Ungleichheit als Strukturelement der Klassengesellschaft

Die Corona-Pandemie hat soziale Verwerfungen offenbart. So etwa, dass viele nicht einmal für wenige Wochen ohne die Regeleinkünfte auskommen

Die von wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen begleitete Covid-19-Pandemie hat das Phänomen der Ungleichheit zwar nicht hervorgebracht, aber deutlicher sichtbar gemacht und weiter verschärft. Weil die Pandemie als ökonomischer, sozialer und politischer Spaltpilz wirkte, legte sie auch lange verschüttete Klassenstrukturen offen.

Wie nie zuvor nach dem Zweiten Weltkrieg wurde erkennbar, dass trotz eines verhältnismäßig hohen Lebens- und Sozialstandards des Landes im Weltmaßstab sowie entgegen allen Beteuerungen der politisch Verantwortlichen, die Bundesrepublik sei eine "klassenlose" Gesellschaft mit gesicherter Wohlständigkeit all ihrer Mitglieder, ein großer Teil der Bevölkerung nicht einmal für wenige Wochen ohne seine ungeschmälerten Regeleinkünfte auskommt.

Letztlich ist die soziale bzw. sozioökonomische Ungleichheit der Gegenwart nur unter Rückgriff auf die analytische Schlüsselkategorie der Klasse zu verstehen. Denn sie bildet ein Strukturelement jener Klassengesellschaft, in der wir leben. Nicht ohne Grund erfuhr der Klassenbegriff daher gerade während der pandemischen Ausnahmesituation 2020/21 im bürgerlichen Feuilleton eine kaum mehr für möglich gehaltene Renaissance, allerdings nicht in seiner "orthodoxen", d.h. marxistischen, sondern in einer kulturalistischen Version.

Klassen bei Marx und Engels

Marx und Engels behandelten das Thema "Ungleichheit" nicht als individuelles, sondern als strukturelles Problem und seine Ausprägungen als kollektives Schicksal, das sich in der Klassenstruktur einer Gesellschaft niederschlägt. Sie haben gezeigt, dass die Ungleichverteilung der materiellen Ressourcen im Kapitalismus auf der Klassenungleichheit zwischen Bourgeoisie und Proletariat beruht, die wiederum im Privateigentum an den Produktionsmitteln wurzelt. Für sie repräsentierten soziale Klassen wie keine andere Großgruppe die Ungleichheit in einer Gesellschaft.


Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen. Auszug aus:

Christoph Butterwegge: Ungleichheit in der Klassengesellschaft

2., aktualisierte Auflage (Juni 2021), Paperback, 183 Seiten, ISBN 978-3-89438-744-0, € 14,90 [D], PapyRossa Verlag, Köln 2021

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Klassen und Schichten verkörperten für Marx und Engels die sozioökonomischen Herrschaftsstrukturen einer Gesellschaft. Dabei bilden sie kein festgefügtes Kollektiv, sondern verändern laufend ihre Zusammensetzung. Von dem Schlüsselbegriff der sozialen Klasse aus erschließt sich denn auch das kompliziertere Schichtgefüge, also die weitere Einteilung bzw. Untergliederung der Gesellschaft in Schichten.

Zwar berücksichtigte die Klassenanalyse von Marx und Engels nicht alle Verästelungen der Sozialstruktur, erhellte jedoch die historischen Entstehungszusammenhänge, ökonomischen Herrschaftsverhältnisse und politischen Machtstrukturen der bürgerlichen Gesellschaft. Klassen repräsentieren die Produktions-, Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse einer Gesellschaft, bilden aber nicht bloß deren Sozialstruktur ab, bestimmen vielmehr auch die Richtung und das Tempo des sozialen Wandels.

Die soziale Ungleichheit beruht auf der ökonomischen Ungleichheit, welche sich in der Klassenspaltung manifestiert und die das politische Machtgefüge mit historisch kontingenten Brechungen reflektiert.

Bourgeoisie und Proletariat personifizierten für Marx den kapitalistischen Grundwiderspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privaten Aneignung des daraus erwachsenden Reichtums. Neben, aber auch zwischen den und innerhalb der drei genannten Hauptklassen der bürgerlichen Gesellschaft gab es Rand-, Übergangs- und Zwischenschichten, die jeweils spezifische und voneinander abweichende Interessen hatten.

Die sozioökonomische Ungleichheit hatte für Marx in den Klassengesellschaften systemischen Charakter. Wenn der Strukturzusammenhang von privatkapitalistischer Produktion und klassenspezifischer Distribution, also die Kausalität ungleicher Eigentums- und ungerechter Verteilungsverhältnisse, begriffen wird, erschließt sich auch die Wechselbeziehung zwischen Armut und Reichtum im bestehenden Gesellschaftssystem.

Standen beide vorher für sich und getrennt nebeneinander, verband Marx beide durch seine Kritik der politischen Ökonomie miteinander und stellte sie in den gesetzmäßigen Kontext der Kapitalakkumulation. Demnach entsteht Armut durch Reichtum ebenso wie Reichtum durch Armut, weil und insofern die sozioökonomische Ungleichheit in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen wurzelt.