Umfrage: Bevölkerung in Hongkong nicht per se gegen China

5. Januar 2020 in Hongkong. Bild: Studio Incendo/CC BY-2.0

Thomson-Reuters-Erhebung: Mehrheit stützt Proteste, will aber keine Unabhängigkeit von Beijing

Seit Monaten sorgen die Proteste gegen den Einfluss der Volksrepublik China in Hongkong für Schlagzeilen. Dennoch streben nach einer neuen Umfrage nur 17 Prozent der Einwohner der ehemaligen britischen Kolonie eine vollständige Unabhängigkeit von China an. 20 Prozent der Befragten kritisieren indes, China habe das Modell "ein Land, zwei Systeme" missbraucht, um Pekings Einfluss zu stärken.

Nach dem Vertrag zwischen China und Großbritannien soll dieses System bis mindestens 2047 gelten. Danach würde Hongkong - wenn die Regelung so beibehalten wird - vollständig zu China gehören. Die neue Umfrage wurde von der Nachrichtenagentur Thomson Reuters Ende Dezember veröffentlicht und wirft durchaus Fragen über die demokratischen Mehrheitsverhältnisse in Hongkong auf.

Die Erhebung war vom Hong Kong Public Opinion Institute für Thomson Reuters durchgeführt worden. Mitte Dezember hatte das Institut 1.021 Einheimische befragt, wie sie zu den anhaltenden Protesten in der Sonderverwaltungszone stehen. Gefragt wurde auch nach den Ansichten über die Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam. Demnach unterstützt eine Mehrheit von 59 Prozent die Proteste. 57 Prozent der Befragten sprechen sich für die Absetzung Lams aus.

Die Proteste hatten im vergangenen Jahr als Reaktion auf eine Reihe von Regierungsentscheidungen begonnen. Die Lage eskalierte schließlich im Zusammenhang mit der Debatte über einen Gesetzesvorschlag, der nach strafrechtlichen Anklagen die Auslieferung von Bürgern aus Hongkong an das chinesische Festland ermöglicht hätte. Chinakritische Abgeordnete im Parlament von Hongkong sahen das Vorhaben als Bruch der Ein-Land-Zwei-System-Politik an. Diese Politik gilt seit der Rückgabe Hongkongs durch die britische Regierung in den neunziger Jahren an China.

Die neue Umfrage stärkt nun die chinesische Führung, zumal sie von einem westlichen Medium verbreitet wurde und schwer als Propaganda abgetan werden kann. Chinesische Medien hatten die Proteste in Hongkong mehrfach als Versuch ausländischer Kräfte kritisiert, um Hongkong politisch zu destabilisieren. Die meist prowestlichen Demonstranten, die mit US-Fahnen auf die Straße gingen und ein Eingreifen der US-Regierung von Donald Trump forderten, taten das Ihre, um diese Darstellung zu stützen.

Führende chinesische Politiker, einschließlich Präsident Xi Jinping, haben die USA mehrfach vor einer Einmischung in die inneren Angelegenheiten Hongkongs gewarnt. Dennoch hatte der US-Senat vergangenen Monat ein Gesetz (Hongkong Human Rights and Democracy Act) verabschiedet, um die Proteste zu unterstützen. (Harald Neuber)