"Unglaubliche Fehlverwendung" von Tsunamispenden in Sri Lanka und Indien

Thomas Seibert von der Hilfsorganisation medico international im Gespräch mit Telepolis

Scharfe Kritik an der Verwendung eines Großteils der Spendengelder für die Flutopfer in Südasien hat Thomas Seibert, Mitarbeiter im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit von medico international, geübt. Seibert sagte gegenüber Telepolis, er befürchte, ein Teil der Mittel finanziere mehr die vor Ort arbeitenden, "aus aller Welt eingeflogenen" Hilfsorganisationen, als dass die Spenden den Leidtragenden zugute kämen. Überdies werde "mit Tsunamigeld die Privatisierung der Küste und der Ausbau der Großfischerei betrieben."

Seibert bezog sich auf Erfahrungen bei seinen Besuchen in Sri Lanka und Indien, wo Küstenregionen Ende 2004 von der Flutwelle im Indischen Ozean stark betroffen waren. Er habe dort den Eindruck gewonnen, dass es "eine unglaubliche Fehlverwendung" von Spenden- und Fördergelder gebe. So werde etwa in Sri Lanka "unter dem Deckmantel der Tsunami-Hilfsprogramme" öffentlicher Raum privatisiert. Während Kleinfischer "vorgeblich aus Sicherheitsgründen von den bislang frei zugänglichen Küstengebieten verdrängt werden, wegen ihrer Armut anderswo aber kein anderes Land fänden, werden in ihrem bisherigen Siedlungsgebiet an den Stränden schon neue Hotels und der Bau einer Küstenautobahn geplant". An anderer Stelle wolle man acht große Fischereihäfen für internationale Fangflotten errichtet. Seibert befürchtete gegenüber Telepolis ein Leerfischen der Gewässer, zum Leidwesen der Kleinfischer, die unter dem Deckmantel der Tsunami-Hilfsprogramme noch ärmer zu werden drohten.

Seibert verwies in diesem Zusammenhang auch auf den seit Jahrzehnten andauernden Bürgerkrieg zwischen Regierungstruppen und tamilischen Rebellen. Denn während man den Flutopfern helfen wolle, seien die Kriegsflüchtlinge im Landesinneren oft auf sich alleine gestellt. Seine Hilfsorganisation wolle beiden Opfergruppen gleichermaßen mit Ansiedlungsprojekten helfen. Diese würden ausschließlich von Organisationen gefördert, die seit langem vor Ort tätig seien. medico international ist eine kleine Organisation mit Sitz in Frankfurt/Main und hatte in den ersten Wochen nach der Flut, als mehrere hundert Millionen Euro an Spendergelder flossen, 600.000 Euro erhalten.

Aus den betroffenen Gebieten Indiens berichtete Seibert, dass oftmals Hilfsgelder über Umwege Spekulanten und kriminelle Seilschaften zukämen. Aber auch den Hilfsorganisationen stellte Seibert ein schlechtes Zeugnis aus. Obschon "sehr viele davon sehr viel Geld in die Gebiete bringen", sagte er, "stecken sie es zum großen Teil in den eigenen Apparat". Dies "manifestiert sich in ihrem Fuhrpark. Hilfsorganisationen müssen nicht mit protzigen Jeeps herumfahren", kritisierte Seibert. Überdies würden viele Projekthilfen organisiert ­ etwa neue Ansiedlungen ­, ohne mit den Betroffenen zu sprechen. "Man will den Leuten gutes tun, fragt sie aber nicht, was sie brauchen", sagte Seibert. Er befürchtet daher vielerorts ein "zivilgesellschaftliches Desaster". (Michael Klarmann)

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