Unkontrollierter Versand von Bestandteilen für Biowaffen

Viele Firmen, die auf Bestellung DNA-Sequenzen mit der Post liefern, überprüfen nicht oder nur mangelhaft ihre Kunden, obwohl sich gefährliche Erreger aus diesen Bestandteilen herstellen lassen

Gerade findet eine Diskussion darüber statt, ob es denn gefährlich sein könnte, den kürzlich reproduzierten Grippe-Virus, der für die Epidemie im Jahr 1918 verantwortlich war und durch den viele Millionen Menschen gestorben sind, mit der Post zu verschicken. Die Centers for Disease Control and Prevention haben nämlich erklärt, wie Nature in "Deadly flu virus can be sent through the mail" berichtet, dass sie bereit seien, den gefährlichen Virus an Forschungslabors mit den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen zu verschicken.

Nicht selten werden Ebola-Viren verschickt. Bild: CDC

Allerdings werden auch andere gefährliche Erreger wie Ebola durch Lieferdienste wie FedEx oder DHL verschickt, wobei gewisse Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden müssen. Trotzdem wäre natürlich denkbar, dass es durch einen Überfall oder einen Unfall zu einer Freisetzung kommen könnte. Bedingung ist, dass die Sendungen jederzeit lokalisiert werden können und dass sie sicher verpackt sind. Die tiefgefrorenen Proben werden in einem Plastikbehalter versandt, der mit einem Material umgeben ist, das auslaufende Flüssigkeit aufsaugt. Das muss wiederum in einer weiteren Plastikbox gesichert werden und in einem stabilen Kartonpaket verpackt sein, so dass auch beim Herunterfallen oder gar bei einem Flugzeugabsturz nichts passieren sollte. Und gelegentlich passiert auch einmal etwas vielleicht ein wenig unüberlegt: Gefährlicher Grippevirus wurde an 5.000 Labors verschickt. In diesem Fall ohne gefährliche Folgen. Aber je mehr Pakete verschickt werden, desto eher können Pannen passieren. Und was bei einem Unfall in einer Stadt passieren würde, bei dem etwa Ebola- oder Influenza-Viren freigesetzt würden, weiß man wohl erst wirklich, nachdem es passiert ist.

Die Wissenschaftler, die den Virus reproduziert haben (Angst vor der Grippe-Epidemie), stellten auch die sequenzierten Geninformationen, wie dies von den wissenschaftlichen Zeitschriften als Bedingung einer Veröffentlichung verlangt wird, in den GenBank. Dort können alle Interessierten über das Internet die Informationen abrufen und sich mit dem entsprechenden Kenntnissen und Techniken im Prinzip den gefährlichen Virus zusammen bauen. Dazu müssen sie nur die erforderlichen Gensequenzen bei den Biotech-Firmen bestellen, die das Gewünschte dann ebenfalls mit Post anliefern.

Für entschlossene Täter mit dem erforderlichen Wissen wäre dieser Weg wohl einfacher und effektiver, um an gefährliche Erreger zu gelangen, als beispielsweise einen Überfall auf einen Paketwagen zu machen. Wie gerade New Scientist herausgefunden haben will, sollten die Firmen zwar die Kunden überprüfen, die vie Email die gewünschten Gensequenzen einreichen, die dann im Labor hergestellt, beispielsweise in ein Bakterium eingebaut und dann weltweit verschickt werden. Der Empfänger kann eine getürkte Email-Adresse verwenden und die etwa für einen Pockenvirus nötigen Gene bei verschiedenen Firmen bestellen, um nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen.

