Unentbehrlicher Schurkenstaat

Öffentlich beklagt sich die Welt über die USA, insgeheim kooperiert sie aber prächtig mit dem Neuen Rom

Lange Zeit galten die USA als Musterbeispiel und leuchtendes Vorbild in Sachen Demokratie, Meinungsfreiheit und Pluralismus. Weltweit, und auch hierzulande. Vielleicht nicht unbedingt bei Islamisten oder auf Seiten der radikalen Linken und der extremen politischen Rechten, die den US-Imperialismus schon immer für alles Elend und Übel in der Welt verantwortlich gemacht haben, für Armut, Ausbeutung, Krieg und Gewalt.

Unterschwellig gab es zwar immer schon latentes Unbehagen gegen Amerikaner und ihre Kultur, wie gerade das „Drei Schwestern“-Vergangenheitsepos von Oliver Storz anschaulich gezeigt hat. „Off Limits“ war deshalb zu jener Zeit ein häufig zu lesendes Schild, das an den Türen von Restaurants und Bars angebracht war, um „deutsche Mädels“ vor zudringlichen Blicken, Wünschen oder vermeintlichen Nachstellungen schwarzer GIs zu schützen. Und den Älteren dürften auch noch derbe „Ami, go home“-Rufe in den Ohren klingen, die eine rebellierende Jugend gegen die Politik ihrer Väter und den Vietnamkrieg skandierte.

Die große Mehrheit jedoch, die unter der Schutzmacht und dem atomaren Schutzschild der Amerikaner aufwuchs, sich den locker-lässigen amerikanischen Lebensstil aneignete und die Vorzüge von Rock’n’Roll und Individualismus, Konsum und Wohlstand schätzen lernte, hat längst ihren Frieden mit dem „großen Bruder“ geschlossen. Trotz Rassendiskriminierung und sozialer Ungleichheit bewunderte sie an den USA vor allem ihre liberalen Prinzipien, ihre moralische Stärke und ihren Willen zur kulturellen Diversität, aber auch die Tatkraft und den Idealismus, mit denen sie Europa einst vom Faschismus und Kommunismus befreit haben.

Zerstört das weit entfernte Amerika mit seinen weißen Gebäuden

Louis Aragon, 1925

Antiamerikanische Affekte

Mit dieser Sympathie und „moralischen Autorität“ ist es vorbei, seitdem George Walker Bush den Strahlemann Clinton im Weißen Haus abgelöst, die Weltgemeinschaft brüskiert und einen Krieg im Mittleren Osten vom Zaum gebrochen hat. Das Prestige, das die älteste Demokratie der Welt sich in all diesen Jahren erworben hat, ist auf einem Tiefpunkt angelangt. Das ist nicht Amerika, seufzt ein Kulturjournalist, der mit Insignien der US-Popkultur sozialisiert worden ist, mit Westcoast-Sound, Blue Jeans und Joint-Ventures.

Und Jürgen Habermas, der sich mit den besten Tradition Amerikas identifiziert, mit den Ideen von 1776, dem Pragmatismus und dem US-Internationalismus, fahndet seitdem beharrlich nach einem „anderen Amerika“, das diese Traditionen verkörpert, aber jetzt in Trümmern liegt. Vergeblich. Denn auch diese Strahlkraft, mit der sie andere Nationen, Völker und Kulturen beeindrucken und zum Nacheifern bewegen konnte, ist versiegt. Aus Hochachtung ist Misstrauen und tiefe Abneigung geworden, und Bewunderung ist in obsessiven Antiamerikanismus umgeschlagen.

Antiamerikanische Affekte findet man aber nicht nur in Meinungsumfragen. Auch bei Empfängen und in Weblogs, auf Tagungen oder an Stammtischen lassen sie sich feststellen. Fällt dort das Wort „Amerika“, wird man kaum noch jemanden finden, der gewillt ist, freundlich über das Land, die Leute oder die Regierung zu sprechen. Nur Exoten oder Provokateure wagen es, beim Smalltalk, beim Chat oder bei öffentlichen Runden für Amerika Partei zu ergreifen, für Verständnis oder Vertrauen in die „guten Absichten“ des Landes zu werben oder die amerikanische Art und Weise, die Dinge des Lebens zu meistern, zu verteidigen.

