Ukrainer und Russen streiten sich um den Heiligen Waldemar

Gedenkfeiern zum tausendsten Todestag des 1015 verstorbenen Herrschers von Nowgorod und Kiew

Diesen Juli jährte sich der Tod des Heiligen Waldemar zum tausendsten Mal. Historiker kennen den unehelichen Sohn des Rurikidenknes Swjatoslaw I. vor allem als Wladimir I. Swjatoslawitsch. Er bekam 977 als Herrschaftsbereich die russische Stadt Nowgordod zugewiesen und musste nach einem Erbstreit zu seinem Onkel nach Schweden flüchten. Dort stellte er eine frische Wikingertruppe zusammen, mit der er nicht nur Nowgorod, sondern auch Kiew einnahm, wo sein Halbbruder Jaropolk herrschte. Als der verhandeln wollte, ließ der Heilige Waldemar ihn töten und sich selbst zum Alleinherrscher über das Reich der Rus ausrufen.

Danach unterwarf er ein paar türkische, finno-ugrische und ostslawische Stämme in der Nachbarschaft und vergrößerte sein Herrschaftsgebiet noch einmal deutlich. Heilig gesprochen wurde er, weil er seinen Untertanen im Rahmen einer Allianz mit dem Byzantinischen Reich und einer Ehe mit einer Tochter des dortigen Kaisers Romanos II. 988 das Christentum als Staatsreligion verordnete. Legenden, die statt der politisch-strategischen Gründe von einem Auswahlverfahren berichten, in dessen Rahmen Waldemar den Islam wegen seines Alkoholverbots aus untauglich für sein Volk ablehnte, gelten als wenig glaubwürdig. Als er am 15. Juli 1015 starb, führte er Krieg gegen seinen eigenen Sohn, weil dieser sich weigerte, ihm Tribut zu zahlen.

So stellte sich Wiktor Wasnezow 1890 die Taufe des Heiligen Waldemar vor.

Obwohl der "Apostelgleiche" in der neutralen historischen Rückschau nicht unbedingt den Eindruck vermittelt, als ob man sich um seine Vereinnahmung streiten müsste, macht man in Russland und der Ukraine gerade genau das: Anlass für den Streit ist, dass man in Russland umgerechnet insgesamt 15 Millionen Euro für Gedenkfeierlichkeiten ausgab. Höhepunkt war ein Gala-Dinner im Kreml, bei dem Staatspräsident Wladimir Putin am Dienstag (dem russisch-orthodoxen Namenstag des Heiligen) 400 Gäste bewirtete.

Ukrainische Nationalisten wie der beim Think Tank Information Resistance beschäftigte Olexiy Kopytko sehen darin eine unbotmäßige Aneignung ihres historischen Erbes. Russen wie der Staatsfernsehjournalist und Historiker Nikolai Swanidse betonen dagegen nicht nur, dass Waldemar zuerst in Nowgorod und dann erst in Kiew herrschte, sondern auch, dass er auf der Krim getauft wurde, die jetzt wieder zu Russland gehört.

Auch die Kirchen in den beiden Ländern sind Teil des Kampfes um den Heiligen: Der Gedenkgottesdienst der russisch-orthodoxen Kirche in der Moskauer Erlöserkathedrale wurde live im russischen Staatsfernsehen übertragen - und beim Gottesdienst des (vom Moskauer Patriarchen Kiril exkommunizierten) Kiewer Patriarchen Philaret nahm der ukrainische Staatspräsident Petro Poroschenko persönlich teil. Die sowohl mit der Kiril- als auch mit der Philart-Kirche verfeindete Kirche des ukrainischen Metropoliten Method und die (vor allem im ehemals polnischen Westen ansässigen Katholiken mit griechischem Ritus) beanspruchten Waldemar ebenfalls für sich und veranstalteten eigene Feierlichkeiten. (Peter Mühlbauer)