Unser Bier statt Einheitsbier

Alexander Dill

Seite an Seite mit der Bierrésistance gegen Heineken & Co

Unsere Nachfrage verbessert die Welt, Teil 3

Ganz Deutschland ist von Heineken (Paulaner, Kulmbacher, Hacker-Pschorr), Dr. Oetker (Jever, Radeberger, Binding, Berliner, Schöfferhofer, Schlösser) und Anheuser Busch InBev (Becks, Franziskaner, Löwenbräu, Spaten, Hasseröder, Gilde, Diebels) besetzt? Wenn man Bier nur im Getränkemarkt, an der Tankstelle und in der Bierecke von Supermärkten sucht, sieht es so aus. Aber es gibt auch noch Zapfhähne und alternative Vetriebskanäle.

Männlicher Pro-Kopf-Verbrauch in Niederbayern: 800 Liter

Der deutsche Pro-Kopf-Verbrauch an Bier beträgt noch immer stattliche 115,3 Liter pro Einwohner und Jahr. Übersetzt: Jeder erwachsene Mann zwischen 18 und 88 dürfte mit bescheidenen zwei Bier pro Tag auskommen. Durch die kürzlich nach unten korrigierte Einwohnerzahl Deutschland wird aber alles mehr, was pro Kopf gerechnet wurde. Schulden. Verbrechen. Gigabyte. Und eben Bierverbrauch.

Ich erinnere mich noch, wie mein Vater und ich mit unserem 27-PS Massey Ferguson vom Bauernhof hinunter in die Weißbierbrauerei Bauer im niederbayerische Triftern fuhren, um einige Kästen Weißbier zu holen. Der 20er Kasten (5x4) mit den Bügelflaschen reichte bei uns keine zwei Tage.

Die Stabilisierung des Pro-Kopf-Verbrauches ist nur durch kontinuierliches, persönliches Engagement möglich: Autor Dill mit seinem Lieblings-Schwarzwaldbier Waldhaus

Unser Pro-Kopf-Verbrauch: gefühlte 800 Liter pro Jahr. Seitdem ist der deutsche Pro-Kopf-Verbrauch an Bier kontinuierlich gesunken. Der parallele Siegeszug des zwangseingeführten alkoholfreien Bieres wurde zum Siegeszug für die Konzerne. Nur wenigen Kleinbrauereien, etwa dem Neumarkter Lammsbräu, gelang es, alkoholfreie Nischen zu besetzen und eigene Vetriebsnetze aufzubauen. Lammsbräu alkoholfrei findet man heute in tausenden von Bioläden. Das stark malzig schmeckende Getränk fällt unter den alkoholfreien Bieren als relativ lieblich und säurearm auf und ist daher nur begrenzt als Durstlöscher geeignet.

Einigen lokalen Brauereien, etwa Tegernseer und der Badischen Staatsbrauerei Rothaus mit Tannenzäpfle gelang es, an den Türstehern der Hauptstadt-Bierszene vorbeizukommen:

Habe gestern bei 35 Grad im Schatten in einem Berliner Biergarten zum ersten Mal ein helles Tegernseer vom Fass getrunken und war zufrieden mit mir und meiner Welt.

Bier und Kapitalismus - das ist eine spannende und dramatische Geschichte. Lange war das Brauen ein güldenes Gewerbe für Könige und Bischöfe. Heiß wurde um das wegen niemals nachlassendem Durst garantiert erfolgsträchtige Braurecht gekämpft. Neben dem Hofbräu gab es bereits im 17. Jahrhundert Bürgerbräu (das 5,4% starke Braumeister ist ein Erlebnis). Erst in den 70er Jahren setzten sich europaweit börsennotierte Großbrauereien durch, die nach und nach die lokalen Brauereien aufkauften oder verdrängten.

Auch die Schweizer erwachen: "Unser Bier" und "Sauvons Cardinal!"

