"Umgebracht wird, wer stört"

Blutige Verfolgung der nonkonformen Kirche

Verfolgt wurde in El Salvador nicht jener traditionelle, regimefreundliche Kirchenapparat, den - außer Romero und Rivera - alle Bischöfe des Landes erhalten wollten. Verfolgt wurde vielmehr nur die Kirche der Armen, die dem Konflikt mit den Reichen und ihren Handlangern nicht aus dem Weg ging.

Während der Jahre, in denen Oscar Romero Erzbischof ist, werden sechs Priester ermordet. Sie reihen sich ein in das Martyrium von hunderten - zumeist "namenlosen" - Frauen, Kindern, Kleinbauern, Landarbeitern, Lehrern und Katecheten. Die Predigten Romeros stützen kein klerikal verfälschtes Gedächtnis der Lebenszeugen, in dem nur die ermordeten Geistlichen vorkommen - während die große Schar der anderen längst vergessen sind:

Es ist, meine Schwestern und Brüder, durchaus keine Ehre für die Kirche, mit den Mächtigen auf gutem Fuß zu stehen. Die Ehre der Kirche besteht darin, dass sich die Armen in ihr heimisch fühlen.(…)

Ich freue mich, Brüder und Schwestern, dass sie in diesem Land Priester ermordet haben. Denn es wäre traurig, wenn in einem Land, in welchem derart schreckliche Mordtaten verübt werden, sich nicht auch Priester unter den Opfern befänden. (…)

Die wirkliche Verfolgung richtet sich gegen das arme Volk (...). Und aus diesem Grund hat die Kirche, als sie sich organisierte und vereinte, indem sie die Hoffnungen und Ängste der Armen aufgriff, das gleiche Schicksal erfahren wie Jesus und die Armen: die Verfolgung.

Oscar Romero
Papst Paul VI. mit Oscar Romero; beide werden am 14.10. 2018 in Rom gemeinsam "heiliggesprochen". Gemeinhin wird Paul VI. auf die sogenannte "Pillenenzyklika" reduziert, während man die scharfe Kapitalismus-Kritik in seiner Enzyklika von 1967 über den Fortschritt der Völker gerne unterschlägt. Foto: Wikipedia Commons / gemeinfrei

Umkehrruf an die Reichen: "Das ganze System muss sich ändern"

Die Option für die Armen geht in Romeros Predigten auf Schritt und Tritt einher mit einer an die Reichen adressierten Einladung zur Abkehr von einem falschen Leben. Noch ist es möglich, sich aus dem Kult der Götzen des Todes zu lösen und Befreiung zu erlangen, ein Leben in Beziehungen:

Wie viel ist nötig, damit Menschen von heute, die ihr Kapital dem Menschen vorziehen, merken, dass der Mensch mehr wert ist als alle Millionen der Erde? (…)

Im Namen unseres Volkes und unserer Kirche, rufe ich [die Oligarchen] auf, die Stimme Gottes zu hören und ihre Macht und ihren Reichtum von Herzen mit allen zu teilen, statt einen Bürgerkrieg zu provozieren, der uns allen ein Blutbad bescheren wird. Noch ist es Zeit, die Ringe von den Fingern zu streifen, bevor sie die Hände verlieren.

Oscar Romero

Unmissverständlich ist Romeros Botschaft, dass die Gemeinde, die sich auf Jesus beruft, weder Hass noch Gewalt predigt. Er brandmarkt gleichermaßen Mordanschläge von Todesschwadronen und Volksorganisationen. Allerdings will der Erzbischof von San Salvador hinsichtlich der Gewalt im Befreiungskampf nicht Ursache und Wirkung miteinander verwechseln. Friede sei ohne Gerechtigkeit nicht möglich:

Die Ursache liegt in der sozialen Ungerechtigkeit und im Festhalten an Privilegien, die vom Volk nicht mehr akzeptiert werden. Das ganze System muss sich ändern, denn es kann nur noch mit der Herrschaft des Geldes und der Macht eines gekauften Militärs aufrechterhalten werden.

Oscar Romero

Aufruf zur Befehlsverweigerung - Mord am Altar

Zu Beginn des Jahres 1980 ist das Scheitern der nach dem salvadorianischen Oktober-Putsch 1979 berufenen ersten "Reform-Junta" offenkundig. Man macht weiterhin Reformversprechen, doch dem widerspricht eine Staatspraxis der blutigen Unterdrückung im Dienst der Oligarchie. Allein im Januar werden bis zu 500 Todesopfer gezählt.

