teilmobilmachung in Russland

Verkündet wurde die Teilmobilmachung am 21. September mit akkurat sitzender Krawatte. Seither verläuft sie eher chaotisch. Foto: Presidential Executive Office of Russia / CC0 1.0

An der Front greifen beide Seiten an. Im Hinterland haben russische Behörden mit Reservisten zu kämpfen, die nicht an die Front wollen oder zu krank sind. Der Widerstand gegen Zwangsrekrutierungen wächst.

An der rein militärischen Front im Donbass gab es in den letzten Tagen wenig Bewegung. Die ukrainischen Streitkräfte haben sich an ihren Brückenköpfen östlich der Flüsse Oskol und Sewersky Donez festgesetzt. Nach britischen Geheimdienstinformationen stoßen sie von dort aus in zwei Richtungen vor. In weiteren Meldungen wurde zuletzt von einzelnen Eroberungen der Ukrainer berichtet. Größere Erfolge gab es jedoch nicht, da sie sonst umgehend von der ukrainischen Führung verkündet worden wären.

Erste mobilisierte Rekruten im Donbass

Russische Truppen greifen ebenfalls weiter – wie bereits in der letzten Woche – in der Umgebung der Stadt Bachmut an. Auch die ukrainische Armee meldet hier die Abwehr von Angriffen. Und sie berichtet erstmals daneben etwas anderes: Die ersten im Rahmen der Mobilmachung ausgehobenen russischen Truppen sind an der Front eingetroffen.

Diese Information stimmt überein mit Berichten von Betroffenen aus Russland in Sozialen Netzwerken, dass Rekrutierte auch ohne zusätzliche Ausbildung an die ukrainische Front geschickt wurden. Allgemein scheint die Mobilmachung, deren Umsetzung Aufgabe kommunaler, örtlicher Behörden ist, sehr unterschiedlich abzulaufen. Vorgaben aus Moskau scheinen nicht oder nur zeitversetzt eingehalten zu werden.

Mobilmachung erfolgt uneinheitlich bis chaotisch

So gab etwa der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, Andrej Kartapalow auf Nachfragen von Journalisten an, es gebe keine Reisebeschränkungen für Mobilisierte. Tatsächlich gibt es aus der russischen Provinz eine ganze Reihe von Meldungen, dass solche Reisebeschränkungen, sogar innerhalb Russlands von örtlichen Behörden offiziell verhängt wurden.

So hat der Militärkommissar für die Region Swerdlowsk, das Umland der drittgrößten russischen Stadt Jekaterinburg, am 21. September für alle Mobilisierten angeordnet, dass sie die Region nicht verlassen dürfen, das am 23. September auf ein reines Verbot von Auslandsreisen gelockert und diese Anordnung am 26. September komplett außer Kraft gesetzt.

Auch aus anderen russischen Teilrepubliken wie Tschuwaschien werden Reiseverbote für Reservisten gemeldet, sowie mehrere Zurückweisungen von Reservisten an der Staatsgrenze bei der Ausreise. Zunächst hieß es auch aus dem Kreml-Umfeld, ältere Reservisten und Männer ohne Wehrdiensterfahrung würden nicht mobilisiert.

Hierzu gibt es aber ebenfalls andere ganz offizielle Stimmen, wie den Militärkommissar der Jüdischen Autonomen Region in Russisch Fernost, der meint, dass diese Gruppen nicht automatisch von der Mobilisierung ausgeschlossen sind, man nur versuche, mehr mit Jüngeren, deren Militärzeit noch nicht so lange her ist, zu "arbeiten".

Auch psychisch Kranke und Diabetiker an der Front?

Berichte gibt es weiterhin, dass sogar gesundheitlich untaugliche Männer in die Armee einberufen und in kürzester Zeit an die Front verlegt wurden. Berichtet wird etwa von einem einberufenen schizophrenen Autisten in Moskau, einem Diabetiker auf Sachalin oder einem mit zahlreichen Krankheiten gestraften Mann in der Region Tscheljabinsk, der sich dennoch unterwegs zur Front befindet.

Es gibt sogar offiziell zugegebene Fehlrekrutierungen – in diesen Fällen werden untaugliche Männer von der Armee nach kurzer Zeit wieder in die Heimat zurückgeschickt. In einem Fall in Russisch Fernost betraf diese Maßnahme 158 kurzzeitige Soldaten.

Brandanschläge auf Rekrutierungsstellen

Die örtlich zuständigen Ämter gehören inzwischen zu den in der russischen Bevölkerung meist gehassten Behörden. Die exilrussische Onlinezeitung Meduza listet 17 Brandanschläge auf Rekrutierungsstellen und unterstützende Einrichtungen innerhalb von einer Woche auf. Die russische Regierung versucht aktuell laut der Tageszeitung Kommersant, die Rekrutierung durch Listen, wer nicht mobilisiert werden soll, in einheitliche Bahnen zu lenken.

Wer im Ausland ist, ist in Sicherheit

Von einer Flucht ins Ausland versuchen die Behörden russische Männer nun auch vor Ort an der Grenze abzuhalten, etwa mit der Einrichtung eines Militärkommissariats an einem Übergang nach Georgien, wo sofort rekrutiert werden kann und das über Listen von bereits Mobilisierten verfügt. Nach Georgien sind seit Mobilisierungsbeginn rund 53.000 Russen ausgereist.
Weitere wichtige Fluchtpunkte für Russen, die dem Kriegsdienst entkommen wollen, sind Kasachstan mit rund 98.000 Ausgereisten und Finnland mit rund 43.000. In die Mongolei sollen sich rund 3.800 abgesetzt haben. Andere Staaten wie im Baltikum versperren Russen weiter den Weg für eine Flucht, Lettland hat sogar zur Abwehr von Flüchtlingen in der Grenzregion den Ausnahmezustand ausgerufen.
Wer es ins Ausland geschafft hat, ist vor einer Rekrutierung weitgehend sicher. Kasachstan hat offiziell erklärt, vor der Rekrutierung geflüchtete Russen nicht ausliefern zu wollen. Laut der Nachrichtenagentur Interfax will auch das russische Verteidigungsministerium keine solchen Gesuche stellen. Die russischen Behörden halten jedoch fest, wer geflüchtet ist; und eine Wiedereinreise nach Russland sollten die Betreffenden wohl vermeiden.

US-Amerikaner sollen Russland verlassen

Die Mobilmachung in Russland geht einher mit einer Verschärfung der internationalen Spannungen zwischen Russland und dem Westen. Die USA haben alle eigenen Staatsbürger aufgefordert, Russland zu verlassen. Angesichts der Tatsache, dass es auf Flügen aus Russland heraus auf Wochen keine freien Plätze mehr gibt, werden sie wohl auf dem Landweg ihren Weg zurück in die Vereinigten Staaten antreten müssen. Selbst Pauschalreisen aus Russland ins Ausland sind laut der russischen Ausgabe des Forbes-Magazins nur noch für extrem überhöhte Horrorpreise buchbar. (Bernhard Gulka)

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