Rätsel des Sozialkapitals: Während in Österreich und der Schweiz fast alle Kleinbrauereien schlossen, hielten sie sich in Bayern und Baden-Württemberg zum Teil bis heute. Doch in der Schweiz wächst der Widerstand gegen das Einheitsbier. In Basel versucht seit Jahren die Initiative und Brauerei Unser Bier eigenes Regionalbier gegen Konzernbier anzubieten - mit Erfolg. Immer mehr Gaststätten und Restaurants in Basel führen Unser Bier. Finanziert wird Unser Bier auch mit Crowdfunding durch Aktien.

Aus Appenzell dringt Quöllfrisch auf den bescheidenen Schweizer Markt, auf dem nur 56 Liter pro Jahr und EidgenossIn abgesetzt werden. Die trinkt eine deutsche Männerfamilie mit zwei Freunden an einem Wochenende weg. Sauvons Cardinal! nennt sich in der französischen Schweiz eine Facebookgruppe, auf der 12.000 Mitglieder den Verkauf der Cardinal-Brauerei bedauern.

In Österreich hält sich tapfer die seit 1910 bestehende Brauereigenossenschaft Murauer gegen die Konzernbiere der von Heineken aquirierten Brau-Union. Slogan der Murauer: Unser Bier.

Zoigl-Delirien im protestantischen Mekka

Der sinkende Bierverbrauch korrespondiert aber inzwischen mit einer beachtlichen Zahl von Neugründungen. So öffnete etwa in Hannover 2012 Meiers Lebenslust seine Zapfanlage. Im an Brauereien nicht armen, westlichen Münchner Umland (Kaltenberg "König Ludwig", Maisacher, Dachsbräu, Schweiger) hat ebenfalls 2012 das Ammerseer Brauhaus die Pforten ins Himmelreich des Kellerbieres geöffnet. In den Nachbargemeinden konnte aber bisher erst ein Italiener für den Umstieg gewonnen werden. Die anderen, fast 100 Gaststätten verweisen auf bestehende Verträge.

Es geht auch noch kleiner: Im Reformations-Mekka Kaufbeuren wird "gezoigelt", also auf Ankündigung im Keller Zoiglbier kredenzt. Man sitzt im engen Kellerraum dicht zusammen bei Wurst und Speck und trinkt Kellerbier mit unvergorener Würze, bis man Luther nicht mehr von Zwingli und Melanchton unterscheiden kann. Wenn es um cervisianische Delirien geht, könnte die Rede eigentlich auf Bölkstoff kommen - wenn der Autor nicht bereits mit dessen einzigem Bestandteil, dem Flensburger gut auskäme.

Lokalbier ist Widerstand, Schicksal, Offenbarung

Warum bekommt man bei uns nicht wie in England, Holland und Belgien mehrere, konkurrierende Fassbiere? "Marktwirtschaft" wird in Deutschland doch weitgehend als erfolgreicher Ausschluss von Konkurrenz interpretiert - leider auch am Zapfhahn.

Viele Gaststätten sind brauereigebunden, haben also faktisch Schulden bei den Brauereien. In Bayern erkennt man eine schlechte Gaststätte oft bereits an der Biermarke: Je besser die Gaststätte, desto regionaler das ausgeschenkte Bier. Der gute Sushi in Herrsching schenkt Ayinger aus, keines der Münchner Konzernbiere. Löwenbräu, Paulaner, Hacker-Pschorr, Spaten, einst stolze Münchner Biere, stehen heute für den Niedergang der Gastronomie zur faden Convenience-Kost, für bavariophones Designfake und das grauenhafte Duo Putensalat und Zanderfilet auf der Karte.

Was sollen wir tun? Wer sind wir? Was ist der Mensch? Die Antworten auf alle drei Fragen liegen in unserer Bereitschaft, das verbleibende Bier an oder in der Nähe seines Ursprungs so lange zu trinken, bis wir entweder sterben oder aus beruflichen Gründen umziehen, was im Endeffekt für die lokale Brauerei kein so großer Unterschied ist.

Disclaimer: Ich wurde darüber informiert, dass mir sehr wichtige und hervorragende lokale Biere hier zu Unrecht nicht erwähnt wurden. Ich verfüge über keinen Rechtsanspruch auf die Nennung meines Lieblingsbieres.

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(Alexander Dill)