Universitäten: Qualitätsoffensive ohne Personal

Von 1995 bis 2005 wurden in Deutschland fast 1.500 Professorenstellen abgebaut

Die Schlagworte, die den Beginn einer grundlegenden Reform des deutschen Bildungswesens behaupten, klingen vielversprechend: Spitzen-Universitäten, Exzellenz-Initiativen und Zukunftsprogramme aller Art sollen den Rückweg in die Weltspitze bahnen, doch die Hochschulrealität sieht anders aus. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes, die am Montag vom Deutschen Hochschulverband vorgestellt wurden, haben die 16 Bundesländer in nur zehn Jahren 1.451 Professorenstellen abgebaut. Besonders drastisch sind die Einschnitte bei den Sprach- und Kulturwissenschaften, denen im vollmundig angekündigten „Jahr der Geisteswissenschaften“ nun die Streichung von 663 Stellen präsentiert wird.

Dabei ist der Bedarf an qualifizierten Hochschullehrern nicht gesunken. Im Gegenteil: In den nächsten Jahren sollen die Studierendenzahlen von derzeit 2 auf rund 2,5 Millionen steigen, und schon jetzt ist die Betreuungsrelation mit 60 Studenten pro Lehrstuhl denkbar ungünstig.

Doch Bundesbildungsministerin Annette Schavan und ihre Länderkollegen lassen sich davon nicht beirren. Sie basteln weiter am Phantom einer Wissensgesellschaft und hegen insgeheim die Hoffnung, dass sich die milliardenschweren Investitionen in renommierte Forschungsprojekte, wissenschaftliche Leuchttürme oder den Hochschulpakt 2020 irgendwie rentieren werden.

Was die Minister dabei geflissentlich übersehen, mahnen zahlreiche Bildungsexperten freilich schon seit Jahren an: Deutschland fehlt eine Exzellenzinitiative im Bereich der Lehre, die sich nicht nur, aber eben auch in der Personalausstattung zeigen muss. Nur so kann die Qualität des Bildungswesens auf möglichst breiter Basis gesteigert und für die potenzielle Wissensgesellschaft schließlich auch ein volkswirtschaftlicher Nutzen erzielt werden.

Wer einen Blick auf die detaillierte Aufschlüsselung wirft, bekommt schnell den Eindruck, die Fachbereiche hätten sich in puncto Stellenabbau gegenseitig übertrumpfen wollen. Zwar liegen die Sprach- und Kulturwissenschaften mit 663 in der Summe klar vorn, der prozentuale Rückgang von 11,6 Prozent wird von den Ingenieurswissenschaften (-13,3) und den Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften (-16,9) aber noch übertroffen. Auch bei den Mathematikern und Naturwissenschaftlern wurden 264 Stellen nicht wieder besetzt. Ausnahmen bilden nur die Bereiche Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit einem Plus von 176 (5,6 Prozent) Stellen beziehungsweise die Abteilung Kunst/Kunstwissenschaften mit einem Zuwachs von 47 (9,4 Prozent) Professuren.

In einzelnen Fächern nimmt die Personalpolitik der vergangenen Jahre existenzbedrohende Ausmaße an. So verloren die katholischen Theologen 20,7 Prozent ihrer Professorenstellen, die Altphilologen 35 Prozent, die Germanisten 12 Prozent und die Erziehungswissenschaftler 34,8 Prozent. Bei den Physikern (-12,8), Chemikern (-12,5), Geographen (-13,7), Maschinenbauern und Verfahrenstechnikern (-17,5), Raumplanern (-34,9) oder Vermessungstechnikern (-41,3) sieht es ähnlich aus.

