Umbau statt Abriss

Neue Ideen für vitale Städte

Der deutsche Beitrag zur Architekturbiennale in Venedig beschäftigt sich mit der Stärkung der Innenstädte als Arbeits- und Wohnort. Dabei nutzen Architekten die überkommene Bausubstanz, um durch Umwandlung und Neubespielung eine zeitgemäße Nutzung zu ermöglichen.

Ja, es gibt sie noch. Menschen, die sich in den großen Städten wohl fühlen und nicht ins Grüne flüchten. Für eine urbane Lebensweise nehmen sie mehr oder weniger lästige Phänomene in Kauf: einen stetig vernehmbaren Sound von quietschenden Straßenbahnen und tosenden Autos. Dicke Luft und Staus. Miefige Stationen in der U-Bahn. An der Situation vieler Innenstädte gibt es nichts schönzureden. Statt Ruhe und frischer Luft genießen Stadtbewohner die Annehmlichkeiten der kurzen Wege zu sozialen und kulturellen Angeboten Und dafür halten Großstädter auch schon mal den Weg durch monotone Raumfluchten, Fußgängerzonen genannt, aus.

Deutscher Pavillon Venedig

Wie sich alte hässliche Betonklötze in zeitgenössische Architektur verwandeln lassen und damit zugleich die Städte an Lebensqualität gewinnen, zeigt die Ausstellung Convertible City im Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig. Für die Schau wählten die Berliner Architekten Almut Ernst und Armand Grüntuch als Generalkommissare 36 Projekte aus. Sie stellen realisierte und geplante Bauten vor, die durch Umnutzung und Umbau bestehende Gebäude neu beleben. Selbst einfallslosen und spröden Bauten der 60er und 70er Jahre, monofunktionalen Betonkisten für Büros oder Kaufhäuser, entlocken Planer eine neue Qualität.

Wiederbelebung der Zentren

In Düsseldorf ziehen die Elektrizitätswerke in ein Kraftwerk. Zum Publikumsrenner avancierte das Berliner Badeschiff hinter einer als Kulturzentrum genutzten alten Fabrikhalle, Im Sommer plantschen Schwimmer in einem in die Spree eingelassenen Pool. Der verändert sich im Winter in eine Saunalandschaft. Ein unspektakuläres Kaufhaus aus den 60er Jahren gestalten Architekten mit einem Kokon aus Glas und Stahl um.

Mit unserer Ausstellung geht es uns darum, über eine nachhaltige Nutzung vorhandener Ressourcen nachzudenken, statt durch Neubauten jeden Tag 90 Hektar Land auf der grünen Wiese zu versiegeln.

Almut Ernst
Das Berliner Badeschiff: Im Sommer ein Swimmingpool, im Winter (Foto) eine Saunalandschaft Foto: www.arena-berlin.de

"Convertible City" verstehen Grüntuch und Ernst auch als eine innovative Antwort der Architektur auf den sozialen Wandel. Mit der Deindustrialisierung, den schrumpfenden Städten, einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft, entstehen neue Bedürfnisse. Ein Miteinander der Generationen in einem Haus soll genauso möglich sein wie Wohnen und Arbeiten in einem Ort. "Früher war es nicht denkbar, zurück in die Stadt zu ziehen, wo sich das Leben viel leichter organisieren lässt und sich die Bewohner eines Mehrfamilienhauses gegenseitig helfen. Da setzt aber jetzt ein Umdenken ein", erklärt Ernst. Zogen in den letzten Jahrzehnten Familien und Unternehmen an den Stadtrand und darüber hinaus ins Grüne, so sehen Grüntuch und Ernst jetzt einen entgegengesetzten Trend:

Die Innenstadt, die lange Zeit nur als laut unattraktiv und gefährlich angesehen wurde, erlebt über alle Altersschichten und Lebensstile hinweg eine neue Wertschätzung.

Bolzplatz auf dem Dach

Szenario eins: Das Bahnhofsviertel in Frankfurt am Main, ein Quartier voller Gegensätze. Das Rotlichtmilieu nimmt nicht mehr ganz so viel Raum ein wie noch vor einigen Jahren. Viele Migranten leben hier. Neben Altbauten aus der Gründerzeit prägen schmucklose Geschossbauten aus den 60er Jahren das Straßenbild unweit der Skyline des Bankenviertels "Mainhattan" mit seinen Türmen aus Glas und Stahl. In Zeiten des Aufschwungs boomte der Immobilenmarkt. Jetzt suchen sich Drogen- und Alkoholabhängige in einem der zahlreichen leer stehenden Gebäude ihre Nische.