Selbst die gängigsten und billigsten Klischees, Vorurteile und Stereotypen über Amerikaner werden wieder aufgewärmt und im Brustton der Überzeugung erhoben: der unwissende Viehzüchter, der keine Ahnung von Geschichte und Geografie hat, ständig Riesensteaks in sich hinein stopft und mit dem Schießprügel wild in der Gegend herumfuchtelt; der neureiche Amerikaner, der nach kultureller Verfeinerung lechzt, aber nicht einmal weiß, wie man richtig mit Messer, Gabel und Löffel umgeht; der amerikanische Cowboy, dem der Colt locker im Halfter sitzt, der das Gesetz in die eigene Hand nimmt und wahllos Büffel und Indianer niedermetzelt; der Kaugummi kauende Marine, der nichts von anderen Kulturen weiß, in fremden Ländern wie ein Elefant im Porzellanladen herumtrampelt und die Jungfräulichkeit muslimischer Mädchen bedroht.

Und selbst Intellektuelle sind sich nicht zu schade, das Land mit drastischen Worten an die Wand zu nageln. Bezeichnen Jacques Derrida und Peter Sloterdijk die Vereinigten Staaten als Outlaw und „Schurkenstaat“, die sich willentlich außerhalb von Recht und Gesetz stellen, fordert Peter Handke, man möge lieber die USA statt Iran, Nordkorea oder den Sudan entwaffnen, da sie über die schlimmsten Waffen verfügten.

Während Giorgio Agamben aus dem Land ein riesiges „Konzentrationslager“ macht, und zwar „just in dem Moment, in dem die politische Kultur des Westens anderen Kulturen Unterricht in Sachen Demokratie geben will", heißt Johan Galtung die USA einen „faschistoiden Folterstaat“, der außenpolitisch einen „Geofaschismus“ fährt. Akribisch listet der Nestor der Friedens- und Konfliktforschung auf, wo und wie oft Amerika in fremden Ländern interveniert hat, seit 1945 nämlich siebzig, und seit 1804 gar 240 Mal, und welcher und wie vieler Verbrechen die Nation sich allein in den letzten vierzig Jahren schuldig gemacht hat.

Der Argwohn gegenüber den USA geht mittlerweile so weit, dass man den US-amerikanischen Geheimdiensten tatsächlich unterstellt und zutraut, das World Trade Center selbst zum Einsturz gebracht zu haben, um an billiges Öl zu kommen und die übrige Welt zu versklaven. Kein Wunder, dass Bücher und Filme von Michael Moore Bestseller und Publikumsrenner geworden sind und viele seiner Äußerungen wie neutestamentarische Offenbarungen goutiert werden.

Den Vogel schoss freilich Jean Baudrillard (L'esprit du terrorisme) ab. Unmittelbar nach dem elften September erklärte er die Tat zu einer Art von Wunscherfüllung oder selfulfilling prophecy: Al-Quida-Terroristen hätten ausgeführt, was „ausnahmslos alle“ sich schon immer erträumt oder herbeigesehnt hätten, nämlich das Zentrum und die Symbole der Macht, des Kapitals und der Unterdrückung zu zerstören. Womit er fern jenes berühmten: „Nous sommes tous des Americains“ und der von Hauptstadtregierungen verordneten öffentlichen Trauer, wohl die wirkliche Stimmung traf, jene „klammheimliche Freude“, die nicht wenige teilten.

Warum hassen sie uns so?

Auch wenn man zugesteht, dass sich hinter all diesen Anfeindungen und Feindseligkeiten auch persönliche Enttäuschungen verbergen, vielleicht nicht immer hinreichend zwischen Land, Regierung und Durchschnittsamerikaner diskriminiert wird, und diese Äußerungen von Leuten kommen, die weder Amerikaner kennen noch jemals das Land besucht haben, mögen einige davon bis zu einem gewissen Grad auch verständlich sein. Zumal es handfeste Gründe gibt, warum das Land derart „unter Dauerfeuer“ steht und sich die Eliten des Landes (siehe Newsweek) besorgt fragen, warum so viele Menschen das Land hassen.

