Unglücksflug MS804: Bombe oder Kabelbrand?

Im Meer gefundene Gegenstände aus dem abgestürzten Flugzeug. Bild: Ägyptische Armee

Die automatisch abgesetzten Warnmeldungen sprechen gegen eine Bombenexplosion - Jüngste Spekulation laut "Mirror": Es gab doch einen Notruf

Der Fall der im Mittelmeer abgestürzten Maschine der EgyptAir gibt weiter Rätsel auf. Wie schon bekannt wurde, hatte es kurz vor dem Verschwinden von Flug MS804 offenbar Rauch an Bord gegeben. Über das Datenfunksystem ACARS (Aircraft Communications Addressing and Reporting System) waren diverse Warnmeldungen abgesetzt worden, die auf ein plötzlich auftretendes Ereignis im rechten vorderen Bereich des Flugzeugs hindeuten (MS804: Feuer an Bord?).

Jetzt kolportiert der britische "Mirror" eine Nachricht, derzufolge der Pilot der Unglücksmaschine "minutenlang" versucht habe, eine Notlandung einzuleiten, nachdem es zur Rauchentwicklung im Cockpit gekommen war. In diesen kritischen Minuten und Sekunden habe es Sprechfunkverkehr mit "air traffic control" gegeben. Unter Berufung auf den französischen TV-Sender M6 berichtet das Blatt von einem minutenlangen Gespräch zwischen einem der Piloten - mutmaßlich Mohamed Said Ali Shoukair - und dem Tower in Kairo. Mohamed Shoukair (37), der Kapitän der Maschine, habe verzweifelt darum gekämpft, den Airbus unter Kontrolle zu halten. Die Quellenangabe freilich bleibt vage, es ist lediglich von "Aviation sources" die Rede.

Also doch ein Notruf? Diese Version würde der bisherigen amtlichen Erklärung widersprechen, der zufolge es keinen Notruf gegeben hat. Dass Rauchentwicklung im Cockpit im höchsten Maße gefährlich ist und letztlich zum Absturz einer Maschine führen kann, ist allerdings wiederholt belegt und wird von Experten auch bestätigt.

Im Meer gefundene Gegenstände aus dem abgestürzten Flugzeug. Bild: Ägyptische Armee

Was ist bis jetzt sicher? Binnen drei Minuten wurden folgende Angaben automatisch an Bodenstationen übermittelt: Zuerst Probleme mit der rechten Cockpitscheibenheizung, dann Rauchalarm in der Toilette und Rauch in der Avionik (Bordelektronik), die sich unter dem Cockpit befindet ("Computer-Keller").

Die Daten, so das Fachmagazin "Aero", ließen darauf schließen, dass der Störfall im Inneren des Flugzeuges auftrat. Als letzte Meldung entsandte das ACARS-System Hinweise auf Fehler beim Bordcomputer (FCU) und den Ausfall eines Steuerungssystems (Steuerung der Störklappen, SEC3). Das geschah um 2.29 Uhr Ortszeit - wenige Momente, bevor Flug MS804 vom Radar verschwand.

So sehen die letzten automatisch übermittelten Meldungen im Einzelnen aus:

00:26Z 3044 ANTI ICE R WINDOW
00:26Z 561200 R SLIDING WINDOW SENSOR
00:26Z 2600 SMOKE LAVATORY SMOKE
00:27Z 2600 AVIONICS SMOKE
00:28Z 561100 R FIXED WINDOW SENSOR
00:29Z 2200 AUTO FLT FCU 2 FAULT
00:29Z 2700 F/CTL SEC 3 FAULT
no further ACARS messages were received.

Quelle, Zeitangaben in GMT (Greenwich Mean Time)

Sicher ist auch: Kurz vor dem Verschwinden vom Radar drehte sich der Airbus A320-200 erst 90 Grad nach links, dann 360 Grad nach rechts.1 In dieser Zeit verlor die Maschine 27.000 Fuß oder 8.200 Meter an Höhe. Dann brach der Kontakt ab.

Weil sich die Störungsmeldungen über ganze drei Minuten hinzogen, halten Luftfahrtexperten einen Bombenanschlag für eher unwahrscheinlich - eine gezündete Bombe hätte das Flugzeug ad hoc gesprengt bzw. aufgebrochen.

Brancheninsider weisen allerdings darauf hin, dass es nicht zwangsläufig Rauch aus einem Feuer sein muss, worauf die Detektoren eines Flugzeugs ansprechen. Bei einem prompten Druckabfall in einer Reiseflughöhe von gut 10.000 Metern - und den dort herrschenden Minustemperaturen - könnte es bei einem Loch im Rumpf auch Nebel im Innern der Maschine geben, worauf die Sensoren reagierten, so die Welt in einer Analyse.

Im Gespräch mit Telepolis kommentiert ein Ex-LH-Kapitän die bisher bekannten Daten und Fakten und bringt einen Kurzschluss mit Kabelbrand als mögliche Ursache ins Gespräch. ACARS gebe starken Anlass zu der Vermutung, dass es eine Rauchentwicklung im "E&E-Compartment" gab, wo alle elektrischen und elektronischen Systeme konzentriert sind. Bei Airbus verfüge dieses Compartment über keine Löschvorrichtung und sei nicht für die Besatzung zugänglich, anders als bei Boeing.

"Bei einem Sprengsatz hätte es ein völlig anderes Szenario gegeben." Die ACARS-Meldungen dokumentierten dagegen einen teilweisen Verlust der Steuerbarkeit innerhalb kurzer Zeit. Bei diesem Flugzeugtyp, der auf elektronische Steuerung setzt ("Fly-By-Wire", der Computer interpretiert die Eingaben), bedeute der Ausfall der Steuerungs-Computer letztlich den völligen Kontrollverlust.

Derzeit geht die Suche im Absturzgebiet im Mittelmeer, rund 280 Kilometer vor der ägyptischen Küstenstadt Alexandria, weiter. Zudem werden die Radardaten des Fluges von Paris nach Kairo weiter ausgewertet. Das Mittelmeer ist an der Unfallstelle rund 3.000 m tief und die Lokalisierungs-Sender der beiden "Black Boxes" arbeiten nur eine begrenzte Anzahl Tage. Daher wird mit Hochdruck auf eine Bergung hin gearbeitet.

Ägyptische Streitkräfte fanden bislang Trümmer und Körperteile. Fotografien, die von der ägyptischen Armee veröffentlicht wurden, zeigen zerfetzte Kleidung und eine Schwimmweste.

Schwer zu ertragen für die Hinterbliebenen der Opfer - 56 Passagiere und 10 Besatzungsmitglieder fanden bei der Katastrophe im Mittelmeer den Tod. (Arno Kleinebeckel)

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