Ukrainische Maschine wurde von zwei Raketen getroffen

Die große Frage ist nun, ob der erste Treffer auch von iranischen Streitkräften oder von Terroristen ausging, einiges spricht für letzteres

Privatermittler sind mittlerweile nicht mehr ungewöhnlich auch bei politisch hochbrisanten Themen. Das ist bei MH17 mit Josef Resch und bei vielen, vor allem antirussischen Themen bei Bellingcat der Fall, wo man annehmen muss, dass hier auch private Organisationen instrumentalisiert werden, um politische Ziele durchzusetzen, was mit staatlichen Behörden (noch) nicht gemacht werden kann. Jetzt hat sich ein Privatermittler aus Deutschland in den Fall des Abschusses des ukrainischen Flugzeuges im Iran eingeschaltet und versucht, eine interessante Hypothese stark zu machen, die weder vom Westen noch vom Iran oder von Russland vertreten wird.

Bekanntlich hatte die iranische Führung erst einmal versucht, den Absturz der Passagiermaschine als technischen Fehler darzustellen. Man kam aber nicht umhin einzugestehen, dass ein mobiles, angeblich veraltetes Flugabwehrsystem der Revolutionsgarden aufgrund eines menschlichen Fehlers und unter hohem Druck und mangelhafter Kommunikation das Flugzeug mit einem Marschflugkörper verwechselt habe. Das klang zwar einigermaßen überzeugend, hinterließ aber doch auch Zweifel, wie man auch mit schlechten Radarbildern und unter hohem zeitlichem Druck ein aufsteigendes Flugzeug mit einem auf ein Ziel herunterfliegenden Marschflugkörper verwechseln kann ("Regime Change liegt in der Luft").

Wer schoss die erste Rakete ab?

Klaus Fejsa geht nach einer detaillierten und überzeugenden Analyse von zwei Videos davon aus, dass die Maschine zuerst von einer Rakete getroffen wurde. Dann sei die Maschine in Brand gestanden, sei Richtung Flughafen im Sinkflug zurückgeflogen und dann erst Minuten später von der iranischen Flugabwehr getroffen worden, wonach sie schnell abgestürzt sei. Er geht von der Möglichkeit aus, dass die erste Rakete nicht von iranischen Streitkräften abgefeuert wurde, sondern dass es sich dabei um einen terroristischen Anschlag handeln könne.

Tatsächlich könnte der Iran kein Interesse daran gehabt haben, eine Passagiermaschine mit vornehmlich iranischen Passagieren abzuschießen. Denkbar wäre hingegen schon eher, dass eine Anti-Mullah-Terrorgruppe oder eine von westlichen Geheimdiensten kontrollierte Gruppe nach dem aus Teherans Perspektive erfolgreichen Angriffen auf US-Stützpunkte im Irak dem Regime durch den Abschuss schaden wollte - mit einer tragbaren Boden-Luft-Rakete. Das hat immerhin Proteste gegen die iranische Führung verstärkt, obgleich die USA nachsichtig - verdächtig? - von einem versehentlichen Abschuss sprachen.

Auch die New York Times veröffentlichte ein Video einer Überwachungskamera, nach dem ebenfalls davon ausgegangen werden muss, dass die Passagiermaschine von zwei Raketen getroffen wurde. Das aber wäre mit einem Versehen oder einem menschlichen Irrtum kaum mehr zu erklären. Nach der NYT seien die Raketen im Abstand von 23 Sekunden von einem "iranischen militärischen Ort" (site) abgefeuert worden. Der erste Einschlag habe bereits zu einem Ausfall des Transponders geführt. Keiner der Treffer habe unmittelbar zum Absturz geführt. Das nach dem ersten Angriff brennende Flugzeug sei dann wieder Richtung Flugplatz zurückgeflogen.

Soweit stimmen NYT und Fejsa überein, nicht aber bei den Zeitangaben und mit den Folgerungen. Die NYT geht ohne weitere Kenntnisse davon aus, dass - wie der Titel lautet - "zwei iranische Raketen das ukrainische Flugzeug getroffen haben". Aber die große Frage ist, ob beide Raketen von iranischen Streitkräften abgefeuert wurden - und ob, wie Fejsa sagt, womöglich, wenn das NYT-Video authentisch ist, woran er Zweifel hegt, drei Raketen abgefeuert wurden. Das führt natürlich zu der Frage, warum die iranische Führung nach der ersten Leugnung auf den menschlichen Irrtum umgestiegen ist und warum vom Westen vertreten wurde, dass es ein Versehen der Revolutionsgarden gewesen sei.

Die iranische Führung wird ungern zugestehen, dass Terroristen oder auch vom Westen unterstützte Akteure in der Lage sein können, einen solchen Anschlag in der Nähe von Teheran durchzuführen. Der Kommandeur der Luftwaffe der Revolutionsgarde hat eigentlich auch ausgeschlossen, dass Hacken oder Jammen Ursache gewesen sein könnten. Westliche Geheimdienste hätten natürlich kein Interesse daran, für den Tod von vielen Zivilisten verantwortlich gemacht zu werden, wenn die iranische Führung vorgeführt und ein Regime Change darüber befördert werden soll.

Die Skepsis über die bislang vorgebrachten Erklärungen wird jedenfalls vorerst bestätigt. Der "fog of war" hat sich, wie schon bei MH17, über den Vorfall gelegt. Wie bei MH17 mussten viele Menschen sterben. Erste, anscheinend offensichtliche Beschuldigungen müssen nicht der Wahrheit entsprechen, die dabei transportierten Gut-Böse- und Freund-Feind-Ideologien auch nicht. Viele Medien fallen leider aus, eine hinterfragende Rolle zu spielen, weil sie zu sytemkonform geworden sind.

Sollte es zutreffen, dass das Flugzeug kurz hintereinander von zwei Raketen getroffen wurde und der erste Angriff nicht von iranischen Streitkräften ausgegangen ist, würde sowohl die iranische Führung, aber erst recht der Westen schlecht dastehen. Der Westen, weil er Terror deckt, der Iran, weil er Terror verleugnet. (Florian Rötzer)