Umfrage: CSU sinkt in Bayern auf 37 Prozent ab

Der bayerische Staatsminister Montgelas 1834, gemalt von Eduard von Heuss

Selbst eine Zweierkoalition mit der FDP wäre nun nicht mehr möglich

Einer von GMS im Auftrag des Fernsehsenders Sat.1 durchgeführten neuen Umfrage nach würde die CSU in Bayern aktuell auf einen Stimmenanteil von nur mehr 37 Prozent kommen - eineinhalb Punkte weniger als bei der Bundestagswahl, vier Punkte weniger als bei der letzten GMS-Umfrage im Oktober und 10,7 Punkte weniger als bei der letzten Landtagswahl. Damit wäre im Freistaat ein Regieren der Christsozialen in einer Zweierkoalition mit den um jeweils einen Punkt auf sieben beziehungsweise acht Prozent gestiegenen Freien Wählern oder Liberalen nicht mehr möglich.

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Die Befürchtung, dass die CSU in so einer Konstellation möglicherweise mit den (mit zehn Prozent etwas schwächer als in der letzten GMS-Umfrage gemessenen) Grünen oder mit der bei 15-Prozent verharrenden SPD regiert, könnten den Christsozialen potenziell weitere Wähler abspenstig machen. Andere Wähler wären dagegen von der Aussicht auf eine Koalition mit der AfD erschreckt: Die legte einen weiteren Punkt zu und liegt nun nur mehr einen hinter den Sozialdemokraten. Der Stimmenanteil der sonstigen Parteien, zu denen in Bayern unter anderem die Linke und die Bayernpartei gehören, nahm gegenüber der GMS-Umfrage aus dem Oktober um zwei Punkte auf jetzt zusammengerechnet sechs Prozent zu.

Ein wichtiger Grund dafür, dass die CSU weniger Zuspruch findet als früher, dürfte darin liegen, dass die Wähler nicht mehr wissen, was sie mit ihr bekommen. Im Bund (wo sie mit 36 Prozent in der GMS-Umfrage noch weniger Wähler hätte als in Bayern) stützt sie nämlich Angela Merkel, die beim Regieren häufig genau das Gegenteil dessen machte, was die Union vorher im Wahlkampf versprach. Und in Bayern kämpfen die CSU-Politiker mit ihren "Verbündeten und Vasallen" nach der verheerenden Wahlniederlage vom 24. September in einer Weise um die Führung, die die Sueddeutsche Zeitung und der Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer mit dem Machtkampf der Häuser in der Serie Game of Thrones vergleichen:

Im Augenblick sieht es so aus, als ob am nächsten Montag die aktuelle Staffel ihren Höhepunkt erreichen würde. Die Landtagsfraktion in München hat eine Abstimmung anberaumt, um sich auf einen Kandidaten für die Wahl 2018 zu einigen. Seehofer wollte das unbedingt verhindern, indem er einen Rat der Weisen mit der Ausarbeitung der Modalitäten bei der Thronübergabe beauftragte. Der schöne Plan ist nun perdu. Aber wer weiß, der alte Fuchs hatte bislang immer noch ein Ass im Ärmel. Man hat auch Tyrion Lannister schon mehrfach totgesagt, dennoch ist er immer noch dabei.

(Jan Fleischhauer)

Fleischhauer, der von Berlin in die Münchner Schellingstraße zog, bevorzugt nach eigenen Angaben Söder als Seehofer-Nachfolger. Wirtschaftsministerin Ilse Aigner hält er für "nett und a bissl fad"; über Innenminister Joachim Herrmann meint er: "Wenn Bayern so werden will Niedersachsen, dann ist Herrmann genau der richtige Mann. […] Garantiert solide und hundert Prozent pointenfrei. Also im Grunde wie Aigner, nur halt acht Jahre älter und nicht so weiblich."

Andere potenzielle CSU-Wähler interessiert gar nicht so sehr, wer Seehofers Nachfolger wird, sondern vielmehr, was dieser Nachfolger macht. Konkret: Ob er Merkel die Gefolgschaft versagt. Anders als Fleischhauer und die Süddeutsche Zeitung suchen sich diese Wähler ihre Analogie dazu nicht im US-Fernsehen, sondern in der bayerischen Geschichte - beim Staatsminister Maximilian Carl Joseph Franz de Paula Hieronymus Graf von Montgelas:

Der beendete vor 204 Jahren seine vorher von ihm selbst eingefädelte Zusammenarbeit mit Napoleon und verbündete sich durch den Vertrag von Ried kurz vor der Niederlage des damaligen Beherrschers Europas in der Völkerschlacht bei Leipzig mit den siegreichen Österreichern. Dort, in Österreich, bildet 2017 der ÖVP-Politiker Sebastian Kurz eine Regierung, die sich ebenso wie die mehrerer anderer in den Nachfolgestaaten der ehemaligen K.u.K.-Monarchie klar gegen Merkel positioniert.

Kündigt ein alter oder neuer CSU-Vorsitzender Merkel die Gefolgschaft auf, dann geriete dadurch auch die CDU in Zugzwang, die Kanzlerin durch einen Nachfolger zu ersetzen, um in einer Koalition oder in Neuwahlen nicht gegen die ehemalige Schwesterpartei antreten zu müssen. Beim aktuellen Sondierungspartner SPD gewännen Stimmen wie die des ehemaligen Bundesvorsitzenden Hans-Jochen Vogel an Gewicht, der seiner Partei riet, den Rückzug der schwer berechenbaren Kanzlerin zu verlangen. Vielleicht wäre auch Christian Lindner bereit, mit einem CDU-Verhandlungsführer, dem er mehr vertraut als Merkel, noch einmal über eine Jamaika-Koalition zu reden.

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Ihm wären womöglich Alexander Dobrindt als neuer CSU-Vorsitzender und Jens Spahn am liebsten. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) berichteten Sondierungsteilnehmer "von besonders guten Beziehungen" zwischen der "Achse" Lindner, Dobrindt, Spahn, die sich in den Jamaika-Verhandlungen "einander die Bälle zugespielt" haben soll. Als Lindner nach einem Zugehen Seehofers auf die Grünen beim Familiennachzug meinte, "wenn die CSU bei diesem Thema umfalle, werde die FDP stehen" und "zu hundert Prozent" die CSU-Wahlkampfposition vertreten, da soll Dobrindt dem CSU-Vorsitzenden gesagt haben: "Schau, das passiert, wenn wir uns bewegen." (Peter Mühlbauer)

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