Mussten Bewohner einst dem Bau neuer Bürohäuser weichen, sollen nun neue Mieter angelockt werden. Neue Fassaden allein reichen dafür heute nicht mehr. Das Architektenbüro bb22 urbane Projekte entwickelte einen Rahmenplan, der auch die Interessen der noch verbliebenen Bewohner berücksichtigt und mit dem einer Gentrifizierung entgegengesteuert werden kann. In einem Ideenlabor diskutierten Anwohner, Pendler, Eigentümer und Behördenvertreter mit den Planern und brachten eigene Vorschläge ein. So entstand die Idee eines Fußballfeldes auf dem Dach einer leer stehenden Parkgarage.

Bald keine Vision mehr: Fußball spielen vor der Skyline von Frankfurt am Main. Foto: bb22 urbane projekte

Das Bolzen unter freiem Himmel mitten in der City bedeutet nicht nur einen Gewinn an Freizeitchancen. Ein öffentlicher Platz entsteht, auf dem Nähe auf Distanz, die für das urbane Leben charakteristisch ist, möglich wird. Jedem Mitspieler eröffnet das die Chance auf neue soziale Kontakte ganz ohne Anleitung fürsorglicher Sozialarbeiter. Wie das Büro von bb22 berichtet, begeisterte ihre Idee gleichermaßen Anwohner, Investoren und Politiker so sehr, dass die Bauarbeiten für den Spielplatz bald beginnen können. Aufgrund der Einbindung so unterschiedlicher Akteure in die Planung vor Ort spricht Vieles für eine erfolgreiche Wiederbelebung des Frankfurter Bahnhofsviertels.

Wie das Beispiel aus der Mainmetropole zeigt, geht es Grüntuch und Ernst in ihrer Schau um mehr als um architektonische Originalität. "Architekten sollten auch soziale Verantwortung wahrnehmen und in ihrer alltäglichen Arbeit nicht nur Fragen der Gestaltung beim Bauen von Häusern reflektieren", sagt Grüntuch.

Damit greifen die deutschen Generalkommissare das explizit auf soziale Problemstellungen der Verstädterung fokussierte Thema der Biennale in Venedig "Städte - Architektur und Gesellschaft" auf (bis 10. November). Heute lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Vor hundert Jahren waren es gerade mal zehn Prozent. In die Megacities Lateinamerikas und Asiens mit ihren schon jetzt zig Millionen Bewohnern strömen immer mehr arme Menschen aus den ländlichen Regionen auf der Suche nach besseren Überlebenschancen. Angesichts der daraus resultierenden verheerenden Folgen - ausufernden Slums, Umweltverschmutzung und Kriminalität als alltägliche Bedrohung, um nur einige Punkte zu nennen - erscheinen europäische und deutsche Städte geradezu als Idyllen.

Zwei Drittel aller Deutschen leben in Städten, ein Drittel lebt in Orten mit mehr als 100.000 Einwohnern. Erst aus dem Zusammenspiel von gebautem Raum und Gesellschaft ergibt sich das urbane Flair, das den besonderen Reiz städtischen Lebens ausmacht.

Im Vergleich zu vielen anderen Orten etwa in den Entwicklungsländern geht es den europäischen und deutschen Städten ja gut. Sie sind fertig gebaut. Aber urbane Qualitäten wie die soziale Vielfalt und Offenheit werden nicht einfach vererbt, sondern an denen muss man weiter arbeiten. Bei jedem Baustein, der der Stadt hinzugefügt wird, muss man im Hinterkopf behalten, wie man die Lebendigkeit eines Ortes bewahren kann.

Armand Grüntuch

Dem Deutschen Institut für Urbanistik zufolge entdeckt vor allem die gehobene Mittelschicht die städtischen Zentren für sich neu. Das ist die eine Seite der Renaissance der Stadt. Dabei ist noch völlig offen, ob es zum Beispiel im Frankfurter Bahnhofsviertel gelingen wird, die Neugestaltung des Quartiers ohne Verdrängung der bisherigen Mieter zu bewerkstelligen. Den Architekten zufolge zieht es schon jetzt eine neue Generation von Unternehmern und Investmentbankern in den Stadtteil. Wie gesagt, die Partizipation der Bewohner an den laufenden Planungen spricht für einen Prozess, in dem sich aus dem Zusammenleben der ansässigen Milieus und der hinzuziehenden eine neue gesellschaftliche Vielfalt ergeben kann.