Als größter Luftverschmutzer der Welt verhindert oder blockiert es nicht nur internationale Konventionen, diese Ausstöße zu minimieren, es ist auch der größte Verschwender knapper Ressourcen; Amerika missachtet nicht nur internationales Recht, es deutet Regeln und Maßnahmen auch in ihrem Sinne um oder biegt diese sich nach ureigenen Interessen zurecht; die USA halten Gefangene ohne richterlichen Befehl in Käfigen und an geheimen Orten gegen ihren Willen fest und verweigern den Delinquenten eine angemessene Verteidigung vor Gericht; sie legitimieren Kriege mit wahrheitswidrigen Begründungen, setzen sich selbstherrlich über Voten der Weltgemeinschaft hinweg und verweigern internationalen Gremien, zu deren Gründung sie einstmals aufgerufen haben, die Zustimmung, wenn das eigene Personal davon betroffen wäre; die Vereinigten Staaten unterstützen die israelische Unterdrückung der Palästinenser und tun viel zu wenig, um diesen Konflikt zu entschärfen oder gar beizulegen; sie üben ihre wirtschaftliche und militärische Macht und Dominanz mit mutwilliger Arroganz aus und fördern autoritäre, korrupte und sexistische Regime, solange sie ihr zupass kommen …

Die Kette der Vorwürfe ließe sich auch weiter fortsetzen. Dennoch bliebe letztlich unverständlich, warum die Härte der Kritik sich vor allem gegen die USA richtet und die Grenzen zwischen legitimer Kritik und Antiamerikanismus dabei fließend werden. Warum werden ausgerechnet sie (und nicht der Terrorismus oder Terrorregime) als „gefährlichste Macht“ bezeichnet, „die die Welt jemals gesehen hat […], „der Welt den Krieg erklärt hat“ und „nur eine Sprache kennt: Bomben und Tod“ (Harold Pinter). Stecken nicht auch andere Staaten missliebige Personen in finstere Verliese? Foltern nicht auch diese, und das noch viel schlimmer und grausamer? Verfolgen nicht auch andere egoistische Motive und überziehen Nachbarn, die sich unbotmäßig verhalten, mit Krieg und Gewalt? Verpesten und vergiften nicht auch andere Länder die Umwelt oder belasten Boden, Luft und Klima mit Abgasen, Abfällen und Industriemüll?

Warum also treffen Wut, Zorn und Hass hauptsächlich die USA, und nicht im gleichen Maße, sagen wir mal, China, Russland, die Türkei oder die Arabischen Emirate? Woher kommen Missverhältnis und Ungleichbehandlung? Warum verdammt man die USA wegen Armut, Rassismus und sozialer Ungleichheit, ohne nicht zugleich auch der Fairness wegen zu erwähnen, dass die Arbeitslosigkeit, verglichen mit der Europas, äußerst niedrig ist – auch wenn es sich nur um Niedriglohnjobs handelt; oder dass (ein anderes Beispiel) nirgendwo sonst so viele Menschen unterschiedlichster Nationalität, Hautfarbe und Kultur so eng Tür an Tür leben und arbeiten und die Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft multiethnischer verteilt sind als anderswo.

Impotenz der Amerikafeinde

Zwei Erklärungsmuster bieten sich meinem Dafürhalten nach an. Da ist zum einen der vergleichsweise hohe „moralische Anspruch“, den die Vereinigten Staaten sowohl nach innen als auch nach außen vertreten. Die amerikanische Nation hält sich nicht nur für das „Gegengift“ (antidote) zum alten Europa, sie reklamiert für sich auch das wahrere und bessere Europa zu sein.

Einst als „City upon the hill“ von puritanischen Einwanderern, die das morsche, korrupte und moralisch verrottete Europa hinter sich lassen wollten, am Potomac gegründet, sollte es ein leuchtendes Symbol und Modell für eine freie und offene Gesellschaft sein. Als „das Land der Zukunft [und] der Sehnsucht“, das eine „lebendige Idee“ verkörpert, steht Amerika nicht nur für Freiheit, Zivilisation und westliche Werte, es ist aufgrund der Vielfalt der Kulturen und Rassen auch die erste globale Nation, die die Welt bisher erblickt hat. Entspricht dieses öffentliche Bild nicht mehr der Realität, klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander, dann kann es durchaus passieren, dass auch all die selbstredend produzierten Mythen, Ideale und Denkmäler wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen. Wie rasch das geht, hat zuletzt der Clash der Sowjetunion eindrucksvoll gezeigt. In solchen Momenten, wo Zeichen, Bilder und Symbole mit der Wirklichkeit kollidieren, helfen weder „Public Diplomacy“ und PR-Agenturen noch ein „Office of Strategic Influence“ oder ein „Office of Global Communications“, das die Realität schönt oder verschönert.

