Umbau ist machbar

Fast die Hälfte der Kohlendioxidemissionen geht heute auf die Energiewirtschaft, wobei die Tendenz wegen wachsendem Einsatz von Kohle und zunehmenden Netto-Stromexport sogar steigend ist. Bild. Greenpeace

Erneuerbare könnten 2050 nach einer Greenpeace-Studie 100 Prozent der Stromversorgung decken. Voraussetzung: AKWs schon 2015 stilllegen und keine neuen Kohlekraftwerke mehr bauen

"Erneuerbare Energien können zukünftig nur dann den Löwenanteil der Stromversorgung decken,wenn die Laufzeiten der Atomkraftwerke verkürzt und nicht verlängert werden. Großkraftwerke stehen einem hohen Anteil von Wind und Sonne wie ein Bremsklotz im Weg", so Andree Böhling, Energieexperte von Greenpeace, anlässlich der Vorstellung einer neuen Studie am Donnerstag in Berlin. Die Umweltschützer haben sich vom Aachener EUtech-Institut ausrechnen lassen, wie bis 2050 die Energieversorgung vollständig auf erneuerbare Energieträger umgestellt und die deutschen Treibhausgasemissionen um 90 Prozent reduziert werden können. Rahmenbedingungen waren dabei, dass bis 2015 alle AKW stillgelegt werden, dass keine neuen Kohlekraftwerke gebaut werden, dass das letzte 2040 vom Netz geht, und dass es nicht zum Einsatz der umstrittenen und energieaufwendigen Kohlendioxid-Abscheidung in Kraftwerken kommt.

Das Konzept steht auf zwei Säulen: dem Ausbau der erneuerbaren Energieträger und dem effizienteren Umgang mit Energie. Zu letzterem gehört die Durchsetzung hoher Effizienzstandards bei elektrischen Geräten aller Art, die drastische Absenkung des durchschnittlichen Kraftstoffverbrauchs von PKW auf 1,5 Liter pro 100 Kilometer und darunter (unter anderem auch die Einführung von Elektroantrieben), die beschleunigte Stilllegung elektrischer Nachtspeicherheizungen, die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene und des Personenverkehrs soweit wie möglich in öffentliche Verkehrssysteme. Besonders wichtig ist auch die Gebäudesanierung, die Greenpeace gerne mit vermehrten Steueranreizen und besserer Kontrolle beschleunigen möchte.

Bild: Greenpeace

Der Ausbau der Erneuerbaren stützt sich vor allem auf drei Stränge:

  • An den schon genutzten Windstandorten werden die Altanlagen durch wesentlich leistungsfähigere Neuanlagen ersetzt, womit sich übrigens auch die Zahl der Türme, die oftmals beklagte "Verspargelung" der Landschaft, verringern würde. Notwendig wäre die Abschaffung pauschaler Höhenbeschränkungen und Abstandsregelungen.
  • Der rasche Ausbau der Windenergieparks auf See.
  • Und der Ausbau der Geothermie, die den großen Vorteil hat, dass sie regelbar ist, also einspringen kann, wenn Wind und Wetter nicht mitspielen.

Daneben werden auch Fotovoltaik und Biomasse eine wichtige Rolle spielen, und Voraussetzung für alles ist natürlich, dass die Leitungsnetze an Land um und ausgebaut werden und die Energiekonzerne mit ihrer diesbezüglichen Obstruktionspolitik aufhören. In Schleswig-Holstein kann seit vielen Jahren ein Teil der Windleistung nicht genutzt werden, weil die bestehenden Netze den Strom nicht aufnehmen können. Netzbesitzer E.on ist eigentlich per Gesetz dazu verpflichtet, für die notwendige Infrastruktur zu sorgen, lässt sich damit aber reichlich Zeit.

Bild: Greenpeace

Ein weiteres Problem ist die Unstetigkeit von Wind und Sonne. Wenn es im ganzen Einzugsgebiet zu wenig weht und außerdem der Himmel bedeckt ist, muss der Strom woanders herkommen. Die Greenpeace-Studie setzt hier vor allem auf moderne Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerke sowie auf Kraft-Wärme-Kopplung, die bis 2050 schrittweise auf den Betrieb mit Biomasse umgestellt werden. Damit einhergeht eine weitgehende Dezentralisierung der Versorgung, die schließlich ganz ohne die heute noch dominierenden Großkraftwerke auskommt, und im Übrigen auch ohne Sonnenstrom aus Nordafrika (Apollo 2.0).

Neben Klimaschutz hat das Konzept auch ganz handfeste ökonomische Vorteile: Es schafft Versorgungssicherheit, in dem es die Energieimporte auf fünf Prozent des gegenwärtigen Wertes reduziert, und es wird die Energiekosten langfristig senken. Nach Schätzungen der Autoren könnten die Stromkosten schon 2020 zehn Prozent niedriger als heute sein. Was davon allerdings beim Verbraucher ankommt, wird wohl vor allem davon abhängen, ob die großen Energiekonzerne ihre ökonomische Macht behalten.

Angesichts dessen fallen die Programme der Parteien weit hinter das Mögliche zurück. Entsprechend lässt Greenpeace Kampagnenleiter Böhling an ihnen kein gutes Haar: "Es ist beschämend, dass Bundeskanzlerin Merkel kein zukunftsfähiges Energiekonzept für Deutschland vorzuweisen hat. ...CDU/CSU vertreten allein die Interessen der vier Stromkonzerne. Klimaschutz als die dringlichste Herausforderung der Menschheit, spielt im Bundestagswahlkampf keine Rolle. Die Wahlprogramme von CDU/CSU, SPD und FDP sind nicht einmal auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft."

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