Umfrage: "Junge Generation will menschliche Interaktion vermeiden"

Junge Menschen würden eher Aufgaben in der Arbeit an Roboter delegieren. Frage ist, was das bedeutet: Mangel an Kompetenz oder Widerstand gegen die alte Arbeitswelt?

Wir sind es mittlerweile gewöhnt, mit digitalen Assistenten zu sprechen, und wir richten unsere Wohnungen für den Saugroboter ein, der möglichst freie Fahrt haben soll. Auch ansonsten wandern technische Aliens in unsere Alltagswelt ein, vor denen wir offenbar weniger Angst entwickeln als vor Zuwanderern, obgleich die Roboter und KI-Systeme uns garantiert Arbeitsplätze streitig machen werden. Roboter ziehen auch in die zwischenmenschlichen Beziehungen ein, Sexroboter machen Prostituierten bereits Konkurrenz und ersetzen womöglich den menschlichen Geschlechtspartner (Von der Lust oder dem Elend beim Sex mit Puppen oder Maschinen, "Unser Standardkunde will Sex haben und danach Sportschau schauen und ein Bier trinken").

Eine Umfrage weist darauf hin, dass im Umgang der Menschen miteinander durch die neuen Mitbewohner einiges in Veränderung begriffen sein könnte. Die "technischen" Kinder schieben sich wie bei den Sexpuppen oder den digitalen Assistenten zwischen die Menschen und sie scheinen erst einmal den Vorteil zu haben, dass man mitunter mit ihnen einfacher und problemloser zurechtkommen kann. Da mögen Missverständnisse und Pannen auftreten, aber wenigstens verfolgen die digitalen Helfer bislang noch keine allzugroßen eigenen Interessen.

Der Softwarehersteller ABBYY hat eine Umfrage unter 1200 Angestellten in Großbritannien über die Folgen der Automatisierung, Digitalisierung und der Einführung von Robotern in der Arbeitswelt durchführen lassen. Natürlich sind Menschen, die in einem IT-Unternehmen arbeiten, eine besondere Schicht und keineswegs repräsentativ, wahrscheinlich auch vorwiegend männlich. Man sollte annehmen, dass sie weniger oder keine Bedenken gegenüber der weiteren Digitalisierung der Arbeit haben, schließlich leben sie ja davon.

Kommunikation mit Kunden und Kollegen nicht sonderlich begehrt

Auffällig war vor allem, wie sich die Jungen von den Älteren in ihren Einstellungen unterscheiden. Die 18-34-jährigen Millennials sind mit Computer und Internet aufgewachsen, sie kennen die prädigitale Welt nicht. 17 Prozent der Jungen sprechen nicht gerne mit Kunden, vielmehr ist das eines der verhasstesten Aufgaben, bei den 55-Jährigen sind es nur 4 Prozent, 10 Prozent würden diese unangenehme Aufgabe lieber Robotern überlassen, mehr als doppelt so viele wie bei den Älteren. Auch die Über-35-Jährigen ziehen zu Zweidritteln die Kommunikation mit Kunden vor, bei den Jungen ist es nur die Hälfte.

Selbst mit den Kollegen scheinen die Jungen sich nicht so gern unterhalten zu wollen. Nur ein Drittel würde es vorziehen, direkt mit Kollegen zu sprechen, bei den 55-Jährigen sind es noch 61 Prozent. Ob dann vorgezogen wird, statt einem direkten Gespräch eher eine Email, eine Whatsup-Mitteilung oder eine andere schriftliche Kommunikation zu schreiben, geht aus der Umfrage nicht hervor, auch nicht, ob das Gespräch mit Alexa und Co. einem Gespräch mit einem Menschen vorgezogen wird. Mit dem Vorgesetzten würden die Jungen jedenfalls nicht gerne direkt sprechen.

Interessant ist jedenfalls, dass die 18-34-Jährigen von den verbalen Kapazitäten von Robotern oder Assistenten nicht überzeugt sind. Nur 5 Prozent sind der Ansicht, Roboter würden besser mit Kunden sprechen, mit Kollegen glauben dies nur 2 Prozent. Wenn die jungen Menschen dennoch trotz der realistischen Einschätzung eher die Kommunikation dennoch an Roboter delegieren würden, dann würde dies, so die Annahme der Meinungsforscher, eher darauf hinweisen, dass die junge Generation weniger Vertrauen hat, die erforderliche Kommunikation leisten zu können.

