Unfaire Affen

Unsere nächsten Verwandten haben keinen Sinn für Gerechtigkeit - das konnten Anthropologen jetzt mit Hilfe des "Ultimatum"-Spiels zeigen

Es scheint, als hätten die Menschen ihren tierischen Gevattern doch etwas voraus: Dass sie von anderen erwarten, nicht nur an sich selbst zu denken. Allerdings handelt es sich dabei nicht um den Gerechtigkeitssinn, wie er im Buch der Bücher steht. Von ganz allein, das zeigen psychologische Experimente, verhält sich der Mensch in der Regel nicht altruistisch. Dass er sich bei der Geburtstagsparty trotzdem nicht den ganzen Kuchen schnappt, hängt vor allem mit den Erwartungen an die anderen Beteiligten ab - insbesondere von der Befürchtung, von diesen für besonders egoistisches Verhalten auf die eine oder andere Weise bestraft zu werden.

Im Diktatorspiel, bei dem Spieler 1 allein über die Ressourcenverteilung entscheiden darf, treten denn auch überraschend häufig faire Verteilungen auf - auch wenn Spieler 2 das Ergebnis von sich aus gar nicht beeinflussen kann. Das funktioniert sogar, wenn überhaupt niemand anderes anwesend ist, ein Augen-Symbol aber die soziale Kontrolle verdeutlicht (vgl. Ein besseres Selbst dank Big Brother).

Noch deutlicher werden diese Eigenheiten beim verwandten "Ultimatum"-Spiel. Das verleiht Spieler 2 mehr Macht, indem es ihm erlaubt, eine von Spieler 1 angebotene Ressourcenaufteilung auch abzulehnen - in diesem Fall bekommt niemand etwas.

Rein rational betrachtet, ist es für beide Spieler sinnvoll, jede mögliche Aufteilung zu akzeptieren, bei der beide wenigstens ein wenig profitieren. Trotzdem handeln Menschen im Versuch anders: Erscheint ihnen der vorgeschlagene Handel zu unfair, schlagen sie ihn aus - auch wenn sie dadurch selbst Einbußen erleiden. Mit dem Verlust erkaufen sie sich offenbar die Bestrafung des anderen Spielers für sein unfaires Verhalten. Das gilt für die unterschiedlichsten Kulturkreise, und das Ergebnis ist auch wenig von Alter oder Beruf abhängig. Manager verhalten sich hier offenbar sehr ähnlich wie Sozialpädagogen - die meisten Angebote liegen in der Mitte oder in deren Nähe.

Ist ein derartiges Verhalten typisch menschlich? Das lässt sich am besten an unseren nächsten Verwandten studieren, den Schimpansen. Dass die Menschenaffen miteinander kooperieren und sich auch gegenseitig helfen, ist bereits experimentell gesichert. Unklar war bisher allerdings, ob sie auch einen Sinn für Gerechtigkeit besitzen.

Schimpanse Frodo, eine der Testpersonen, teilt sein Futter nicht freiwillig - und weiß genau, was gut für ihn selbst ist. (Foto: Max-Planck-Gesellschaft)

Forscher am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie haben, wie sie in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science berichten, das Ultimatum-Spiel nun in eine schimpansenkompatible Form umgesetzt. Die Tiere spielen dabei eine abgespeckte Variante, bei der Spieler 1 nur zwei verschiedene Verteilungen vorschlagen kann: zum Beispiel eine faire, bei der jeder Affe dieselbe Menge Futter bekommt (5/5), und eine offensichtlich unfaire im Verhältnis 8/2, die Menschen in der Regel ablehnen.

Praktisch sieht der Versuch so aus, dass Affe 1 zunächst ein Futterfach mit einer bestimmten Verteilung auswählt und herauszieht, so weit es ihm möglich ist. Über die restliche Strecke kann nur Affe 2 das Futterfach ziehen - das heißt, wenn er mit dem Angebot einverstanden ist.

Die Forscher testeten dabei auch verschiedene Alternativen: nicht nur fair versus unfair, sondern auch unfair (8/2) versus besonders unfair (10/0). Das menschliche Verhalten hängt in diesem Szenario auch von den Möglichkeiten des Spielers 1 ab: Bleibt dem nur die Wahl zwischen unfair und megaunfair, akzeptieren sie auch die eigentlich unfaire Abteilung. Es geht dem Menschen also auch darum, ob sich jemand absichtlich oder gezwungenermaßen unfair verhält.

Den Schimpansen ist das alles egal - sie versuchen vor allem, ihren eigenen Profit zu maximieren. Beim Spiel fair versus unfair schlug Affe 1 schon einmal nur in einem Viertel der Fälle die faire Lösung vor (die dann auch immer angenommen wurde). Doch auch die unfaire Verteilung lehnte Affe 2 nur in fünf Prozent der Fälle ab. Die einzigen Angebote, die die Schimpansen öfter als zu 0 Prozent ablehnten, waren die, bei denen Affe 2 völlig leer ausging.

Zudem blieben die Tiere auch im unfairen Fall erstaunlich cool, während Menschen dann regelmäßig von Ärger berichten. Stiehlt den Schimpansen aber ein Genosse einen Teil des Futters, können sich die Tiere sehr wohl darüber echauffieren.

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