Das andere ist, dass sich das Land wegen seiner beispiellosen Stellung in der Welt als Projektionsfläche für politisches Versagen und politische Unzulänglichkeiten anderer Staaten und Nationen hervorragend eignet. Vor allem afrikanische Eliten belieben, die Vereinigten Staaten für die Misere ihres Kontinents anzuklagen. Der eigenen Mitschuld und Verantwortung, will sagen: dem Problem der Korruption, der Waffenkäufe und der Selbstbereicherung stellen sie sich hingegen nicht. Obwohl Afrika bislang finanzielle Zuweisungen und Schecks erhalten hat, die ein Vielfaches des ursprünglichen Marshall Plans für Europa betragen haben, riefen ihre politischen Führer in 2001 trotzdem nach einem neuen „Marshall Plan für Afrika“.

Ähnliches könnte man über den arabischen Antiamerikanismus sagen, über die Unfähigkeit der arabischen Führer, ihrem Land und ihrer Bevölkerung trotz oder gerade wegen des Ölreichtums und anderer üppiger Ressourcen ein angemessenes Auskommen zu bescheren. Auch hier muss das Verbrennen amerikanischer Flaggen herhalten, eigene politische Versäumnisse zu kaschieren. Das alles sagt natürlich nichts über legitime Gefühle der Erniedrigung, der Demütigung oder des verletzten Stolzes, die auch im Spiel sind. Haltung, Einstellung und Abwehr sagen aber sehr wohl etwas darüber aus, wie mit Antiamerikanismus Politik und Stimmung gemacht wird.

Gefühle der Impotenz sind auch ein Hauptgrund, warum sich die Europäer über ihren „großen Bruder“ beschweren und ihn öffentlich anschwärzen. Zweifellos ist dabei auch Neid, Eifersucht und Missgunst im Spiel, der an den „Bruderzwist“ zwischen Kain und Abel erinnert. Durch die Intervention der USA hat Europa seine zentrale Position in der Welt verloren. Ohne ihre Hilfe hätten Europas Nationen im Zweiten Weltkrieg Selbstmord begangen. Das amerikanische Übergewicht und der lauthals beklagte Unilateralismus des Landes ist Ausfluss und direkte Folge dieses versuchten Harakiris und der damit verbundenen militärischen und politischen Schwäche.

Handgreiflich wurde diese, als der Konflikt auf dem Balkan eskalierte und die Europäer nicht in der Lage waren, den Völkermord an einer Viertelmillion Muslime in Eigenregie zu beenden. Es bedurfte amerikanischer U-52 Bomber, um das Gemetzel zu beenden. Das Gleiche, nur auf niedrigerer Stufe, wiederholte sich, als Spanien mit Marokko um die Paradiesinseln stritt, einem Eiland vor der Küste Afrikas, auf dem höchstens ein paar Ziegen hausen. Obwohl der außenpolitische Beauftragte der EU, Javier Solana, Spanier ist, gelang es der EU nicht, die Krise zu entschärfen oder gar beizulegen. Erst als der damalige US-Außenminister Colin Powell mittels Telefonaten Rücksprache mit dem marokkanischen König und dem spanischen Ministerpräsident hielt, kam es zu einer Einigung.

Seit 9/11 ist auch die relative Bedeutung Europas in der Welt stark gesunken, jedenfalls aus amerikanischer Sicht. Nicht wegen des Streits um den Irak-Krieg. Vielmehr haben sich durch dieses Ereignis die strategischen Koordinaten endgültig zuungunsten Europas verschoben. Die Blickrichtung Amerikas zielt auf den Greater Middle East und vor allem auf den pazifisch-asiatischen Raum. Dort passieren die wichtigen Dinge, in Indien und China, wo ein knappes Drittel der Menschheit zuhause ist und ein explosives Wirtschaftswachstum herrscht.

Merkwürdigerweise ist dort von Antiamerikanismen, sieht man mal von Südkorea ab, kaum noch was zu spüren, obwohl zum Beispiel Indochina allen Grund dafür hätte. Anders als Alteuropa, das immer die Risiken und Gefahren von morgen in den Vordergrund schiebt und vornehmlich Goliath für ihr eigenes Unvermögen verantwortlich macht, wird Asien von einem Optimismus und einer Aufbruchsstimmung befeuert, die nicht von ungefähr an die amerikanische Mentalität des mutigen Anpackens und Lösens von Problemen erinnert.

