Und die Skripals?

Der spektakuläre Nowitschok-Anschlag, bei dem gleich auf Putin gezeigt wurde, wird offenbar klammheimlich beerdigt, während der Verdacht weiter kursiert

Schon lange hat man nichts mehr über den Skripal-Anschlag am 4. März 2018 erfahren, der in das Verhältnis der Nato zu Russland noch einmal ein Crescendo einbrachte. Verschwunden sind seitdem auch die Opfer. Beide sollen den Anschlag überlebt haben. Nur von Julia Skripal, die einen Tag vor dem Anschlag aus Russland angereist war, kann das bestätigt werden.

Zuvor war ein Telefongespräch veröffentlicht worden, das sie mit ihrer Kusine führte und ihr abriet, nach Großbritannien zu kommen. Kurz danach sei sie aus dem Krankenhaus entlassen worden. Scotland Yard publizierte zwei Mitteilungen, in denen angeblich Julia im O-Ton zitiert wurde. Im Mai wurde ein Video von ihr veröffentlicht, auf dem sie einen "Brief" ablas. Dann verschwand sie bislang vollständig.

Julia Skripal bei ihrem letzten Auftreten im April 2018. Screenshot aus YouTube-Video

Von ihrem Vater gibt es gar nichts, abgesehen von Versicherungen, dass er auch überlebt hat. Gemunkelt wurde, dass die Skripals möglicherweise von US-Geheimdiensten in die USA oder woandershin gebracht wurden und eine neue Identität erhalten haben. Möglicherweise leben sie - oder lebt Julia - aber auch an einem geheimen Ort in Großbritannien. Spekulieren muss man, ob das Untertauchen freiwillig oder auf Intervention der britischen Regierung/Sicherheitsbehörden geschehen ist. Offenbar hatten die beiden zu den Verantwortlichen des Anschlags nichts zu sagen - oder nicht das politisch Korrekte.

Vieles bleibt trotz der aufwendigen Untersuchung im Dunklen, die Medien, die erst aufgeregt berichteten, scheinen den Vorfall vergessen zu haben - und lassen ihn damit in den einst erhobenen Verdächtigungen bestehen.

Am 4. März 2018 wurde auf den russischen Ex-Spion und Doppelagenten Sergei Skripal, der 8 Jahre zuvor durch einen Austausch von Spionen aus der Haft in Russland freikam, und seine Tochter in Salisbury ein Nervengiftanschlag mit Nowitschok ausgeführt. So die offizielle Erzählung. Angeblich wurde das Gift, das zur Zeit der Sowjetunion entwickelt wurde, aber auch im Besitz von westlichen Geheimdiensten und Labors wie dem militärischen Labor Porton Down gleich um die Ecke war, auf der Klinke der Eingangstür von Skripals Haus angebracht. Dort sollen beide damit in Berührung gekommen sein, spazierten aber noch Stunden durch die Stadt und saßen unauffällig in einem Pub und in einem Restaurant, bis man beide bewusstlos auf einer Bank fand, ins Krankenhaus brachte, wo sie allerdings erst nach einer Stunde eintrafen, und dort behandelte.

Das hochgefährliche Nervengift wirkte nicht

Seltsamerweise war der erste Arzt, der zu den Skripals kam, bevor sie ins Krankenhaus gebracht wurden, Leutnant Alison McCout, Chief Nursing Officer der britischen Armee. Angeblich wurde sie von ihrer Tochter darauf aufmerksam gemacht, die die beiden, als die Familie von einer Feier nach Hause ging, zufällig auf der Bank gesehen hatte und dachte, Sergei hätte einen Herzinfarkt gehabt. Ist nur komisch, weil ja auch Julia bewusstlos gewesen sein soll.

