Universitäten: Schwierigkeiten der Online-Lehre

Plädoyer für die Rückkehr zur Präsenzlehre an der Universität

In allen deutschen Universitäten lief das Sommersemester 2020 aufgrund der Bedingungen, die zur Pandemieabwehr gestellt wurden, rein digital ab. Die Corona bedingte 'Online-Lehre' sollte so für einen reibungslosen Ablauf im tertiären Bildungsbereich sorgen. Doch leider zeigte sich bereits nach relativ kurzer Zeit, dass die digitale Lehre neue Schwierigkeiten für die Studentinnen und Studenten mit sich bringt.

Das hat einerseits mit den aus der Corona-Krise entstandenen Problemen und andererseits mit der digitalen Lehre selbst zu tun. In den letzten Monaten haben viele Studenten ihren Job verloren, einige haben sich mittlerweile verschuldet, andere die Uni gleich abgebrochen (ab 00:52 min.).

Wissenschaftliches Arbeiten ohne Geld

Doch wer kein Geld hat, kann sich weder einen Laptop noch die entsprechenden Bücher für das Seminar besorgen. Denn da die Uni-Bibliotheken erst nach und nach öffnen und auch nur verkürzt geöffnet sind, und bei weitem nicht jedes Buch auch digital verfügbar ist, muss man sich diese Bücher selbst holen. Oder man wartet zurzeit auf Bücher mitunter mehrere Monate - für eine Seminararbeit, die eigentlich schon fertig sein sollte.

Das macht zusätzlich Druck. Wer auf Jobsuche ist oder einfach nur seine Schulden abarbeiten muss, kann nicht studieren und wer kein Geld mehr hat, kann das Studium aufgrund der fehlenden Ressourcen nicht zufriedenstellend ausführen. Es gilt dann nur noch, irgendwie durchzukommen.

Die Probleme der digitalen Lehre

Man braucht sich nur die Kommentare unter einem Beitrag zur Online-Lehre ansehen, um einen ersten Einblick zu bekommen: Keinen eigenen Laptop, kein schnelles Internet - was in Onlineseminaren nach eigener Erfahrung letztendlich immer dazu führt, dass alle ihre Kameras und das Mikrofon ausschalten müssen, um die Verbindung nicht zu überlasten - Onlineseminare können bei Abwesenheit nicht nachbereitet werden, da sie nicht aufgezeichnet werden oder der neue Arbeitsplatz passt zeitlich einfach nicht mehr zum eigenen Seminarplan. Zeitgleich sind die PC-Räume in den Unis immer noch leer.

Aufgrund der bisherigen Lockerungen und um diesen Problemen zuvorzukommen, werden die Universitäten das folgende Wintersemester aus einer Mischung aus Präsenz- und Online-Lehre gestalten. Die Präsenzlehre wird dann laut der Hochschulrektorenkonferenz vorrangig für Austauschstudenten, Erstsemester und die, die ihr Studium demnächst abschließen werden, in Anspruch genommen werden. Das heißt aber, dass der große Teil der Studierenden im Wintersemester 20/21 weiterhin auf die rein digitale Lehre angewiesen sein wird.

Chancengleichheit und Austausch

Dass der Chancengleichheit aus Gründen so nicht Genüge getan wird, ist offensichtlich. Das hat aber auch weitere Gründe. Zum einen haben Studierende, die weiterhin auf die rein digitale Lehre angewiesen sind, auch höhere Kosten: In den Mensen ist das Mittagessen billiger als 'außerhalb', in den Unis sind die Kopien billiger, und teure Bücher lassen sich dort immerhin kostenlos ausleihen.

Was hinsichtlich der digitalen Lehre oft noch von den Studierenden bemängelt wird, ist der fehlende Austausch. Der physische Raum ist begrenzt und genau deswegen zwingt er uns gewissermaßen zum Meinungsaustausch. Im virtuellen Raum können wir uns dem entziehen. Dazu ein Beispiel aus einem Online-Seminar: Vier Gruppen à 3 bis 4 Teilnehmer wurde die Bearbeitung einer Fragestellung zugewiesen. Nachdem die dafür benötigte Zeit verstrichen war, sollten diese Gruppen natürlich ihre Resultate vorstellen. Das Ergebnis war, dass niemand (!) etwas sagte, man hörte nichts und sah nichts. Da das Online-Seminar so ins Stocken kam, wurde die Stelle letztendlich übersprungen.