Auch wenn es den Anschein hat, als bemühe sich Washington und die Bush-Regierung in ihrer zweiten Amtszeit wieder verstärkt um den alten Kontinent, was vermutlich einfach daran liegt, dass die neue Außenministerin eine große Bewunderin europäischer Kultur ist, ändert das aber nichts daran, dass große Teile der politischen Elite Amerikas Europa für politisch irrelevant, verweichlicht und für ein Heim alter Leute halten. Europäer werden eher für Querulanten gehalten, als „Schwächlinge“ (Euroweenies) und „Würstchen“ (whimps) (Anti-Europeanism in America) bezeichnet, die ihre Euro lieber für Wein, Urlaub und aufgeblähte Wohlfahrtsstaaten ausgeben als für die Verteidigung ihres Kontinents.

Wohlfeil und billig

Stets das sittlich Gute zu wollen, sich zuverlässig und pflichtgemäß auf die Seite von Moral und Gerechtigkeit zu schlagen, ohne dabei selbst aktiv zu werden oder sich die Hände schmutzig zu machen: Dies war immer schon die Devise und ein Grundmerkmal europäischer Außenpolitik - und da vor allem eine Spezialität der „Deutschmark Diplomacy“. Schon deswegen birgt jeder Antiamerikanismus etwas unangenehm Geschmäcklerisches, Wohlfeiles und Billiges in sich. Erst recht, wenn er voller Selbstgefälligkeit und moralischer Überheblichkeit daherkommt und der Moralismus von klassischen Ressentiments gespeist wird.

Auf der einen Seite hat man das Irrelevantwerden des eigenen Kontinents nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch nicht verschmerzt und hegt tiefes Misstrauen gegenüber der Stellung des Herrn und seinen Erfolg. Vor allem in Frankreich haben Groll und Missgunst gegen die USA lange Tradition. Seit der Zeit de Gaulles sucht man nach Bündnispartnern, um dem amerikanischen Herrn Paroli zu bieten. Und mit dem neuen Deutschland, das seit Auschwitz ständig Politik mit Moral verwechselt, glaubte man einen Gefährten an der Seite, um Goliath mit internationalen Verträgen, Abkommen und Vereinbarungen fesseln zu können.

Andererseits genießt man es, dass er die Welt „führt“, dass er zugleich Weltregierung und Weltpolizist ist und man ihm alles Unangenehme überlassen kann. So wird erwartet, dass er überschuldeten Nationen wie Mexiko oder Argentinien oder ganzen Kontinenten finanziell entgegen kommt und sie entschuldet, dass er beim Nation-Building das Kommando übernimmt und die Verbreitung von MVW verhindert; ebenso, dass er zwischen schwierigen Nachbarn und Partnern politisch vermittelt oder Schutzgarantien vor Übergriffen aggressiver Nachbarn gewährt, beispielsweise Taiwan vor dem Zugriff Chinas schützt, Saudi-Arabien vor einer islamistischen Machtübernahme bewahrt, zwischen Pakistan und Indien eine militärische Eskalation verhindert und den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern entschärft oder gar löst. Und es wird erwartet, dass er die Schifffahrtswege entlang der großen Handelsstraßen im Atlantik, Pazifik und Persischen Golf militärisch schützt und seine diplomatischen Künste einsetzt, damit die Ölversorgung sicher ist und die Industrie des Westens floriert.

Weil das so ist, Amerika den Hauptteil der Lasten trägt und übernimmt, können wohlhabende Staaten wie Japan oder Deutschland über zwei Drittel ihrer Haushalte in die soziale Rundumversorgung ihrer Bevölkerung investieren statt sie für die militärische (Vorwärts)Verteidigung ihres Landes auszugeben. Daher enthält das Schlagwort: „Kein Blut für Öl“, bei dem sich Regierung und NGOs politisch sehr nahe kommen, auch immer einen Kern von Wahrheit. Lieber versteckt man sich hinter dem breiten Rücken Goliaths als etwas für die eigene Ölversorgung zu tun oder zur Lösung brisanter Konflikte beizutragen. Und lieber geißelt man einen Altbundeskanzler wegen dessen fehlenden Moral als sich die Hände zu reiben, dass ein Deutscher den Bau der Ostsee-Pipeline an verantwortlicher Stelle leitet.

