Ukrainische Erfolge nicht nur regional

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht angesichts der militärischen Erfolge keinen Grund für Verhandlungen. Foto: President Of Ukraine / Україна / CC0 1.0

Für Russlands Truppen läuft es im Ukraine-Krieg aktuell schlecht. Die ukrainische Regierung schließt aktuell Verhandlungen aus. In Moskau werden die "Falken" im Kreml-Umfeld stärker.

Einen Vormarsch von 30 Kilometern an einem Tag konnte am Dienstag die ukrainische Armee in der Region Cherson vermelden. Das ist von besonderer Bedeutung, da in diesem Frontabschnitt im Süden des Kampfgebiets die Offensivbemühungen der Kiewer Truppen in den letzten Wochen bei weitem nicht so erfolgreich waren, wie etwa in der Region Charkiw. Selensky verkündete selbst die neue Rückeroberung von acht Siedlungen in der Region, sein stellvertretender Vize-Innenminister Jenin sprach von mehr als 50 Siedlungen, die die Ukrainischen Regierungstruppen in der Gegend inzwischen wieder kontrollieren.

Dass es sich hier nicht um ukrainische Propaganda handelt, zeigt ein Blick auf die Karten bei den Briefings des Russischen Verteidigungsministeriums. Hier wird eben dieses Gebiet nördlich von Cherson kommentarlos nicht mehr als von Russland beherrscht angegeben.

Vormarsch sowohl bei Cherson als auch in den Donbass

Cherson hat dabei für die russische Seite eine große propagandistische und strategische Bedeutung. Die Region ist Teil der Landbrücke zwischen der Krim und dem Donbass und war eine der ersten, die Russland bei Invasionsbeginn erfolgreich erobern konnte. Formal wurde sie jüngst von Russland annektiert, was außer von Nordkorea international nicht anerkannt ist. Im Gegensatz zu den anderen von Russland besetzten Gebieten war Cherson nie mehrheitlich russischsprachig, prorussische Parteien hatten vor dem Krieg einen vergleichsweise mit dem Donbass schwachen Stand.

Dass es rein militärisch für die Ukraine aktuell gut läuft, zeigt auch ein Detail bei der kürzlichen Eroberungen von Lyman im mittleren Teil der Front, von dem der russische Dienst der britischen BBC berichtet. Bei der erfolglosen Verteidigung der Stadt habe die russische Armee unter anderem Elitetruppen aus Spezialeinheiten eingesetzt, die auch Verluste erlitten haben sollen, die durch Gespräche mit Hinterbliebenen verifiziert worden seien.

Die in Togljatti an der Wolga stationierte Einheit, die 3. GRU-Brigade, sei in der früheren DDR aufgestellt worden und kampferfahren aus Tadschikistan und Tschetschenien. Auch im Frontabschnitt bei Lyman stoßen die Ukrainer nach dessen Eroberung weiter vor. Ein neuer Halteversuch wird von den Russen mehr als 60 Kilometer von dort entfernt bei Kreminnaja im Donbass unternommen. Entlang des umkämpften Flusses Oskol ziehen sich die Russen aktuell zurück, nachdem sie diesen als Kampflinie nicht halten konnten. Auch regierungsnahe russische Medien bestätigten den Rückzug der eigenen Truppen.

Trotz der aktuellen ukrainischen Erfolge sollte man sich hüten, den Ukraine-Krieg bereits als militärisch entschieden anzusehen. Zunächst bleibt im Winter abzuwarten, welchen militärischen Effekt die russische Mobilmachung zeigt, durch die trotz einer ganzen Fluchtwelle aus Russland bereits 200.000 neue Soldaten ausgehoben wurden, die jedoch erst zeitversetzt an der Front zu einer Verstärkung führen.

Mit ihrer Hilfe werden die russischen Truppen ihre bisherige zahlenmäßige Unterlegenheit dann ausgleichen. Auch von einem Wanken der russischen Regierung kann noch nicht die Rede sein. Sie hat weiter eine stabile Machtbasis durch das Vertrauen vieler Russen in Putin persönlich, wie eine aktuelle Umfrage des Lewada-Zentrums unter den Russen zeigt, in dem sein hohes persönliches Rating auch im September nur leicht gefallen ist, obwohl sich die Russen laut anderen Erhebungen zunehmend Sorgen machen.

Auch russische Oppositionelle sehen ihr Heil aktuell eher in der Flucht aus Russland als in einem Widerstand, der fast sicher im Gefängnis oder an der Front endet. Vor dieser neuen Kampfrunde wird es wohl auch nicht zu Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien kommen, die nicht zuletzt Selensky aufgrund der aktuellen Erfolge seiner Truppen generell verweigert.

Die Falken in Moskau werden stärker

Im Falle einer militärischen russischen Niederlage gibt es viele Befürchtungen, dass die russische Seite weiter eskaliert und die Möglichkeit dazu hat sie nach wie vor. Die exilrussische Onlinezeitung Meduza berichtet unter Berufung von Quellen aus dem Kremlumfeld, dass Putin aufgrund der bedrängten Lage seiner Truppen an neuen Möglichkeiten der Kriegführung interessiert sei und in seinem Umfeld Vertreter einer harten Linie immer mehr an Einfluss gewännen. Namentlich nennt die Zeitung hier den Tschetschenischen Machthaber Kadyrow und den Gründet der Söldnertruppe Wagner PMC Prigoschin.

Beide waren in jüngster Zeit auch durch harte und kritische Worte in der Öffentlichkeit aufgefallen, jedoch von offizieller Seite dafür nicht getadelt worden – in einer Situation wo andere für abweichende Meinungen in der Öffentlichkeit verhaftet werden. Meduza führt das darauf zurück, dass beide aus dem direkten Umfeld Putins gedeckt werden. Vertreter russischer Falken, zu dem die beiden Politiker gerechnet werden, sind auch die Autoren von Gedankenspielen um den Einsatz von taktischen Atomwaffen durch Russland.

Einen solchen will etwa der österreichische Russlandexperte Gerhard Mangott gegenüber der Tagesschau nicht gänzlich ausschließen, wenn Russland tatsächlich an der Schwelle einer konventionellen Niederlage stehen würde. Noch ist es allerdings nicht soweit, da noch nicht klar ist, welchen Einfluss die Verstärkung der russischen Truppen durch neue Rekruten auf das Kampfgeschehen haben wird. (Bernhard Gulka)

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