Umfrage: 750 Millionen würden in ein anderes Land migrieren wollen

Bild: Pueblo sind Fronteras

Nach der Gallup-Umfrage will aus manchen Ländern die Hälfte der Bevölkerung und mehr auswandern, das begehrteste Zielland ist aber nicht, wie die AfD meint, Deutschland

Zeitgleich mit der Verabschiedung des UN-Migrationspakts hat das amerikanische Meinungsforschungsinstitut Gallup die Ergebnisse von weltweiten Umfragen veröffentlicht. Befragt wurden zwischen 2015 und 2017 über 450.000 Menschen in 152 Ländern, also nach dem Beginn der so genannten "Flüchtlingskrise" in Europa, ob sie, wenn sie die Gelegenheit hätten, permanent in ein anderes Land auswandern oder lieber weiter in ihrem Land leben wollen. Danach würden 750 Millionen Menschen oder 15 Prozent der Erwachsenen migrieren, wenn sie könnten.

Natürlich sagt man schnell mal, dass man in ein anderes Land will, wenn man so unverbindlich gefragt wird. Immerhin sagt auch ein Fünftel der Bevölkerung der Europäischen Union, dass sie dauerhaft in einem anderen Land leben wollen. Trotzdem dürfte die hohe Zahl Wasser auf der Mühle von Einwanderungsgegnern sein, auch wenn es in einer Umfrage 2007-2009 schon einmal 16 Prozent waren.

Aber wenn es heißt von der AfD und anderen, die Migranten würden, wenn sie könnten, Deutschland überrennen, weil sie hier das Sozialsystem ausnützen wollen (AfD: "Wir müssen den Ausverkauf der deutschen Sozialsysteme verhindern"), liegt man hier nach Gallup ebenso wenig richtig als bei der Vorstellung, dass Deutschland das beliebteste Einwanderungsland geworden sei. Geradezu grotesk ist auch noch die Behauptung, Merkel habe den Migrationspakt durchgesetzt: "Der Migrationspakt ist der selbstherrliche Versuch Merkels, ihre unverantwortliche Politik der offenen Grenzen in Deutschland nachträglich zu legitimieren und zum Maßstab einer weltweiten Einwanderungspolitik zu machen. Schon heute steht fest, dass vor allem Deutschland als weltweit wichtigstes Zielland die Folgen dieser Politik der Kanzlerin wird tragen müssen." (Gauland/Weidel)

Nach der Gallup-Umfrage ist keineswegs Deutschland das beliebteste Einwanderungsland, ganz an der Spitze stehen die USA. Das ist insofern beachtlich, weil die Umfrage teilweise schon in den US-Wahlkampf und das erste Präsidentschaftsjahr von Donald Trump fällt, aber auch noch in die Zeit, als Deutschland gerade erst Flüchtlinge offen aufgenommen hatte.

Von den Befragten, die auswandern wollen, gaben 21 Prozent oder 158 Millionen an, sie würden am liebsten in die USA. An zweiter Stelle steht mit 6 Prozent (47 Millionen) Kanada, an dritter eben Deutschland mit 6 Prozent und 42 Millionen, knapp vor Frankreich und Australien. Auffällig ist, dass in der vorhergehenden Umfrage 2010-2012 erst vier Prozent nach Deutschland wollten. Das Aufnehmen der Flüchtlinge 2015 könnte hier für die Zunahme eine Rolle gespielt haben, während 1 Prozent vielleicht wegen Trump weniger die USA als Zielland nannten. Großbritannien hat dagegen an Attraktivität verloren und ist von 7 Prozent auf 4 Prozent gefallen. Für Zweidrittel der Auswanderungswilligen stehen 18 Zielländer an der Spitze.

Gallup hatte 2010-2012 dieselbe Umfrage durchgeführt. Damals kam Gallup auf 630 Millionen Menschen, die gerne in ein anderes Land auswandern würden. Davon sagten 48 Millionen, sie würden planen, in den nächsten 12 Monaten auswandern, davon hatten aber nur 19 Millionen erforderliche Schritte zu unternehmen begonnen, also etwa ein Visum zu beantragen oder Fahrkarten zu kaufen. Und es sind weniger die Armen und wenig Gebildeten, die auswandern wollen und schon Vorbereitungen getroffen haben, sondern diejenigen mit der höchsten Ausbildung und mit Vollzeitjobs.

Die meisten Menschen wollen aus dem südlichen Afrika und Lateinamerika auswandern

Es sind gar nicht einmal die Menschen aus dem Nahen Osten und Nordafrika, die anteilsmäßig am stärksten zur Migration neigen - hier sagen das 24 Prozent, etwas mehr als die 21 Prozent aus Nicht-EU-Europa und die 20 Prozent aus der EU. Bei den Asiaten ist der Wunsch mit 7-8 Prozent am geringsten. In Nordamerika sagen dies 14 Prozent, vor allem US-Amerikaner, hier liegt der Anteil bei 16 Prozent. Am stärksten wollen mit einem Anteil von 33 Prozent die Menschen aus Afrika südlich der Sahara auswandern, gefolgt von Lateinamerika mit 27 Prozent. Die Zahl der Auswanderungswilligen steigt in Afrika und in Lateinamerika an, ebenso in Nordamerika.

Es gibt Länder, aus denen die Mehrzahl der Menschen auswandern will. 71 Prozent sagen dies in Sierra Leone, 66 Prozent in Liberia und 63 Prozent in Haiti, aber auch in Albanien sind dazu 60 Prozent bereit, 52 Prozent in San Salvador. Aus Armenien wollen mit 47 Prozent ebenso viele wie aus Honduras auswandern. Und aus Syrien mit 46 Prozent ebenso viel wie aus dem Kosovo. (Florian Rötzer)

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