Ukraine: Suche nach Transportwegen für Getreide

In Friedenszeiten in Europa kaum wertgeschätzt, wird Getreide kriegsbedingt immer teurer und in Afrika lebensgefährlich knapp. Symbolbild: Pexels auf Pixabay (Public Domain)

Während die Häfen in der Ukraine blockiert sind und die Lebensmittelpreise weiter steigen, sucht die EU andere Wege, um Getreide in afrikanische Zielländer zu bringen

Die humanitäre Lage sei so schlimm wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg, warnen Vertreter des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen. So grassiert in Ostafrika und in der Sahelzone derzeit die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. Schon jetzt fehlt in Westafrika, besonders am Horn von Afrika und in der Sahelzone günstiges Getreide aus der Ukraine. In den zwei vorangegangen Jahren waren die Volkswirtschaften bereits durch Corona-Maßnahmen schwer getroffen worden.

Hinzu kommen die Auswirkungen des Klimawandels: Nachdem der erste Monat der Regenzeit trockener ausgefallen ist als erhofft, droht nun 20 Millionen Menschen am Horn von Afrika eine Hungerkatastrophe. Zuvor waren bereits drei Regenzeiten in Somalia, Äthiopien und Kenia ausgeblieben. Sollten Regen und humanitäre Hilfe länger ausbleiben, könnte es hier zu einer großen Hungersnot kommen, befürchten Welternährungsexperten.

Allein in Somalia könnten bald sechs Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein. Im Süden Äthiopiens sind rund sieben Millionen Menschen von der Hungerkrise betroffen. In Kenia benötigten mittlerweile mehr als drei Millionen Menschen Nahrungsmittelhilfe.

Die Ukraine ist der viertgrößte Mais-, Korn- und Gerstenproduzent der Welt und der fünftgrößte Getreideproduzent. Mindestens 14 afrikanische Länder importieren mehr als die Hälfte ihres Weizens aus Russland und der Ukraine, wobei allein 400 Millionen Menschen weltweit ihr Getreide aus der Ukraine beziehen. Der Krieg gefährdet nun zusätzlich die Ernährungssicherheit in Ländern des Nahen Ostens und in Afrika.

Inzwischen erwägen einige EU-Länder ihr Getreide nach Afrika zu exportieren. Allerdings ist Experten zu Folge Weizen aus Deutschland oder Westeuropa für Länder wie Marokko, Ägypten oder Algerien viel zu teuer.

Suche nach alternativen Transportmöglichkeiten

Den Angaben der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) zu Folge lagern derzeit noch knapp 25 Millionen Tonnen Getreide aus der letztjährigen Ernte in ukrainischen Silos. So stehen in Odessa Silos voller Weizen und Mais.

Prinzipiell könne die Getreidemenge exportiert werden, erklärt FAO-Experte Josef Schmidhuber. Leider fehlt es an er nötigen Infrastruktur. So können die Lebensmittel nicht ins Ausland verschifft werden, weil der Hafen der Schwarzmeerstadt blockiert sei. Auch die anderen Häfen am Schwarzen Meer sind entweder zerstört oder blockiert.

Während auf hoher See Schiffe der russischen Schwarzmeerflotte kreuzen, beschuldigen sich Russland und die Ukraine gegenseitig, Treibminen ausgelegt zu haben. Weil das Getreide nicht verschifft werden kann, hungern nun Millionen Menschen im globalen Süden.

Unterdessen sucht die EU-Kommission fieberhaft nach Alternativen zum Seeweg, um ukrainisches Getreide in die Zielländer zu bringen. Das Flugzeug als alternatives Transportmittel fällt wegen der hohen Mengen an Getreide aus. Theoretisch könnte der Weizen per Güterzug nach Rumänien gebracht und dort verschifft werden.

Praktisch jedoch stellen unterschiedliche Spurweiten ein unüberwindliches Hindernis dar. Denn in der Ukraine ist noch die Breitspurbahn unterwegs – ein Relikt aus Sowjetzeiten. Die rumänischen Züge hingegen fahren auf der in den meisten EU-Ländern genormten Spurweite. Sollten Züge mit Gütern aus der Ukraine bis an die rumänische Grenze kommen, können sie nicht einfach bis an die Meeresküste weiterfahren.

