Unerwünschter Wendepunkt

USA: Medien sprechen jetzt offiziell vom Bügerkrieg im Irak

Iraker, die dem Leben in der Hölle ausgesetzt sind, werden solchen Definitionsfragen wahrscheinlich nicht viel abgewinnen, in den USA ist die Sprachregelung zur Situation im Irak ein Politikum: Nachdem mehrere größere Zeitungen das Übel schon etwas länger beim Namen nennen, hat sich nun mit NBC der erste amerikanische Fernsehsender offiziell dazu entschlossen, fortan vom "civil war", vom Bürgerkrieg im Irak, zu sprechen.

Von "sectarian strife", "sectarian conflict" oder "sectarian violence" war bislang die Rede in amerikanischen Medien, wenn das Chaos im Irak auf einen Nenner gebracht werden sollte. Tauchte das Wort "civil war" auf, dann nur im Zusammenhang mit "on the verge" (auf der Kippe), als mögliches Unheil, in das man hineinschlittern könne. Die Sprachregelung deckte sich mit den Interessen der Regierung, die sich traditionell davor scheut, die Realität im Irak mit klaren Worten anzuerkennen. Nach Angaben von Journalisten übte die Regierung Druck auf Medien aus, so dass in den "Newsrooms" Vorsicht zu diesem Thema geboten war.

Das hat sich nun offensichtlich geändert. Den Anfang unter den großen Nachrichtenmedien machte die Los Angeles Times, die seit Oktober "ohne öffentliche Fanfare" die gewalttätigen Konflikte im Irak als Bürgerkrieg bezeichnete. Dem gingen jedoch längere redaktionsinterne Debatten voraus. In den letzten Tagen zogen nun Newsweek, die Mc Clatchy Newspapers (früher Knight Ridders) mit einer eindeutigen Sprache nach.

Andere Medien, wie z.B. die AP debattieren noch hinter den Kulissen. Bei ABC-News und CBS-News soll das Thema "dauernd diskutiert" werden, ohne dass man bislang vorhabe, daraus eine hausintern verpflichtende Nachrichtenpolitik zu machen. Auch beim Sender CNN liegt die Entscheidung bei den Reportern. Fox-News hat keine offiziellen Pläne, die "Terminologie zu ändern". Bei MSNBC hat man wie bei NBC in einer Sendung am Montag öffentlich angekündigt, dass man von jetzt an von einem Bürgerkrieg im Irak sprechen werde, wenn es um die Kämpfe im Land ginge.

Demgegenüber hält das Weiße Haus an seiner Sprachregelung, die von einem Bürgerkrieg nichts wissen will, fest: Zwar habe die Gewalt zwischen den konfessionellen Gruppierungen ("sectarian violence") eine "neue Phase" erreicht, aber einen "Bürgerkrieg" im Irak will man im Weißen Haus weiterhin nicht erkennen. Das hieße ja auch offiziell zuzugeben, dass die Situation im Irak außer Kontrolle geraten ist. (Thomas Pany)

Anzeige