Öffentlich treten, heimlich buckeln

Dieser performative Selbstwiderspruch, in den sich jeder Antiamerikanismus verfangen muss, ist Beobachtern nicht verborgen geblieben. Ihn hat soeben Michael Mandelbaum, Professor für internationale Politik an der John Hopkins Universität in einem Beitrag für Foreign Policy (David’s Friend Goliath) aufs Korn genommen. Die Kluft zwischen dem, was die Welt über Amerikas Macht äußert, und dem, was sie dagegen zu tun gedenkt, sei, so Mandelbaum, niemals größer gewesen als im Moment. Für ihn ist dieses Missverhältnis das vielleicht beachtlichste und gar einschneidendste Ereignis des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Dass Goliath von niemandem geliebt wird, ist verständlich. Wer liebt schon einen Koloss, der einen schier an die Wand drückt? Verwunderlich ist aber, dass keiner gegen ihn aufbegehrt. Wenn es stimmt, fragt Mandelbaum listig, dass Amerika dieser „gefährliche“ Hegemon ist, der die „Sicherheit und Stabilität der internationalen Ordnung gefährdet“ und internationales Recht beugt, warum schließen sich andere Staaten, nicht gegen diesen Schurken zusammen und bauen ein „Gegengewicht“ zu den USA auf? Gegen das napoleonische Frankreich formierten sich einst Preußen, Österreich und Russland, gegen Hitler-Deutschland marschierten die Alliierten und gegen das sowjetische Imperium schloss sich „der Westen“ zusammen. Und gegen Amerika?

Da passiert genau das Gegenteil! Selbst die EU nimmt mittlerweile von ihren starken Worten Abschied. Nicht ist mehr zu hören von „Ebenbürtigkeit“ und von „Augenhöhe“ (Robert Cooper), auf der man dem Imperium begegnen will. Und nichts ist mehr zu hören, dass Europa „Weltmacht-Ambitionen“ (Günter Verheugen) hegt, die Supermacht herausfordern und sich zum „Gegenpol“ oder gar zum Rivalen des neuen Roms mausern will. Der politische Einigungsprozess (siehe Verfassung) steht in den Sternen, vom Projekt einer gemeinsamen Außen- und Verteidigungsstrategie hört man kaum noch etwas, die Budgets für die Militärs schrumpfen weiter, und der Versuch Kern- oder Alteuropas, das Waffenembargo gegen China zu lockern, um die ungeliebte Vorherrschaft der USA mit einer eurasischen Achse auszubalancieren, ist vor allem am Widerstand des „neuen Europas“ kläglich gescheitert. Während einige Politiker und Parteien sich noch auf Kosten der USA profilieren, strebt die neue deutsche Regierung eine enge Kooperation und Partnerschaft mit dem ungeliebten Goliath an.

Wieder liefert die rotgrüne Regierung das beste Beispiel für diese ambivalente Haltung. Ktitisierte man nach außen die USA, den Weltfrieden zu gefährden, um mit antiamerikanischen Parolen die Wahlen von 2002 zu gewinnen, flirtete und antichambrierte die Bundesregierung abseits der Kameras und Mikrofone heftig mit den USA. Und zwar nicht nur, was BND-Operationen im Irak angeht, sondern vor allem auch beim Informationsaustausch und bei der Logistik. Obendrein wussten allem Anschein nach sowohl der „Friedenskanzler“ als auch sein Außenminister von den illegalen CIA-Flügen zu geheimen Vernehmungslagern und besaßen Informationen über Regierungen, die Foltermethoden anwenden. Mittlerweile weitet die Bundesregierung die Afghanistan-Mission aus, fängt Terroristen für die USA, damit sie diese in die von der neuen Bundeskanzlerin öffentlich massiv gescholtenen Gefangenenlager nach Guantánamo bringen, und sie sichert den USA zu, weitere Sicherheitskräfte für den Irak auszubilden.