Entweder müssten die Güterwagen umgespurt oder das Getreide muss in neue Güterwagen umgeladen werden. Ein Transport auf der Straße wäre "unglaublich aufwändig und teuer", weiß Hansjörg Küster, Professor für Pflanzenökologie am Institut für Geobotanik an der Leibniz-Universität Hannover. Die einzigen sinnvollen Routen führen über das Schwarze Meer durch Rumänien.

Die Ukraine und die Republik Moldau seien große Agrarproduzenten, erklärte die rumänische EU-Kommissarin Adina Vălean bei einem Treffen von Regierungsvertretern und Verkehrsexperten in Bukarest im April. Rumänien könne zum Beispiel mit den Flusshäfen im Dreiländereck Galați und Sulina sowie den Schwarzmeerhafen von Constanțahttps://urlaub-in-rumänien.de/de/uir/ausflugsziele-staedte-constanta/ aushelfen - den "Toren zum Schwarzen Meer". Der Sulina-Kanal etwa sei für große Schiffe befahrbar.

Zudem gibt es eine Eisenbahnlinie nach Galați, die über die ukrainische Spurweite bis hin zum dortigen Hafen verfügt. Allerdings sind die Gleise der rumänischen Eisenbahn am Grenzübergang in einem denkbar schlechten Zustand. Die kurze, wegen ihrer Spurweite jedoch wichtige Strecke nach Galați solle innerhalb der nächsten drei Monate saniert werden, versprach Rumäniens Verkehrsminister Sorin Grindeanu im April. Der direkte Zugang für Züge aus der Ukraine und aus der Republik Moldau solle erleichtert und die Umschlagszeiten für Güter verkürzt werden.

Weiter südlich in Constanța werden Dutzende alte Eisenbahnwaggons entfernt, die lange Zeit die Schienen im dortigen Hafen blockierten. Darüber hinaus soll der Güterverkehr auf der Straße zwischen den drei Nachbarländern liberalisiert werden. Damit werde der Warentransport ebenfalls verbessert. Eine Idee ist, zwischen dem Hafen von Constanța und kleineren, noch unbesetzten Häfen in der Ukraine ein Shuttle-System aufzubauen. Darüber hinaus werde eine Taskforce an Verkehrskonzepten erarbeitet, von der alle drei Länder - die Ukraine, Moldawien und Rumänien - profitieren.

Als eines der ärmsten Länder der EU muss Rumänien zurzeit Zehntausende Kriegsflüchtlinge mitversorgen und als Nato-Mitglied auch noch militärischen Verpflichtungen nachkommen. Nach dem Krieg soll das Land dann beim Wiederaufbau der Ukraine zur Seite stehen, ließ der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verlauten.

Getreide muss schnellstmöglich zu den Hungernden im Süden

Es werde sehr teuer, den ukrainischen Weizen außerhalb des Landes zu verschiffen, erklärt Agrarexperte Hansjörg Küster. Dennoch: die vollen Getreidelager müssten so schnell wie möglich geleert werden, schon allein, um Platz für die neuen Ernten zu schaffen.

Denn – so meldete der Ukrainische Getreideverband im April – trotz aller widrigen Umstände seien in der Ukraine immerhin 70 Prozent der vorhandenen Ackerflächen bestellt worden. Man gehe davon aus, dass in dieser Saison landesweit Getreide und Ölsaaten von bis zu 63 Millionen Tonnen geerntet werden können.

Allein beim Weizen wird das Erntevolumen auf 18,2 Millionen Tonnen geschätzt – nahezu um die Hälfte weniger im Vergleich zur Rekordernte von fast 33 Millionen Tonnen im Vorjahr. Auch bei Sonnenblumen und Raps werde sich die Ernte gemessen am Vorjahr halbieren - auf 9,8 Millionen bzw. auf 1,5 Millionen Tonnen. Laut Branchenverband liege selbst diese reduzierte Ernte noch fast drei Mal so hoch wie der jährliche Inlandsverbrauch.