Wer irgend kann und mag, sollte stattdessen offenbar Regionalwissenschaften studieren. Dieses vermeintlich unscheinbare Fach wird in Köln mit dem Schwerpunkt China oder Lateinamerika, in Potsdam unter „natur-, kultur-, sozial- und wirtschaftsräumlichen“ Aspekten oder in Bonn mit Blick auf Südostasien angeboten und verzeichnete zwischen 1995 und 2005 einen sagenhaften Stellenzuwachs von 1.250 Prozent. Einziger Wermutstropfen: Die Ausgangsbasis war 1995 nicht sehr breit, denn damals gab es bundesweit überhaupt nur zwei Professuren. 2005 waren es dann 27.

Die Krise des deutschen Hochschulsystems, die in diesen Zahlen einmal mehr ihren sinnfälligen Ausdruck findet, ist nicht virtueller Natur und beschränkt sich auch keineswegs auf die Verschiebung individueller Bildungswege oder den Verlust von wissenschaftlicher Reputation und internationaler Konkurrenzfähigkeit. Obwohl das allein schlimm genug wäre. „Die Exzellenzinitiative ist gut und nützlich, aber mit immer weniger Professoren kann das Gesamtsystem nicht besser werden“, meinte der Präsident des Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, und fordert nun von den Ländern „Lehrstühle statt Leerstellen“.

Für eine schnelle Kehrtwende gibt es handfeste ökonomische Gründe. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat für 2006 allein im Bereich der Ingenieure einen dramatischen Fachkräftemangel konstatiert. Nach den Berechnungen des Instituts konnten im vergangenen Jahr 48.000 offene Stellen nicht besetzt werden, wodurch ein volkswirtschaftlicher Wertschöpfungsverlust von 3,5 Milliarden Euro entstanden ist.

Durch eine deutliche Aufstockung der Professorenstellen könnte gegebenenfalls eine weitere Baustelle der deutschen Hochschullandschaft beseitigt werden. Der Wissenschaftsrat hat im Juli ein umfangreiches Paket mit Empfehlungen zur Chancengleichheit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern veröffentlicht und damit dem Umstand Rechnung getragen, dass Frauen im Hochschulbereich nach wie vor deutlich unterrepräsentiert sind. 2005 erreichten sie zwar rund 50 Prozent aller Studienabschlüsse und stellten vier von zehn Promovierenden. Doch die Spitzen der Karriereleitern werden weiterhin so stark von Männern dominiert, dass für das vorzeitige Ausscheiden von Frauen aus dem Wissenschaftssystem schon vor Jahren der Begriff leaky pipeline kreiert wurde. Tatsächlich lag ihr Anteil an den Habilitationen 2005 nur bei 22,7 Prozent, im Bereich aller Hochschulprofessoren sackt er auf rund 14 und betrachtet man nur die hoch dotierten C4/W3-Professuren auf rund 10 Prozent.

Es gibt eindeutige Befunde, eindeutige Bewertungen derselben und zahlreiche Strategien und Instrumente, um Gleichstellung personell und konzeptionell-inhaltlich näher zu kommen. Und dennoch steht diesem „Konsens in der Theorie“ nach wie vor eine anders aussehende Praxis gegenüber, in der zunehmend subtilere Formen der Diskriminierung einen wirklichen gleichstellungspolitischen Durchbruch erschweren. Der kognitive Widerstand gegenüber dem Befund der Ungleichbehandlung von Männern und Frauen ist gerade in der Wissenschaft groß. Die unzureichende Repräsentanz von Frauen vor allem in den Führungspositionen in Wissenschaft und Forschung gehört nach wie vor zu den gravierendsten Defiziten der wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland.

Wissenschaftsrat

Die neuesten Zahlen haben deutlich gemacht, dass der „Konsens in der Theorie“ womöglich die gesamte Personalplanung betrifft, sich aber in den seltensten Fällen auf die Einstellungs- oder Wiederbesetzungspraxis auswirkt. Sollte sich daran nichts Entscheidendes ändern, könnten die gesamten Reformbemühungen in einer Farce von ungeahntem Ausmaß enden.

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