Unbewusstes Battle Reenactment

"Rechte" und "linke" Jugendkulturen und das Verkennen der Wirkung von Aktivitäten

Während am 2. Juni eine G8-Demonstration in Rostock stattfand, hatte die NPD angekündigt, in der Landeshauptstadt Schwerin marschieren zu wollen. Aus diesem Grunde rief ein "Antifa-Bündnis" aus Mecklenburg-Vorpommern zur "Internationale[n] Antifa-Demo" in Schwerin auf. Dort sollten zeitgleich "Antifaschist_innen offensiv gegen Neonazis auf die Straße gehen." Als das Ordnungsamt beide Aufmärsche verbot, tobte Pressesprecher Gerhard Hahn: Der Versuch, aus seiner Gruppe "Terrorist_innen" zu machen, sei "ungeheuerlich". Wo er recht hat, hat er recht: Mit Terrorismus haben diese Aktivitäten wenig zu tun – dafür aber um so mehr mit dem spielerischen Nachstellen historischer Konflikte – dem, was man gemeinhin Battle Reenactment nennt.

Allerdings sind sich die Teilnehmer an solchen Aufmärschen nicht bewusst, dass sie Battle Reenactment betreiben. Doch auch wenn sie subjektiv etwas anderes mögen wollen - die Unbedachtheit ihrer Vorstellungen führt zu einer objektiv weniger relevanten als putzigen Form des Protests. Oder anders formuliert: das sind keine Terroristen, das sind Clowns – und das relevanteste an ihren "Aktionen" ist die eigene Bewegung an der frischen Luft.

Die kindische Sprache und die Kostümierungen, derer sich die Beteiligten bedienen, deuten bereits auf den spielerischen Charakter der Aktivitäten hin. Wäre das Handeln ein politisches, dann müssten sich die Akteure als allererstes Gedanken darüber machen, welche Auswirkungen die eingesetzten Mittel haben. Und da sieht es für solche Aufmärsche – anders als in den 1920er Jahren – im Zeitalter der Massenmedien trübe aus. Sie sind ein historisches Protestmittel, das mit Paraden und mit dem Karneval verwandt ist und nur relativ kurze Zeit politisch relevant war. Heute sind sie meist nichts anderes als ein kostenloses exhibitionistisches Herumalbern für die Fernsehkameras. Das einzige, was sie realistischerweise erreichen können, sind mehr Befürworter der Todesstrafe für Ruhestörung. Die durchdachte Reaktion auf Aufmärsche des Gegners wäre also ihn marschieren zu lassen, so lange er so dumm ist das zu tun, ohne zu merken, dass er sich damit potentiell den Volkszorn zuzieht.

Teilweise klingen die Anlässe für die Reenactments so arg bemüht, dass der Vorwandcharakter des Politischen relativ klar erkennbar ist - etwa bei der Veranstaltung "Kein Schorle für Nazis". Besonders deutlich wird der eigentlich apolitische Reenactment-Charakter bei den seit 1987 stattfindenden 1.-Mai-Veranstaltungen der "Antifa Berlin". Der dortige Innensenator Ehrhart Körting bemerkte dieses Jahr, wo die Klassenschranke wirklich verläuft:

"Es gibt mittlerweile eher das Problem, dass ein ALG-II-Empfänger, dessen Auto Autonome anzünden wollen, zur Selbstverteidigung greift."

Sieht man sich die Slogans und Selbstdarstellungen in den YouTube-Videos von unbewussten und bewussten Battle Reenactments an, so stößt man auf bemerkenswerte Ähnlichkeiten. Von den Fahnen bis zum Geschrei ist beim bewussten Battle Reenactment alles dabei, was auch zum unbewussten dazugehört. Es gibt aber auch Unterschiede: So nutzen bewusste Battle Reenacter gerne die bei den unbewussten eher wenig beliebten Paintball-Geschosse. Das bewusste Battle Reenactment befasst sich außerdem eher mit den Schlachten weiter zurückliegender Epochen. Klassische Konstellationen sind Sachsen gegen Normannen, Parlamentsanhänger gegen Royalisten, Amerikaner gegen Engländer, Nordstaatler gegen Südstaatler und Japaner gegen Japaner.

Beim unbewussten Battle Reenactment – hier am Beispiel "Antifa" gegen "Rechte" vom 1. Mai 2004 - konzentriert man sich eher auf das Nachstellen von Gefechten aus dem letzten Jahrhundert. Vorbilder sind hier vor allem das Berlin der 1920er und 30er Jahre oder der Spanische Bürgerkrieg. Andreas Banaski bemerkte bereits 1982:

"[...] die Berliner laufen schon 50 Jahre dem Mythos der 20er/frühen 30er Jahre nach. Der Legende, als Berlin noch kulturelle Hauptstadt der Welt war [...], und die Massen noch wirklich auf der Straße kämpften. Erzähl mir nicht, daß man 1968 oder in der Kreuzberger Hausbesetzerszene auf derselben Fährte ist/war. Diese Leute (Spinner, Querschläger) sind nur dazu da, daß die Massen sich im Fernsehen oder der BILD-Zeitung über sie lustig machen."

Ein weiterer Unterschied des unbewussten zum bewussten Battle Reenactment sind die Machismo-Posen ("Steh auf, und zeig, dass du ein Mann bist!"), die die Veranstaltungen teilweise wie eine Mischung aus 30er-Jahre-Enactment und John-Milius-Filmen wie Conan der Barbar wirken lassen, sowie die Aufnahme von Versatzstücken aus dem Fussballrowdytum und von historischen Jugendkultur-Massenprügeleien wie etwa "Mods gegen Rockers".

Doch nicht nur anhand der Selbstdarstellungen in Videos, sondern auch anhand der Verlautbarungen und Pamphlete dieser Jugendkulturen wird ihr subtil-unpolitischer Charakter deutlich: Sowohl die "rechten" als auch die diversen "Antifa"-Organe sind zum großen Teil von totaler Irrelevanz geprägt. Ein besonders bizarres Beispiel ist eine "Antifa"-Aktion gegen ein Bürgerbegehren zur Verhinderung der Privatisierung der städtischen Wohnungen in Freiburg, an dem die Jugendbewegung Sprache und Symbolik nicht politisch korrekt genug fand.

Und so sind die unbewussten Battle Reenacter nicht nur Don Quixotes, Ritter von der traurigen Gestalt, die in der Vergangenheit leben, ohne sich dessen bewusst zu sein, sondern gleichzeitig auch noch ihre eigenen Windmühlen. Don Alonzo hatte zum Lesen nur die Ritterromane, aus denen er seine Figur erschuf. Seine Nachfolger hätten durchaus Zugriff auf Lektüre, die ihnen den Weg vom Spektakel ins tatsächlich Politische weisen könnten - Theodor W. Adorno etwa, der treffend bemerkte:

"Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr des Faschisten in der Maske des Faschisten, sondern vor dessen Rückkehr in der Maske des Demokraten."

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