Vor dem russischen Einmarsch hatte die Ukraine monatlich 4,5 Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Erzeugnisse über ihre Häfen exportiert. Das entspricht zwölf Prozent des weltweit geernteten Weizens, 15 Prozent des Mais-Bedarfs und 50 Prozent des Sonnenblumenöls. Im vergangenen Jahr waren mehr als elf Millionen Tonnen Getreide nach Deutschland importiert worden, wie das Statistikamt mitteilte.

Weizen, der gut ein Drittel aller Getreideimporte ausmacht, kam zu mehr als 70 Prozent aus Tschechien, Polen und Frankreich. Für Deutschland spielen Getreideimporte aus Osteuropa eher eine geringe Rolle. Im vergangenen Jahr machten diese lediglich 1,9 Prozent beziehungsweise 0,1 Prozent der Getreideimporte aus.

Dem gegenüber wurden 11,7 Millionen Tonnen Getreide aus Deutschland exportiert. Geerntet wurden 2021 gut 42 Millionen Tonnen Getreide, rund die Hälfte davon war Weizen. Laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) ist der Selbstversorgungsgrad von Getreide hierzulande unterschiedlich hoch.

Bei Weichweizen liegt er bei 125 Prozent, bei Gerste bei 113 Prozent. Bei Körnermais und Hartweizen für die Nudelproduktion ist Deutschland hingegen auf Importe angewiesen. Bei Ersterem liegt der Selbstversorgungsgrad bei knapp 60 Prozent, bei Letzterem bei 15 Prozent.

Preise steigen durch kriegsbedingte Verknappung

Die Verteuerung begann bereits vor etwa zwei Jahren: Die Ursachen dafür sind zum Einen in dem verknappten Angebot auf Grund schlechter Wetterbedingungen in den USA, Kanada, Australien oder Südamerika zu suchen, zum Andern in dem Krieg in Osteuropa. In der Summe befeuern diese Ereignisse Düngemittelpreise sowie Transport- und Energiekosten.

Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes verteuerten sich Weizen, Gerste, Roggen, Hafer im März gegenüber dem Vorjahresmonat um gut 65 Prozent. Mais verteuerte sich um 37 Prozent. Der Weizenpreis etwa war im März um fast ein Drittel teurer als im März des Vorjahres. Zurückgeführt wird dies witterungsbedingt auf geringe Erntemengen sowie ein relativ niedriges Preisniveau im März 2021 zurückgeführt: Damals gab es aufgrund großer Erntemengen und fehlender Absatzmöglichkeiten durch Corona in der Gastronomie einen Preiseinbruch von mehr als 50 Prozent.

Auch bei Raps erhöhte sich der Preis um 70 Prozent. Dieser Aufschlag liegt vor allem an der knappen Versorgungslage bei gleichzeitig hoher Nachfrage, beispielsweise für Herstellung von Biogas oder die Verwendung von Raps als Treibstoff, also Agro-Diesel. Für Speisekartoffeln wurde sogar rund 92 Prozent mehr verlangt. Während sich die Preise für pflanzliche Produkte mit rund 42 Prozent besonders stark verteuerten, erhöhten sich die Preise für tierische Erzeugnisse, wie zum Beispiel Milch, etwa um ein Drittel. Grund hierfür ist ein knappes Rohmilchangebot.

Bei Schlachtschweinen zogen die Preise um 21 Prozent an, die für Rinder um 47,5 Prozent. Dies sei auch auf die steigenden Preise für Futtermittel zurückzuführen. Experten rechnen damit, dass der Handel einen größeren Teil der Kosten an die Endverbraucher weitergeben wird. Eine gute Nachricht gibt es wenigstens beim Obst: Hier fielen die Erzeugerpreise immerhin um zwölf Prozent..

Ein Ende der Preissteigerungen sei derzeit nicht in Sicht. Denn die bereits zuvor angespannte Situation auf dem Weltmarkt mit einer hohen Nachfrage im In- und Ausland habe sich noch einmal deutlich verschärft. Aktuell wollen so viele Unternehmen wie noch nie in den kommenden drei Monaten ihre Preise erhöhen, wie eine Umfrage des Münchner ifo-Instituts zeigt. Damit werde die Inflation weiterhin über sieben Prozent liegen. (Susanne Aigner)