Und wenn Bush längst gewinnt?

Ausweitung der Konflikte, Aufspaltung der Region. Strategie ohne Substanz, aber mit Erfolg?

George W. Bush will den "Sieg"im Irak. Das unterstrich er in seiner Ansprache zur Lage der Nation erneut. Was er darunter versteht, blieb schon in seiner Rede vom 10. Januar nebulös: Es sei ein Sieg gegen den Terrorismus, der "nicht aussehen wird wie jene (Siege), die unsere Väter und Großväter erzielt haben“. Weniger schwer mit der Artikulation seiner Vorstellungen tun sich indes viele Nahostbeobachter. Bushs Strategie im Irak wie in der gesamten Region sei zunächst die Ausweitung der lokalen Kriege (vgl. Alain Gresh), zwecks einer Aufspaltung des Mittleren Ostens (so Walid Charara von der libanesischen Tageszeitung "Al-Akhbar“) Eine These, für die einiges spricht und an der vor allem eines beunruhigt: die Strategie könnte funktionieren.

Demokratische Reformen stehen offensichtlich nicht mehr auf Bushs Tagesordnung, bemerkt Abdel-Beri Atwan, Chefredakteur der in London erscheinenden pro-palästinensischen Tageszeitung "Al-Quds al-Arabi" in seinem Kommentar zu Bushs "neuer" Irak-Strategie . Priorität hingegen habe die Ausweitung der Konflikte im Mittleren Osten. Bereits die demütigende Exekutierung Saddam Husseins – zudem am hohen muslimischen Opferfest – sei von den USA und ihren "boshaften konfessionsorientierten Verbündeten"im Irak geplant gewesen, um die Polarisierung zwischen Sunniten und Schiiten voranzutreiben.

Tatsächlich sind viele irakische Sunniten überzeugt, dass es sich um einen staatlich sanktionierten Mord handle, mit dem die Schiiten Rache an Saddam nehmen wollten. Auch die meisten Sunniten der Nachbarländer sehen es so und wenden sich mit einer wachsenden Mischung aus Furcht und Zorn gegen die eigenen schiitischen Mitbürger und gegen den Iran als dem einzigen Schiitenstaat.

Entsprechend kündigte Hosni Mubarak – aus Sorge über das iranische – bereits das eigene ägyptische Atomprogramm an Der einflussreiche saudische Kleriker Abdul Rahman al-Barak verabschiedete Ende Dezember eine Fatwa, in der er die "Verweigerer" (eine abwertende Bezeichnung der Sunniten für die Schiiten, weil diese den "recht geleiteten" Nachfolgern des Propheten ihre Anerkennung verweigert hatten) als "Ungläubige" diffamierte .

Die Eltern algerischer Studenten bitten in der Stadt Schariaa die zuständigen Autoritäten in einem offenen Brief um den Schutz ihrer Kinder vor Lehrern, die schiitisches Glaubensgut vermitteln würden. Und auf Al-Jazeera.Net beteiligen sich rund 29.000 Personen an einer online-Umfrage zu der sich verschlechternden Sicherheitslage im Irak. Über 73% geben dem Iran die Schuld.

Dies und vor allem die Eskalationen im Libanon und in Palästina, die möglicherweise in Bürgerkriege münden, spielen Bushs "conquer-and-divide“-Strategie zu, glaubt Walid Charara, verantwortlich für die Meinungsseiten der oppositionsnahen libanesischen Tageszeitung "Al-Akhbar“. Antoine Sfeir dürfte sich hier anschließen.

Seit langem fragt der Leiter des Pariser Centre d'Etude et de Recherche Politiques (CERPO): Warum eigentlich "sagen, dass die USA den (Irak-)Krieg verlieren, wenn sie sein Hauptziel, die Aufsplitterung des Landes, erreichen?" Das Muster soll, so Sfeirs Überzeugung, auf die gesamte Region übertragen werden:

Einige arabische Staaten könnten in kleine Einheiten zerfallen, die gar keine richtigen Staaten mehr sind, sondern religiöse oder ethnische Gemeinschaften."Die USA "streben kleine Einheiten an, eine Art Herzogtümer, die keine reelle Macht mehr haben und der Außenwelt nicht gefährlich werden können.

Dass die Gräben zwischen den Volksgemeinschaften in und außerhalb des Irak bereits vor der US-Invasion in den Irak existierten, bestreitet keiner – doch erst die Beseitigung von Saddams Regime öffnete die Büchse der Pandorra. Die seither von den USA betriebene Kultur der Gewalt setzt jedoch keineswegs auf die Kanalisierung des Ausgebrochenen, sondern auf Soldaten, mit denen sich eine zivile Gesellschaft kaum vorleben lässt.

So fragt die Tageszeitung "Asharq al-Awsat" angesichts der jüngst durchgeführten massiven Militäreinsätze gegen sunnitische Aufständische in der Bagdader Haifa Straße:

Wenn der Kampf um die Kontrolle einer Straße dieses Ausmaß an militärischem Einsatz erfordert, was wird dann sein, wenn wir von den innen gelegenen, stark besiedelten und nahezu geschlossenen Vierteln Bagdads sprechen?

Die Zeitung fragt weiter, welche Auswirkungen soviel Tod und Zerstörung auf das Verhältnis zwischen Besatzung und irakischer Bevölkerung haben wird. Die Betonung liegt auf "Bevölkerung" und nicht auf einer gesonderten Ethnie. Dies ist bemerkenswert, weil die Zeitung vom saudischen Prinzen Salman Bin Abdul Aziz kontrolliert und somit der pro-amerikanischen "Achse der Moderaten" zuzurechnen ist.

Gerade aber seine Allianz mit vielen sunnitisch dominierten Staaten in der Region verhalf dem amtierenden US-Präsidenten zu dem, was seinen Vorgängern verwehrt geblieben sei – einem neuen Mittleren Osten. So jedenfalls Edward Luttwak, Senior Fellow für Präventive Diplomatie am Washingtoner Center for Strategic and International Studies, der diesen Zugriff auf die Region zugleich nicht für das Resultat einer ausgeklügelten Strategie, sondern für ein reines Zufallsprodukt hält.

Das Ergebnis aber sei dasselbe: Bush sei es gelungen, Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien und die Golfstaaten auf seine Seite zu bringen, indem er es ihnen unmöglich machte, künftig die Interessen der USA zu missachten, weil dies ihren eigenen Interessen zuwider liefe. Zu denen gehören nicht nur die Eindämmung des Terrorismus, sondern auch die "Sache mit der Demokratie“, mit der die USA ihre "Freunde"bei entsprechendem Verhalten nicht "belästigen"würden, wie Joseph Samaha spöttelt, Chefredakteur der dezidiert gegen die westliche Kolonialpolitik argumentierenden "Al-Akhbar“.

Anders als Luttwak begrüßt er die Entwicklung nicht, da sie zu gefährlichen regionalen Spannungen und damit zu dem beitrage, was er den "Niedergang arabischer Spezifizitäten" nennt. Doch auch für ihn steht fest: die "bedingungslose" Einverständniserklärung, die die "moderaten" arabischen Diktaturen Condoleezza Rice jüngst in Kuwait gaben, stellen keine geringfügige Konzession an die Supermacht USA, sondern einen "entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte unserer Region"dar.

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