Am 17. Februar 1980 wendet sich Erzbischof Oscar Romero mit einem Brief an US-Präsident Jimmy Carter:

Sehr geehrter Herr Präsident … Mit Sorge betrachte ich die Nachricht, dass die Regierung der Vereinigten Staaten die Möglichkeit erwägt, die Aufrüstung El Salvadors zu fördern (…) Wenn Sie wirklich die Menschenrechte verteidigen wollen, dann verhindern Sie diese Militärhilfe für die Regierung von El Salvador und garantieren Sie, dass Ihre Regierung nicht direkt oder indirekt mit militärischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Pressionen in das Geschick des salvadorianischen Volkes eingreift.

Oscar Romero

Am 23. März 1980 ruft Romero in seiner Sonntagspredigt die Soldaten und andere "Sicherheitskräfte" auf, Befehle zum Töten zu verweigern:

Brüder, ihr gehört zu unserem Volk. Ihr tötet eure eigenen Brüder unter den Bauern. Wenn ein Mensch euch befiehlt zu töten, dann muss das Gesetz Gottes mehr gelten, das da lautet: Du sollst nicht töten! Kein Soldat ist verpflichtet, einem Befehl zu gehorchen, der gegen das Gesetz Gottes gerichtet ist. Ein unmoralisches Gesetz verpflichtet niemanden. (…). Im Namen Gottes und im Namen dieses leidenden Volkes, dessen Klagen von Tag zu Tag lauter zum Himmel steigen, bitte ich euch, flehe ich euch an, befehle ich euch: Hört auf mit der Unterdrückung!

Oscar Romero

Die Zeitungen bringen am nächsten Morgen hetzerische Schlagzeilen: "Monseñor Romero fordert Soldaten der Armee zur Insubordination auf"; "Erzbischof begeht Delikt". Oscar Romero weiß an diesem 24. März, dass sein Leben in Gefahr ist. Er feiert abends in der Kapelle des Schwesternkrankenhauses eine Messe und predigt: "Es ist zwecklos, nur sich selbst zu lieben und sich vor den Gefahren des Lebens zu hüten. Die Geschichte stellt die Menschen in diese Gefahren, und wer ihnen ausweichen will, verliert sein Leben."

Romero geht mit wenigen Schritten zum Altar. Dort trifft ihn die tödliche Kugel aus dem Gewehr eines Auftragskillers. In Kreisen des Militärs und der reichen Oberschicht wird mit Champagner auf die gelungene Mordattacke angestoßen.

Über 100.000 Menschen aus dem ganzen Land finden sich am Palmsonntag 1980 zu Romeros Beerdigung in der Hauptstadt ein. Am Winkel des Nationalpalastes explodieren Sprengsätze und von dort kommen Scharfschützen-Angriffe. Deshalb muss die Messfeier vor der Kathedrale unter Massenpanik abgebrochen werden. Der Tag endet mit mehr als 30 Toten und ungezählten Verletzten.

Der 1980 längst bestehende Bürgerkriegszustand im Land lässt sich nicht mehr umkehren. Die Vereinigten Staaten finanzieren den Krieg des Militärs zugunsten der Oligarchie mit drei Milliarden Dollar. Romeros Nachfolger wird dazu anmerken:

Die USA liefern die Waffen, und wir liefern die Toten.

Mehr als 75.000 Menschen kommen in den nächsten zwölf Jahren auf gewalttätige Weise ums Leben. Über 90 Prozent der Gräueltaten gehen laut Bericht der Wahrheitskommission auf das Konto der Armee. Bis heute belastet ein Gewalterbe sondergleichen die salvadorianische Gesellschaft.

Die Armen Lateinamerikas verehren den Erzbischof von San Salvador seit seiner Ermordung im Jahr 1980 als einen Heiligen. Seine innerkirchlichen Feinde und Verfolger ließen sich jedoch ständig neue Kampagnen einfallen, um die Anerkennung seines Martyriums zu sabotieren.

Unter Papst Franziskus werden diese klerikalen Kreise nun endgültig ins Unrecht gesetzt. Am 14. Oktober folgt Rom dem Votum der Armen und der Ökumene, indem Oscar Romero feierlich zum Vorbild für die gesamte Weltkirche erklärt wird.

Es geht hierbei nicht um eine "Sache von gestern". Mit allen Mitteln versuchen besitzende Minderheiten Lateinamerikas, Fortschritte in Richtung "Gerechtigkeit" wieder rückgängig zu machen. Auf den Philippinen werden gegenwärtig Priester ermordet, weil sie sich öffentlich dem als Drogenbekämpfung getarnten Massenmord an Armen entgegenstellen.

Literatur: Gedenkt der Heiligsprechung von Oscar Romero durch die Armen dieser Erde (Peter Bürger)

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