Trotz der Gefährlichkeit des Gifts, das sehr rein gewesen sein soll, haben beide Skripals überlebt. Warum das Gift erst so spät wirkte und trotz der angeblichen Reinheit nicht tödlich war, bleibt weiter ein Geheimnis. Im Juni - vier Monate später! - hat ein Pärchen in Amesbury bei Salisbury ein Parfümfläschchen mit Nowitschok in einem vermutlich regelmäßig geleerten Abfalleimer gefunden, das sie öffneten und dann erkrankten. Einer der Sanitäter soll Charlie Rowley mit einem Nervengift-Gegenmittel behandelt haben, das er dabei hatte und das in Großbritannien vorher noch nie angewendet worden war. Er habe es mitgenommen, nachdem an derselben Adresse bereits dessen Freundin Dawn Sturgess ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wo sie dann auch verstarb, Rowley habe deswegen gerettet werden können. Rowley selbst kritisierte mangelnde Transparenz der Behörden.

Scotland Yard kommt nicht voran

Die neueste Mitteilung der Polizei über den Fall stammt vom September, fast ein Jahr nach der letzten. Hier wird festgestellt, dass man nicht weiß, wo die "rosa Schachtel oder das Fläschchen" während der vier Monate war. Es wird zwar immer von Nowitschok gesprochen, unklar bleibt, ob das in Salisbury an der Türklinke gefundene Gel oder Spray(?) identisch mit dem in Amesbury war.

Mitgeteilt wird auch im September 2019, dass in Blutproben von Personen, die im März 2018 von Personen im Umkreis des Tathergangs genommen wurden, kein Nowitschok nachgewiesen werden konnte. Man habe erst im August die Genehmigung der Betroffenen eingeholt, um die Blutproben forensisch zu untersuchen. Merkwürdig, man sollte meinen, es wäre wichtig gewesen, eine Gefährdung im März 2018 ausschließen oder erkennen zu können. Bei zwei Polizisten, den Skripals und den beiden Personen in Amesbury seien "höhere" bzw. hohe Vergiftungen festgestellt worden. Das öffentliche Risiko bleibe gering. Die Untersuchung gehe weiter.

Scotland Yard betrachtet zwar die beiden Russen, die auf den Bildern von Überwachungskameras in Salisbury identifiziert wurden, weiterhin als Verdächtige, bleibt aber bei den Namen Alexander Petrov und Ruslan Boshirov. Die seien Pseudonyme, aber die Polizei schließt sich nicht deren vermeintlicher Identifizierung als GRU-Agenten durch Bellingcat an.

Warum musste das Dach von Skripals Haus entfernt werden?

Eigenartig ist schon, dass bislang keine Bilder von Überwachungskameras gezeigt wurden, die zeigen, was die Skripals nach ihrer angeblichen Kontaminierung an der Türklinke gemacht haben und wie sie gesundheitlich aussahen, obgleich die Stadt voll davon ist. Ebenso verwunderlich ist, warum es nur wenige Videos von Überwachungskameras von den Verdächtigen gab, schon gar nicht in unmittelbarer Nähe des Skripal-Hauses. Gibt es keine weiteren Aufnahmen oder hält man sie zurück?

24 Fahrzeuge und Ambulanzen mussten nach den beiden Vorfällen entsorgt werden, was fast 900.000 Pfund gekostet habe. Obgleich offensichtlich das Nowitschok nicht so schnell und auch nicht tödlich wirkte, wie man das hätte annehmen müssen, wurden in Salisbury einige Orte, an denen sich die Skripals aufgehalten haben, abgesperrt und dekontaminiert. Schwer verständlich mutet auch an, warum das Dach von Skripals Haus entfernt und neu gebaut werden musste. Angeblich haben sich die Skripals ja an der Türklinke beim Herausgehen kontaminiert, sie sind nicht ins Haus zurückgekehrt und auf dem Dach herumgeklettert.

Das mutet an, als wolle man den Eindruck erwecken, wie gefährlich das Nervengift gewesen ist, das sich bis aufs Dach hat verbreiten können. Dem widerspricht eben, dass die Skripals, die in direktem Kontakt mit diesem durch das Berühren gekommen sein sollen, überlebt haben. Anzunehmen ist, geht man vom Narrativ aus, dass Sergei die Türklinke beim Schließen berührt und womöglich später das Nervengift weiter an seine Tochter gegeben hat, die schneller gesundet ist. Blutproben von Menschen, von denen vermutet wurde, dass sie in Kontakt mit dem Nowitschok getreten waren, ergaben keine Ergebnisse, abgesehen von zwei Polizisten.