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2002 haben US-Wissenschaftler praktisch gezeigt, dass dies nicht nur eine theoretische Möglichkeit, sondern auch praktisch durchführbar ist. Sie haben über öffentlich zugängliche genetische Informationen bei der Firma Integrated DNA Technologies (IDT), einer der weltweit führenden Anbieter von künstlicher DNA, die chemischen Gensequenzen bestellt. Daraus konnten sie einen Virus künstlich, d.h. ohne eine Wirtszelle, aufbauen. Dabei handelte es sich um einen Poliovirus, der fast so gefährlich war wie die natürliche Variante und Mäuse tötete (Der erste künstlich zusammengebaute Virus). Mit dieser Methode, die recht einfach gewesen sei, könne man, so warnten die Wissenschaftler, bereits ausgestorbene Erreger wieder herstellen.

2003 gab das Minimal Genome Project, das von Craig Venter begründet wurde, schließlich bekannt, dass es gelungen sei, innerhalb von zwei Wochen ein künstliches Virus aus kurzen, künstlich hergestellten Oligonucleotiden, wie man sie auch bestellen kann, zusammenzubauen. Es handelte sich um einen Bakteriophagen, dessen kreisförmiges Genom allerdings nur etwas mehr als 5.000 Basenpaare umfasst. Das künstlich hergestellte Virus war in der Lage, sich fast genau so wie seine natürlichen Verwandten in das Genom von Bakterien einzubauen, sich darüber zu reproduzieren und die Wirte zu töten (Virus aus 5.000 künstlichen Basenpaaren in nur 14 Tagen hergestellt).

Kontrollen gibt es bislang nur für die Züchtung und den Versand von gefährlichen Viren und Bakterien selbst, nicht für deren genetische Bestandteile. Mehr zur gesamten Problematik: Wissenschaftliche Publikationen als Geheimsache?). New Scientist fragte bei 16 solcher mit der Hilfe von Google gefundenen Firmen, die Gensequenzen auf Bestellung anfertigen und versenden, nach, ob sie die Kunden überprüfen würden, falls Gensequenzen bestellt werden, die zur Herstellung eines gefährlichen Erregers oder einer biologischen Waffe dienen könnten. Von den 12 Firmen, die geantwortet haben, erklärten 5, dass sie dies bei jeder Sequenz machen. Vier gaben an, dass sie das bei bestimmten Sequenzen machen würden, drei führen gar keine Überprüfungen durch. Auch wenn manche Firmen angeben, sie würden nicht nur die Bestellungen, sondern auch die Kunden überprüfen, so dürfte dies nicht sehr weit führen. So werden angeblich von Bio Basic Überprüfungen der Email-Adressen durchgeführt, um zu sehen, ob der Kunde in einem Forschungslaboratorium arbeitet. Aber eine Email-Adresse zu fälschen, ist nicht schwer. Und Bösewichte könnten natürlich auch versuchen, einen Mitarbeiter eines Forschungslaboratoriums zu bestechen, der diese dann im Auftrag bestellt.

Normalerweise sind die Sequenzen für die gefährlichen Virengene mit ein paar Tausend Basenpaaren recht kurz. Daher könnten bestellte Sequenzen auch mit Software wie Blackwatch von Craig Computing schnell mit einer Datenbank von genetischen Sequenzen gefährlicher Erreger verglichen werden, die nach einer Liste der CDC mit den Selected Agents aufgebaut wurde. Das Problem ist freilich, dass die meisten Sequenzen nicht gefährlich sind, auch wenn sie einen Hinweis erzeugen. Da dann menschliche Experten dem nachgehen müssten, ist das wahrscheinlich für die Firmen, so vermutet New Scientist wohl zu Recht, zu kostenintensiv,

Da auch die Technik zur Herstellung von Gensequenzen und zur Synthetisierung von Genen immer billiger und besser wird, entstehen überall auf der Welt Firmen, die Gensequenzen liefern. Auch wenn in einigen Ländern die Kontrollen verschärft und Überprüfungen bindend gemacht würden, so garantiert das noch keinerlei Sicherheit, solange es nur ein Land gibt, in dem Firmen nicht weiter nachfragen. (Florian Rötzer)