In einer Seminarrunde, in der alle physisch anwesend sind, wäre das nie passiert. Offensichtlich schafft der virtuelle Raum Gegebenheiten, durch die man sich der möglichen Diskussion entziehen kann. Oder man hat aufgrund der genannten fehlenden Voraussetzungen erst gar keinen Zugang zu dieser Diskussion. Nun wird die eine oder andere Stimme womöglich entgegenhalten, dass der Austausch auch online möglich sei. Doch sind dafür eben Voraussetzungen nötig, die längst nicht bei allen gegeben sind oder die durch die aktuelle Situation nur schwer erreichbar sind.

Es kann also nicht im Interesse aller Beteiligten liegen, dass nur die Studierenden ein Online-Semester erfolgreich bestehen können, die es sich auch leisten können. Sei es in finanzieller Hinsicht oder weil sie sich glücklicherweise in einer sozialen Situation befinden, die ihnen genügend Raum für die Uni lässt.

Es ist daher zu einfach, sich bei der Bewertung des Online-Semesters nur an denen zu orientieren, die dieses Semester geschafft haben, weil sie die notwendigen Ressourcen dafür hatten. Diese Sichtweise allein hätte mit Gleichberechtigung oder auch einer Gleichwürdigung gegenüber allen Beteiligten nicht mehr viel zu tun.

Abgesehen davon - und wer weiß schon, wie sich das in Zukunft entwickelt - würde eine reine Fokussierung auf die digitale Lehre letztendlich bedeuten, die Unis zu schließen. Ein Raum voller Server würde letztendlich genügen.

Eine Orientierung an Schulen und Kitas

Ich plädiere daher für eine Orientierung der Universitäten an den Schulen und Kitas. Diese Bildungseinrichtungen haben mittlerweile gezeigt, dass sie in der Lage sind, das Recht auf Bildung auch in der aktuellen Situation umsetzen zu können. Denn die Schulen werden spätestens im nächsten Schuljahr wieder in den Regelbetrieb wechseln.

In den Kitas geschah dies z.B. in Brandenburg bereits am 15. Juni, in den Berliner Kitas eine Woche später, am 22. Juni. Für die Betreuung ist also gesorgt. Studierende, die zugleich Eltern sind, könnten demnach wieder an der Präsenzlehre im Wintersemester teilnehmen.

Und die Forderung zur Rückkehr zur Präsenzlehre existiert keinesfalls nur unter Studierenden, die aus Gründen keinen Zugang zur digitalen Lehre fanden. Die 2.000 Lehrkräfte - mittlerweile sind es 5.700 Unterstützer - die in einem offenen Brief einen Rückgang zur Präsenzlehre fordern, schlagen ebenfalls eine Orientierung an den Schulen vor.

Wer sich an den Kitas und Schulen orientiert, wird jedoch nicht um eine Diskussion über die Abstandsregel oder auch um die Maskenpflicht herumkommen. In den beiden genannten Bildungseinrichtungen wird weitestgehend auf beides verzichtet. Das kann gerade in der aktuellen Lage zu einer unbequemen Diskussion führen, doch wird man im Grunde nicht um sie herumkommen.

Daher - und sei es allein, um die aus meiner Sicht notwendige Diskussion zur Gestaltung der Präsenzlehre in den Unis endlich zu eröffnen - spreche ich mich auch für die Möglichkeit aus, innerhalb der Präsenzlehre im folgenden Wintersemester auf die Abstandsregel und die Maskenpflicht zu verzichten. Eben genau wie in den Kitas und Schulen.

Eine Rückkehr zur Präsenzlehre würde auch die von mir angesprochenen ungleichen Verhältnisse zumindest zum Teil wieder ausgleichen. Und wenn die Uni wieder vollständig öffnet, könnte sie z.B. auch wieder Arbeitsplätze vergeben und somit einen Teil der Studierenden auffangen, die ihre Arbeit in den letzten Monaten verloren haben. Aus all den genannten Gründen wird auch ersichtlich, dass nur der physisch basierte Austausch eine Qualität erreichen kann, die der virtuelle Raum nur bedingt herstellen kann.

Am 5. Juli öffnete Berlins größter Flohmarkt wieder seine Pforten: der Flohmarkt am Mauerpark. Dieser Markt hat an einem guten Tag 40.000 Besucher. Das sind mehr Leute, als die FU-Berlin Studierende hat. Es ist also bereits jetzt möglich, Gesundheitsschutz und diePräsenz von einer großen Anzahl von Menschen miteinander zu verbinden. Der Senat der Hochschulrektorenkonferenz fasste vor kurzem folgenden Beschluss: "Priorität für Gesundheitsschutz - so viel Präsenzlehre wie möglich". Und wenn ein Flohmarkt das schafft, sollte es doch eine Uni erst recht können, oder? (Ronny Ebel)