Nichts könnte die zwielichtige und doppelzüngige Rolle der rotgrünen „Friedensregierung“ besser verdeutlichen wie die Äußerungen des alten Außenministers, der zunächst leugnete, von BND-Agenten im Irak überhaupt was gewusst zu haben, dann aber zugeben musste, sich mit ihnen zumindest getroffen und ausgetauscht zu haben. Oder auch der Klartext des neuen deutschen Außenministers Steinmeier. Zur Begründung, warum ein Untersuchungsausschuss, der sich mit den BND-Operationen und den geheimen CIA-Flügen beschäftige, vermieden werden müsste, erklärte er nüchtern und im vollen Ernst: Dieser würde nur mehr Munition für billigsten Antiamerikanismus liefern.

Doch nicht nur Deutschland und die Verbündeten in der Nato, auch die von Amerika als Schurkenstaaten bezichtigten Nationen handeln äußerst devot, wenn die politische Situation oder Opportunität es verlangt. Und auch das Imperium selbst differenziert nicht genau, wenn es ihm strategischen oder rechtspolitischen Nutzen einbringt. Selbst der Sudan, der wegen des Verdachts, Völkermord auf seinem Territorium zu begehen, derzeit am Pranger steht, findet nichts dabei, einen Vertrag mit einem US-Lobbyisten in Höhe von über einer halben Million Dollar abzuschließen, um sein Image in der Welt zu heben.

Ähnliches könnte man über Syrien oder Pakistan, die Türkei und andere sagen, die Amerika nach außen zwar kräftig kritisieren, ihnen aber, wenn es darauf ankommt, willfährig und großzügig Territorium und Überflugrechte, Gefängnisse und Folterknechte zur Verfügung stellen, um Militärbasen zu gründen, vermeintliche Terroristen zu fangen oder zu töten oder Gefangene einer intensiveren Befragung zu unterziehen.

In Wahrheit schätzt und genießt die Welt die Sicherheit und Stabilität, die Amerika dem Rest der Welt bietet. Sie ist in Analogie zur „unentbehrlichen Nation“ (Madeleine Albright) längst der „unentbehrliche Schurkenstaat“. Weil das aber keiner jemals offen und vor aller Welt zugeben würde, und es opportuner ist, Amerikas Hegemonie als „rücksichtslos, arrogant und unsensibel“ zu bezeichnen, bezichtigt man die USA lieber der Arroganz und Selbstherrlichkeit.

Gehasst und gebraucht

Im Prinzip kann man Mandelbaum da kaum widersprechen. Gewiss zeichnet er ein überaus freundliches Gesicht Amerikas und gibt dem Bild vom „gütigen Hegemon“ bzw. einer „humanen globalen Hegemonie“ (Robert Kagan) neue Nahrung. Gern übersieht er, dass es gerade die Spezialität des Neuen Roms ist, Territorien anderer Staaten, Völker und Nationen nicht zu kontrollieren.

Wie es für Seemächte üblich ist, besetzen sie nicht dauerhaft ein Land, sondern ziehen sich nach vollbrachter Arbeit und nachdem sie eine ihnen genehme Regierung installiert haben, wieder auf ihre Scholle zurück. Ein weltumspannendes Netz aus Vasallen, Tributpflichtigen und Militärstützpunkten sorgt vielmehr dafür, dass die Macht des Imperiums bewahrt bleibt. Von dieser Warte aus gesehen war die Besetzung des Irak sicherlich ein Unfall. Die Folgen können jeden Tag in den Abendnachrichten begutachtet werden.

Eine spannende und weiter offene Frage ist jedoch, was passieren würde, wenn die USA sich auf die ursprüngliche Form der „Monroe-Doktrin“ berufen würde (Isolationismus) und die Welt auf und mit ihren Kalamitäten sitzen ließe? Würde der Mittlere Osten befriedet, wenn die USA die Region verließen, ihre Unterstützung für Israel einstellten und Israel zum Rückzug auf die Grenzen von 1967 bewegten? Werden die südamerikanischen Staaten, wenn sie sich vom amerikanischen Einfluss befreien, mehr ökonomisches Wachstum haben und soziale Ungleichheiten in ihren Ländern beseitigen? Würde eine multilaterale Ordnung, mithin eine Welt aus mehreren Großräumen, eine sicherere und stabilere Welt hervorbringen?

Keiner weiß das genau. Wissen wird man das erst, wenn, wie Sepp Gumbrecht meint, der Showdown zwischen Amerika und Asien, den USA und China beginnt, und das amerikanische Imperium Vergangenheit ist. Bis es möglicherweise soweit ist, kann die Welt sich weiter über Amerika ereifern. (Rudolf Maresch)

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