Die Story hat nach einem britischen Reporter "mehr Löcher als ein Emmentaler"

Kürzlich machte auch Norman Baker in Daily Mail wieder darauf aufmerksam, dass das Skripal-Narrativ alles andere als gesichert ist: "Wäre sie einem Verlag eingereicht worden, würde es abgelehnt werden, weil es mehr Löcher als ein Emmentaler-Käse hat." Er vergleicht die Schuldzuweisung der britischen Regierung mit den Dossiers der Blair-Regierung, die belegen sollten, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen hatte. Baker erklärt, Russland würde eine aggressive Politik verfolgen und habe "Verräter" im Ausland getötet, auch in Großbritannien wie Alexander Litvinenko.

Tatsächlich ist viel offen, allein schon die Frage, warum ein russischer Geheimdienst einen Doppelagenten, der schon im russischen Gefängnis saß und dann ohne aktuelles Wissen ausgetauscht wurde, töten sollte. Nach Baker soll Skripal öfter in der russischen Botschaft gewesen sein, vermutlich um nach Russland reisen zu können, wo man ihn ohne größere Umstände leichter hätte beseitigen können als durch einen spektakulären Anschlag. Aber es ist nicht einmal klar, ob die Täter Sergei oder seine Tochter treffen wollten. Die Polizei konnte nicht einmal die Frage beantworten, ob es bei Skripals Haus eine Überwachungskamera gab.

Erstaunlich ist, dass sich ein britischer Journalist und ein britisches Medium trauen, aus dem Rudel herauszutreten und ernsthafte Fragen zu stellen - wie dies jüngst auch Bidden im Spiegel im Magntiski-Fall machte, ohne dass dies weiter von anderen Medien aufgegriffen wurde: Browder und das Magnitski-Narrativ: Ende einer Desinformationskampagne?.

Baker stellt sogar in Frage, ob tatsächlich Nowitschok im Spiel war:

Geht man von der Natur von Nowitschok aus, dann ist es tatsächlich glücklich, dass niemand aufgrund der Einwirkung dieser hoch toxischen Chemikalie gestorben ist - nicht die Skripals, die, wie mir versichert wird, beide wohlauf sind, noch Leutnant McCourt, obgleich sie ihnen ohne Schutzanzug sehr nahe gekommen ist.

Interessanterweise fühlte sich Dr. Stephen Davies, der lokale Berater für Notfallmedizin, verpflichtet, The Times zu schreiben und zu versichern, dass "keine Patienten Symptome einer Nervengift-Vergiftung gezeigt haben und dass es nur drei Patienten mit einer signinifikanten Vergiftung gegeben hat". Dies impliziert, dass das, was benutzt wurde, um die Skripals - und Detective Sergeant Nick Bailey, ein Polizeioffizier am Tatort - zu vergiften, nicht Nowitschok gewesen sein kann.

Norman Baker

Zwar sei Wochen später Dawn Sturgess wegen eines in einem Abfalleimer gefundenen Fläschchens gestorben: "Wir sollen glauben, dass dieses von den Skripal-Tätern weggeworden wurde, da man sagte, es handele sich um dasselbe Nowitschok." Die Erklärungen gehen jedenfalls für Baker - nachvollziehbar - nicht auf. Er fordert: "Wir leben in einer reifen Demokratie und wir sind der Wahrheit verpflichtet. Gebt sie uns jetzt." Das wird kaum eintreten, was sich auch am OPCW-Bericht über den Giftgas-Vorfall in Douma (Duma) sehen lässt, an dessen Korrektheit Leaks und Whistleblower Zweifel entstehen ließen. Diese nur beiseite zu wischen und fragwürdige Bestätigungen durch Bellingcat zu präsentieren, unterminiert das Vertrauen in die Unabhängigkeit der OPCW wie im Fall Skripal in die Ermittlungen von Scotland Yard, auch wenn die Polizei versucht, nicht ganz nach den politischen Interessen zu handeln. (Florian Rötzer)