Ukraine: Sachartschenko ermordet

Aleksandr Sachartschenko. Foto: DNR-Online

Der Mord an den Präsidenten der international nicht anerkannten "Volksrepublik Donezk" reiht sich ein in eine Kette von Anschlägen gegen führende Kommandeure

Der Präsident der "Volksrepublik Donezk", Aleksandr Sachartschenko, wurde am Freitag um 17Uhr30 in dem Restaurant "Separ" (Kurzform von "Separatist") umgebracht. Drei Personen wurden bei der Explosion verletzt, darunter der Finanzminister der "Volksrepublik", Aleksandr Timofejew. Wie auf einem Foto zu sehen ist, wurden durch die Explosion die Fenster des Gebäudes auf die umliegenden Wege geschleudert.

Die "operative Leitung" der "Volksrepublik Donezk" (DNR) ordnete eine "erhöhte Kampfbereitschaft" der Volks-Polizei an. Der Gegner werde keine Chance haben, die derzeitige Situation für Grenzverletzungen zu nutzen. Die internationale Gemeinschaft wird aufgerufen, die ukrainische Führung zur Verantwortung zu ziehen.

Der Sprecher der DNR-Armee, Eduard Basurin, erklärte, an der Trennlinie zwischen DNR und Ukraine seien ukrainische Truppenbewegungen beobachtet worden. Man könne nicht ausschließen, dass der Geheimdienst der Ukraine und die USA einen Angriff auf die DNR planen.

Der Autor dieser Zeilen hörte bei Gesprächen in Donezk mit Militärs häufig die Meinung, die DNR-Armee werde einen Angriff der Ukraine ein paar Tage abwehren können, dann aber rechne man mit militärischer Hilfe aus Russland. Wladimir Putin habe der DNR versprochen, ihr im Falle eines ukrainischen Großangriffes beizustehen.

Das Restaurant "Separ", indem sich der Mordanschlag ereignete, befindet sich in einem kleinen Bungalow-ähnlichen Gebäude, welches direkt am Puschkin-Boulevard im Zentrum von Donezk liegt. Der Boulevard ist sehr belebt. Bis zum Amtssitz von Sachartschenko sind es mit dem Auto nur wenige Minuten.

In den Grünanlagen des Boulevards mit seinen Springbrunnen und Skulpturen gibt es noch weitere Restaurants. Im Sommer, vor allem nach Feierabend und an den Wochenenden brodelt hier das Leben. Straßenmusikanten spielen auf. Man trifft auf junge Leute die brasilianische Tänze vorführen. Es gibt einen Espresso-Ausschank und Eis zu kaufen. Die Stimmung ist entspannt und fröhlich.

Der 42 Jahre alte Sachartschenko war von Beruf Elektro-Mechaniker. Er arbeitete zunächst in einem Bergwerk. Er hat eine nicht abgeschlossene juristische Ausbildung und war 2006 Direktor eines Einkaufszentrums. Im Dezember 2013 leitete Sachartschenko die Organisation "Oplot", welche den Staatsstreich in Kiew nicht hinnehmen wollte.

Im April 2014 war der jetzt Ermordete an der Besetzung der Stadtverwaltung von Donezk beteiligt. Am 3. November 2014 wurde Sachartschenko mit 765.000 Stimmen zum Oberhaupt der "Volksrepublik Donezk" (DNR) gewählt.

Der Autor dieses Beitrags hatte Sachartschenko im Juni bei einem Interview gefragt, wie er auf die Morde an den anderen Kommandeure reagiere und wie er sich persönlich schütze. Er sei ja auch schon Opfer von Anschlägen geworden. Der DNR-Präsident antwortete mit Humor, "den Rekord von Fidel Castro habe ich noch nicht gebrochen". Im Übrigen können man seinem Schicksal nicht ausweichen.

Als Nachfolger von Sachartschenko ist nach einem Bericht des Internet-Portals Ukraina.ru der jetzige Leiter des Volksrates der DNR, Denis Puschilin, im Gespräch. Die Kandidatur von Puschilin wird jedoch von den Militärs in der DNR nicht begrüßt, schreibt das Portal. Puschilin gilt als zu weich.

Der Tod von Sachartschenko reiht sich ein in eine ganze Kette von Morden an bekannten Feldkommandeuren der DNR. Am 16. Oktober 2017 wurde der Kommandeur des Bataillons Sparta, Arseni Pawlow, genannt auch "Motorola", in seinem Wohnhaus in Donezk von einer Bombe getötet.

Am 8. Februar 2017 wurde der Kommandeur des Bataillons Somali, Michail Tolstych, genannt auch "Givi", in seinem Dienstzimmer in Donezk von einem Schmel-Granatwerfer getötet. Die offiziellen Stellen in der "Volksrepublik Donezk" sind überzeugt, dass hinter den Anschlägen der ukrainische Geheimdienst steht. Als Organisator der Anschläge wird Sorjan Schkirjak genannt, der Berater des Innenministers der Ukraine ist.

Der russische Präsident Wladimir Putin drückte im Zusammenhang mit dem Tod von Sachartschenko sein tiefes Beileid aus. Sacharschenko, sei ein "echter Volks-Führer, ein mutiger und entschiedener Mensch, ein Patriot des Donbass" gewesen. Diejenigen, die den Terrorakt organisiert haben, wollten das Volk des Donbass "auf die Knie zwingen". Das werde ihnen aber "nicht gelingen".

Der Sprecher des russischen Parlaments, Wjatscheslaw Wolodin, erklärte, der Mord an Sachartschenko mache "alle Schritte zunichte, welche in den letzten Jahren von Russland und der internationalen Gemeinschaft zur Beendigung des Krieges im Südosten der Ukraine unternommen wurden".

Es sei jetzt angebracht, dass die Parlamentarische Versammlung der OSZE den Mord beurteilt und die Ukraine aufruft, sich zu dem Verbrechen zu äußern. Kiew erkläre auf der einen Seite, dass man die Minsker Vereinbarung umsetzen müsse, auf der anderen Seite gehe Kiew "mit terroristischen Methoden gegen die gewählten Vertreter der Macht in Donbass vor".

Der Moskauer Politologe Ruslan Bortnik erklärte, wenn Sachartschenko wirklich tot sei, dann sei "das Kriegsbeil ausgegraben" und das sei "ein Kriegsgrund". Ob es aber zum Krieg kommt, sei "eine andere Frage". Der Westen werde zu dem Vorfall schweigen. Es werde aber auch Kritik geben, "denn alle verstehen, dass es zu einer Destabilisierung kommen kann". (Ulrich Heyden)

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