Umfrage: Interesse an Nachrichtenmedien in Deutschland ist gering

University Missouri School of Journalism. Bild: Brett Jordan/CC BY-2.0

"Qualitätsmedien" wird mehr Vertrauen entgegengebracht, aber die Zahlungsbereitschaft steigt auch mit Verbesserungen kaum

Nach dem im Januar veröffentlichten "Edelman Trust Barometer 2018" sollen die Menschen verunsichert sein. Dazu würden Fake News erheblich beitragen, die es freilich schon immer gegeben hat, aber die seit 2016 zu einem Kampfbegriff im politischen und medialen Feld wurden, wo jede Seite der anderen Desinformation vorwirft. Bei Edelman spricht man gar von einer "ernsthaften Bedrohung". 61 Prozent der Deutschen und weltweit sogar fast 70 Prozent hätten "Angst vor Fake News". Und mehr als die Hälfte sagt, sie könnten Falschinformationen von Qualitätsjournalismus nicht unterscheiden. Das ist natürlich problematisch, wenn das Diktum des Soziologen Niklas Luhman zutrifft: "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien."

Nach der Edelman-Umfrage verlieren die Menschen in 21 von 28 Ländern das Vertrauen in "Plattformen wie Suchmaschinen und Soziale Medien", denen aber noch immer 51 Prozent trauen, während "Journalismus, wie ihn traditionelle Medien wie Zeitungen und TV-Sender sowie seriöse Online-Medien betreiben, deutlich an Vertrauen" gewinne. Dem würden global 59 Prozent trauen, in Deutschland, dem Land der Lügenpresse, sogar 61 Prozent, während den "Plattformen" nur 40 Prozent trauen. Allgemein muss man freilich sagen, dass solche Fragestellungen unsinnig sind, denn es gibt unter den traditionellen Medien auch wenig vertrauenswürdige oder sehr einseitig berichtende, während es auf den "Plattformen" natürlich auch vertrauenswürdige Quellen und Informationen gibt.

Skepsis gegenüber Nachrichtenmedien ist immer angebracht und eine Tugend eines aufgeklärten Menschen. Wenn 66 Prozent der Menschen global (Deutschland 46 Prozent) davon ausgehen, "dass Nachrichtenorganisationen mehr an einer möglichst großen Reichweite interessiert sind, als an faktischen Informationen", liegen sie jedenfalls so falsch nicht. Und auch nicht, wenn 59 Prozent (Deutschland 47 Prozent) meinen, sie hätten "eine politische Agenda und informieren nicht neutral über die Geschehnisse auf der Welt".

Bedenklicher ist schon, was die Edelman-Umfrageautoren vornehmlich auf die Fake News zurückführen wollen, dass besonders stark die Deutschen gar nicht mehr an Nachrichten interessiert sind, egal in welcher Form sie angeboten werden. 67 Prozent (global 50 Prozent) lesen, hören oder sehen weniger als einmal in der Woche Nachrichten, während lediglich 15 Prozent (global 25 Prozent) sich mehrmals in der Woche ihnen zuwenden.

Dass das kaum an den Fake News liegt, zeigt eigentlich, dass trotz steigender Nachrichtenabstinenz die Glaubwürdigkeit von Journalisten nach der Umfrage um 12 Punkt auf 39 Prozent und in Deutschland um 19 Punkte auf 45 gestiegen ist. Weil auch die Glaubwürdigkeit anderer Experten gestiegen ist, wird die Schlussfolgerung gezogen: "Die Menschen sehnen sich nach Fakten und Einordnung. Von Experten, die ihre Profession gelernt haben."

Man könnte also meinen, dass zumindest bei denjenigen, die überhaupt noch regelmäßig Nachrichten wahrnehmen, die Bereitschaft steigen könnte, mehr Geld zu investieren, um glaubwürdige Medien zu erhalten. Edelman.ergo hat daraufhin eine weitere repräsentative Umfrage durchführen lassen, um zu sehen, ob die Menschen bereit wären, mehr für "Qualitätsjournalismus" zu zahlen, und was sich ändern müsste, um mehr bezahlen zu wollen.

Nach der Umfrage würden 26 Prozent der Befragten (40 Prozent der 30- bis 39-Jährigen) bis zu 15 Euro monatlich für journalistische Angebote ausgeben. 16 Prozent (65+: 25 Prozent; 18 bis 29 Jahre: vier Prozent) bezahlen mehr als 46 Euro pro Monat. In dieser Umfrage sagten 23 Prozent sie seien überhaupt nicht bereit, etwas zu zahlen, unter den 18- bis 29-Jährigen sind es fast 45 Prozent, die dann vermutlich auch später nicht zu Zahlern werden. Und was passiert, wenn die Angebote besser werden?

24 Prozent, also seltsamerweise ein Prozent mehr, sagen, sie würden für ein journalistisches Angebot, auch dann, wenn es inhaltlich überzeugt, nichts bezahlen. 29 Prozent würden bis zu 15 Euro, 20 Prozent bis zu 30 Euro, 5 Prozent zwischen 45 und 60 Euro ausgeben. Bei den jüngeren Menschen scheint die Zahlungsbereitschaft etwas höher zu sein, nicht aber die Zahlungshöhe. Hier geben 46 Prozent der 18- bis 29-Jährigen und 45 Prozent der 30- bis 39-Jährigen an, sie würden bis zu 15 Euro zahlen. 20 Prozent bzw. 21 Prozent sagen, sie würden gar nicht bezahlen. Allerdings ist die abstrakte Bereitschaft in einer Umfrage höher, Geld für angeblich Gutes auszugeben, als in der Wirklichkeit, wenn tatsächlich gezahlt werden müsste.

Für die meisten (40 Prozent) würde Qualitätsjournalismus ausgewogen sein müssen - und 29 Prozent würden dafür auch mehr zahlen. 19 Prozent erwarten sich investigativen Journalismus und 18 Prozent würden dafür mehr bezahlen. 18 Prozent wollen mehr Analysen und Kommentare.

Zeitliche Aktualität soll angeblich kaum eine Rolle spielen, die Geschwindigkeit noch weniger, besonders bei den Jungen (18-29 Jahre: ein Prozent; 30-39 Jahre: zwei Prozent). Das mag man ja kaum glauben, aber Vorstellungen über das, was Qualitätsjournalismus - was ist eigentlich der Gegenbegriff: Schundmedien, Fake News, Lügen- oder Lückenpresse? - auszeichnet, lassen keineswegs darauf schließen, ob man diese auch rezipiert und gar noch dafür (mehr) bezahlt.

Susanne Marell, CEO Edelman.ergo, zieht einen pessimistischen Schluss aus der Umfrage: "Unterm Strich zeigen die Ergebnisse: Die Budgets sind ausgereizt, egal, was Redaktionen unternehmen, sie werden den Auflagenschwund kaum stoppen können. Kostendeckendes Arbeiten für Verlage und Redaktionen scheint nicht möglich zu sein. Gleichzeitig müssen sie in die Qualität investieren und die Wünsche ihrer Leserschaft berücksichtigen - mit inhaltlichen und innovativen Angeboten. Tun sie dies nicht, besteht die Gefahr, dass sich der Auflagenschwund eher beschleunigt." Es könnte aber auch sein, dass sich das Geschäftsmodell der Nachrichtenmedien ändern müsste, also Redaktionen und Verlage Nachrichtenproduktion nicht primär durch Käufer und Werbung finanzieren. (Florian Rötzer)

Anzeige