Wenn nur 34 Prozent der Jungen, aber die Hälfte der Über-55-Jährigen der Überzeugung sind, sie könnten Aufgaben besser als Roboter erfüllen, dann könnten sie doch eher der Meinung sein, dass Roboter viele Aufgaben besser ausführen können als sie, was auch durchaus realistisch sein kann, wenn es nicht um Kommunikation geht. Eine Mehrheit der Älteren weigert sich denn auch, Aufgaben an Roboter oder Automatisierungsprozesse zu übergeben. Man macht es lieber selbst, auch wenn es langweilige Tätigkeiten sind wie die Pflege von Datenbanken oder Archivierung von Dateien, was die Jungen eher delegieren würden.

Zeichen für Interessenskonflikte zwischen Arbeitgebern und der jungen Generation?

Und was macht nun bei ABBYY aus den Ergebnissen? Interpretiert wird es so: "Junge Generation will menschliche Interaktion vermeiden." Neil Murphy, Chef für Global Business Development, meint, es sei wichtig, welche Aufgaben eine Mensch-Mensch-Interaktion verlangen und welche nicht. Aber das dürfte vielfach auch Ansichtssache sein. Murphy feiert geradezu die Mensch-Mensch-Kommunikation. Es sei ein "riesiger Wert" für Menschen, wenn sie mit Tätigkeiten beschäftigt sind, bei denen sie mit anderen Menschen zu tun haben. So könnten sich durch persönliche Erfahrungen Beziehungen und Vertrauen zwischen Kollegen und mit Kunden bilden. Roboter könnten halt weniger impovisieren und hätten keine emotionale Intelligenz.

Da scheint eher der Geschäftsmann zu sprechen, der Kunden halten und für ein gutes, also auch profitables Arbeitsklima sorgen will. Wer nicht gerne mit Kunden kommunizieren will, könnte durchaus in der Freizeit anders gestimmt sein, schließlich ist die Kommunikation mit Kunden eine ritualisierte Interaktion mit einem firmenbezogenen Zweck. Vielleicht also sind die Jungen schlicht weniger motiviert, solche Rituale ausführen zu wollen, bei denen Höflichkeit und Interesse vorgetäuscht werden, weswegen man die dann lieber Robotern oder Assistenten überlässt.

Typisch denn auch Murphys Hoffnungen auf eine Optimierung der Arbeit der Angestellten mit ihren Roboterpartnern und sich vermehrenden Automatisierungsmöglichkeiten. Sie sollen administrative Aufgaben wie die Erzeugung von Content doch der Automatisierung überlassen, für die es intelligente Lösungen gebe. Dafür könnten sie doch mehr Zeit aufwenden, "ihren geschäftlichen Tätigkeiten mehr Wert zuzufügen, wo es am wichtigsten ist". Das meint freilich nicht die Verbesserung der Arbeitszufriedenheit der Angestellten, sondern sie sollen sich doch dann, entlastet durch Automatisierung, stärker in der Kommunikation mit ihren Kollegen und den Kunden engagieren.

Letztlich wird den Angestellten gesagt, sie sollen, wenn sie in "partnership with robots" arbeiten, doch denen die Aufgaben überlassen, die sich nach Ansicht der Geschäftsführung automatisieren lassen. Dafür müssen sie das, was angeblich Menschen noch besser können, perfektionieren. Das menschliche Privileg besteht aber nur daraus, besser im Umgang mit Kunden Geschäfte zu machen und mit den Kollegen effektiver zu kooperieren.

Gut möglich wäre denn, dass die junge Generation weniger Lust darauf hat, sich der kapitalistischen Disziplin zu unterwerfen und strategische Kommunikation zu pflegen, sondern einer erfüllenden und sinnvollen Arbeit nachzugehen, bei der man sich nicht so verbiegen muss. Das könnte aber bei der wohl meist älteren Unternehmensführung wie bei Murphy auf Verständnislosigkeit stoßen, weil die Maschine mitsamt den Angestellten laufen muss. Also macht man aus der Unlust an der Kommunikation mit Kunden Unfähigkeit. (Florian Rötzer)

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