Szenario zwei: Ob das mit dem von dem Hamburger Büro Blauraum in der Hansestadt von einem Gewerbebestand in ein Wohnhaus verwandelten Gebäude schon gelungen ist, ließ sich augenscheinlich nicht beurteilen. An einem Wochentag im August ist es ruhig in der Sackgasse. Durch eine Passage erreicht man eine der sechsspurigen Hauptverkehrsadern der Hafen- und Dienstleistungsmetropole. Am anderen Ende blickt man auf die weiße kahle Wand eines Kinos. Alles in allem eine unscheinbare Lage mit grauen Geschosswohnungsbauten rundherum.

In Hamburg baute das Büro Blauraum ein ödes Bürohaus in ein attraktives Wohnhaus um. Foto: blauraum architekten

Welche Potentiale für eine innerstädtische Umnutzung das Bauen im Bestand bietet, zeigt der Entwurf von Blauraum. Noch begegnen sich in der Bogenallee alte und junge Menschen nur in der fotografischen Projektion, spielen Kinder auf dem Weg. Damit aber 15 Mietparteien das 1974 erbaute Haus nutzen können, musste es entkernt werden. Dabei ermöglichte das Betonskelett einen variablen Ausbau der Zwei- und Dreizimmerwohnungen. Statt monotoner unscheinbarer Fensterbänder und einer schmuddeligen weißen Außenhaut aus Beton setzen die Architekten mit markanten Kuben Akzente und lockern so die rostbraun verkleidete Fassade auf. Die Farbe vermittelt in all dem Grau drum herum Wohlbehagen. Ein Effekt, der die Identifikation der Bewohner mit dem Bau fördern mag. Die vorspringenden Erker signalisieren nach außen hin variierende Grundrisse, die unter einem Dach eine individuelle Nutzung jeder Wohnung erlauben. Sie können entsprechend dem eigenen Lebensstil angepasst werden. Mit Sonderräumen - Boxen - lassen sich so Zimmer zu einer großen Küche erweitern, Räume schließen, für eine Sauna oder ein Fotolabor umbauen.

Ein Haus, wie geschaffen für das Milieu der Urbanisten. Die wollen, so der Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski im Katalog, "mittendrin und mitten im Leben wohnen" und offen sein für neue Lebensformen und Hausgemeinschaften.

Ein weiteres Beispiel, mit dem Grüntuch und Ernst neben den baulichen auch soziale Aspekte der Verdichtung in der Stadt aufzeigen. In Berlin planen die beiden Architekten selbst ein Mehrgenerationenhaus, das ebenfalls ohne standardisierte Grundrisse eine individuelle Nutzung für Familien wie alte Menschen erlaubt. Damit ist aber erst der architektonische Rahmen geschaffen, um Familie und Beruf zu vereinbaren oder der Einsamkeit in einem "Einpersonenhaus" in den Vororten im Alter gegen Geselligkeit zu tauschen.

Die vorgestellten Projekte zeigen, wie sich Leerstellen in der Stadt füllen oder bestehende Gebäude in eine zeitgemäße Architektur und Nutzung überführen lassen. Sie zu beleben, ist etwas anderes. Ein "Schöner-Wohnen-Programm" allein reicht dafür nicht.

Was die soziale Gemengelage in der Stadt betrifft, scheint dies zukünftig gerade durch den Zuzug zahlungskräftiger Mieter weiter gefährdet zu sein. Wenn sich der Trend raus aus dem Haus im Grünen rein in die urbanen Zentren fortsetzt, nimmt auch der Druck auf die Mitte zu. Allein im Münchner Speckgürtel wollen nur noch elf Prozent der dort lebenden Menschen auch künftig dort leben. Alle anderen, so Ulrike Knöfel, würden lieber in die bayrische Metropole ziehen. Mit der Aufwertung mehr oder weniger unwirtlicher Quartiere könnte langfristig ein Verdrängungsprozess der ansässigen Bewohner einsetzen.

Worauf es zukünftig ankommt, zeigt das Vorgehen des Frankfurter Büros "bb22" bei der Konversion des Bahnhofsviertels. Architekten werden auch als Moderatoren gefragt sein, die Teilhabe aller Milieus an der urbanen Lebensweise beim Umbau der Innenstädte zu begleiten, um die soziale Vielfalt zu erhalten. (Jörg Brause)