Und wenn es nur eine Steckdose war?

Erstaufnahmelager Wilhelmsburg. Bild: F. Köhler

Massenschlägereien in überfüllten Flüchtlingsunterkünften

Immer häufiger kommt es in überfüllten Flüchtlingsunterkünften zu Massenschlägereien. Polizisten fordern Flüchtlinge nach Religion zu trennen. Politikern reden von Integrationsverweigerern. Vielleicht ist die Wahrheit aber auch viel banaler. Eine Spurensuche im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg.

Kann es sein, dass es nicht kulturelle Feindschaften sind, die Flüchtlinge aufeinander einschlagen lassen? Dass die Gewalt in deutschen Erstaufnahmeeinrichtungen nichts mit fehlendem Demokratieverständnis, nichts mit jungen Männern zu tun hat, die das staatliche Gewaltmonopol nicht anerkennen? Kann es sein, dass der Grund dafür, dass Menschen mit Eisenstangen auf einander losgehen, viel banaler ist? Dass es Umstände gibt, unter denen der Streit um eine einfache Steckdosenleiste in Gewalt ausartet?

Rund 60 Flüchtlinge gingen am Dienstagnachmittag in der Erstaufnahmeeinrichtung im Hamburger Stadtteil Hamburg Wilhelmsburg aufeinander los. Mit Eisenstangen prügelten afghanische und albanische Männer aufeinander ein. Mit 50 Mann rückte die Polizei an. Fünf Flüchtlinge wurden verhaftet. Ein Zelt brannte. Die Stichwunden eines Mannes mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Anas ist einer der 1.500 Menschen, die Hamburger Behörden in diesem Zelt- und Containerlager zwischen Autobahnzubringer und Sportplatz untergebracht hat. Der 27-jährige ehemalige syrische Bodybuildingmeister sieht aus, als könne er allein im Lager für Ruhe sorgen. Er war dabei, als der Streit um eine Steckdosenleiste eskalierte. Eine Steckdosenleiste, um die sich jeden Tag hunderte Flüchtlinge mit ihren Handy-Ladegeräten drängen, um nach Hause telefonieren zu können. Es ist die einzige im ganzen Lager.

Sechs Albaner seien auf einen Afghanen losgegangen, erzählt Anas. Zuerst gab es einen verbalen Streit. Als immer mehr Flüchtlinge zum Toilettencontainer strömten, um zu helfen, zu schlichten oder zu streiten, flogen erst die Fäuste, dann die Eisenstangen. "Sie montierten die Stangen aus ihren Betten, einige zückten Messer. Es war blutig", erzählt Anas. Einem der Flüchtlinge soll eine Waffe an den Kopf gehalten worden sein, berichten neben Anas auch mehrere andere Augenzeugen.

Den Fall mit der Pistole dementierte die Polizei zwar, dennoch warnte der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, am Dienstag vor einer Verharmlosung der Gewalt. Die Lage- und Ereignisberichte der Polizei sprächen eine eindeutige Sprache, sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

In einem Zelt des Erstaufnahmelagers Wilhelmsburg. Bild: F. Köhler

Blickt man auf die Polizeiberichte der letzten Woche, scheint Wendt recht zu haben: Am 25. September schlugen in einer Leipziger Messehalle 200 Männer mit Latten, Tischbeinen und Bettgestellen aufeinander ein. Mehrere Stunden dauerte am Sonntag eine Schlägerei zwischen 400 Flüchtlingen in Kassel. Mindestens 14 Menschen wurden bei der Auseinandersetzung verletzt, die in der Warteschlange vor der Essensausgabe begann. Und in Braunschweig prügelten sich am Dienstag rund 300 Syrer und Afghanen nachdem ein Handy verschwunden war. "Eine getrennte Unterbringung auch nach den Religionen", schlug vergangene Woche deshalb der Vizechef der Polizeigewerkschaft Jörg Radek vor. Viele Politiker schlossen sich seinem Vorschlag an.

Umstrittende Steckdosenleiste im im Erstaufnahmelager Wilhelmsburg. Bild: F. Köhler

Auch unter den Flüchtlingen selbst findet man solche Erklärungen, die die Ursache der Gewalt vor allem im Aufeinandertreffen bestimmter Ethnie sehen: "Die meisten Afghanen haben in ihrem Leben schon einmal getötet. Das merkt man", ist so eine. Oder: "Viele Albaner sind frustriert, weil sie wissen, dass sie wahrscheinlich abgeschoben werden."

Doch eine andere Erklärung ist wesentlich verbreiteter: "Ihr wollt nicht, dass wir uns wie Tiere verhalten? Dann behandelt uns wie Menschen. Wir sind frustriert wegen der Kälte, weil uns niemand sagt, wie es weiter geht", sagt er und meint die katastrophalen Bedingungen, unter denen er und die anderen Flüchtlinge seit Wochen in Wilhelmsburg leben: In den überfüllten Zelten schlafen auf eng gestellten Pritschen bis zu 18 Menschen ohne Licht, Strom und Heizung, während die Temperatur nachts auf 4 Grad sinkt. Ein Lager mit zu wenig Betreuung und Verpflegung, in dem sich zwischen den wenigen Toilettencontainer dutzende Menschen um die einzige Steckdosenleiste drängen.

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