"Unser Geldsystem als ein kolossales Betrugs- und Irrtumssystem"

"Wann immer wir zahlen, zahlen wir Zins"

Wie meinen Sie das genau, das Geld sei sozusagen aus systemischen Gründen ein "Konkurrenzbeschleuniger" und seine Wirkung hätte inzwischen die Kinderkrippen erreicht? Was hat das eine denn mit dem anderen zu tun?
Christoph Pfluger: Weil es immer zu wenig Geld im System hat, versucht man, es sich bei den anderen Akteuren zu holen. Und weil die Forderungen exponentiell wachsen - Zins und Zinseszins! - wird dieser Konkurrenzkampf immer schärfer. Seit ein paar Jahrzehnten hat er eine Intensität erreicht, dass wir mit Recht von einer Wettbewerbsgesellschaft sprechen. Und heute werden schon Kleinkinder über die Frühförderung auf den globalen Wettbewerb am Arbeitsmarkt vorbereitet.
Wettbewerb in einem gewissen Maß ist zwar durchaus gesund. Aber die gesamte menschliche Gesellschaft darauf auszurichten, widerspricht den Gesetzen der Evolution, in der die Kooperation eine viel größere Rolle spielt. Der Mensch wird erst in liebevoller Gemeinschaft zum Menschen. Von Menschen, die wir fürchten oder hassen, lernen wir nur Zerstörung.
Während der Liberalismus noch ein einigermaßen durchdachtes Konzept der menschlichen Freiheit und ihrer zwingenden Begrenzung war, ist der Neoliberalismus nur noch eine oberflächliche Rechtfertigung, Begrenzungen niederzureißen und damit auch die menschliche wie soziale Freiheit zu zerstören. Bei Lichte besehen geht es im Neoliberalismus bloß um die Freiheit des nimmersatten Kapitals, nicht um jene des Menschen. Die Konsequenzen sind menschenverachtend.
Wenn man ihrer Analyse folgt, trägt das Geldsystem an sich bereits einen "Umverteilungseffekt" in sich. Das bedeutet: Das Geld allein sorgt dafür, dass die einen immer reicher und die anderen immer elender werden, verstehe ich recht? Die übliche Forderung nach "Umverteilung" löste dieses Dilemma, das ja ebenfalls auf menschenverachtende Verhältnisse hinausläuft, dabei ja keineswegs…
Christoph Pfluger: Weil das Geld als zinstragender, privater Kredit geschöpft wird, ist der Zins in allen Preisen enthalten, im Durchschnitt 30 bis 40 Prozent. Wann immer wir zahlen, zahlen wir Zins. Um festzustellen, ob wir auf der Gewinner- oder Verliererseite stehen, brauchen wir am Ende des Jahres nur die Bankauszüge und Versicherungsausweise anzuschauen: Wenn die Zinseinnahmen kleiner sind als ein Drittel unserer Haushaltsausgaben, gehören wir zu der Gruppe der Nettozahler von rund 85 Prozent der Bevölkerung.
Natürlich wird ein Teil dieses Kapitalstroms von unten nach oben durch Sozialleistungen aller Art gemildert. Es bleibt aber, wie Piketty im langjährigen Vergleich festgestellt hat, bei einem Kapitalgewinn von knapp 30 Prozent des jährlichen Volkseinkommens aufs Seiten der Vermögenden. Das ist nicht durchzuhalten, ohne einen breiten Teil der Bevölkerung in die Verarmung zu treiben - wenn sie nicht vorher revoltiert.