"Unser Geldsystem als ein kolossales Betrugs- und Irrtumssystem"

Neustart durch umfassenden Schuldenerlass ist notwedig

Das ist dann wohl auch der Grund, warum Sie in Ihrem Buch schreiben, es ginge aktuell um die Frage von "Diktatur oder Neustart". Was wird geschehen, wenn alles so bleibt, wie es ist? Warum ist ein grundlegender "Neustart" aus Ihrer Sicht so wichtig im Moment?
Christoph Pfluger: Es ist im Grunde ganze einfach: Weil das Geldsystem eine wachsende und prinzipiell grenzenlose Umverteilung erfordert, muss diese früher oder später mit Zwang durchgesetzt werden. Die Menschen geben ja nicht freiwillig ihre Lebensgrundlagen her. Dieser Zwang ist mindestens seit der Schuldenkrise der Drittweltländer in den 1980er Jahren offensichtlich.
Seit der Finanzkrise hat er nun definitiv auch Europa erreicht. Das Problem ist nur, dass die meisten Menschen die Zusammenhänge nicht erkennen. Dieser Zwang wird sich unter dem Motto "there is no alternative" zu einer ausgewachsenen Diktatur entwickeln. Weil die Schuldenmenge so viel größer ist als die Geldmenge, kann nur ein umfassender Schuldenerlass die Welt wieder ins Gleichgewicht bringen. Das läuft auf einen grundlegenden Neustart hinaus.
Wenn das aber so ist: Wieso ist derlei "grundlegende" Kritik dann so wenig verbreitet, wieso spricht nur hier und da mal irgendein Linker von dieser oder jener "Reform"?
Christoph Pfluger: Die Kritik nimmt ja glücklicherweise zu und erreicht langsam auch die Wissenschaft und die großen Medien, ist aber gemessen an der Bedeutung des Problems immer noch absolut ungenügend.
Über die Ursachen dieses Unverständnisses kann man nur spekulieren. Die Banken betreiben ihr Geschäft in Verschwiegenheit, seit es sie gibt. Wenn wir wüssten, dass sie ständig mit Forderungen herumjonglieren, die sie in globo gar nicht erfüllen können, wären sie ja schon vom ersten Tag an offiziell pleite.
Ein möglicher Grund liegt aber auch darin, dass der Geldschöpfungsprozess so einfach ist, "dass sich der Verstand dagegen wehrt", wie der amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith es einmal treffend geschrieben hat. Ein weiterer Grund dürfte darin liegen, dass wir im reichen Westen ja davon zu profitieren scheinen, indem wir etwas erhalten, das es gar nicht gibt. Wie gibt man armen Menschen das Gefühl von Reichtum? Man gibt ihnen Kredit! Und so beschleunigt sich das Problem in einem fort.
Und wie sähe der alternative Plan, sähe ein solcher "Neustart" für Sie aus? Was müsste getan werde, geschehen?
Christoph Pfluger: Ein System für den wirtschaftlichen Austausch aufzubauen, ist relativ einfach. Es gibt Zehntausende von Systemen weltweit, die allerdings daran kranken, dass sie fast alle zu klein sind, um ihre Wirkung zu entfalten. Die Monopolwährungen sind einfach noch zu stark und zum Teil werden die Alternativen aktiv behindert.
Die Umstellung kann relativ schnell gehen. Drei Monate nach dem Staatsbankrott von Argentinien Ende 2001 bestand bereits einer Drittel der umlaufenden Geldmenge aus Komplementärwährungen. Leider ging das etwas konzeptlos, Inflation war die Folge. Aber grundsätzlich geht die Umstellung einfach und schnell. Die kleine Tiroler Gemeinde Wörgl konnte 1933 mit einer eigenen Währung die Arbeitslosigkeit innerhalb von wenigen Monaten radikal reduzieren. Als dann Dutzende von Gemeinden nachziehen wollten, hat die österreichische Nationalbank das Experiment kurzerhand verboten.
Noch ein letztes Wort?
Christoph Pfluger: Ja. Über 2000 Jahre Geldgeschichte zeigen, dass die Machthaber von ein paar lokalen und zeitlich begrenzten Ausnahmen abgesehen, noch nie ein gerechtes Geldsystem aufgebaut haben. Wir dürfen deshalb auch jetzt von der Politik und den grauen Herren an den Schalthebeln des Geldes keine echten Lösungen erwarten, sondern bestenfalls Verschlimmbesserungen. Echte Fortschritte in diesem zentralen Bereich des menschlichen Zusammenlebens wird es nur geben, wenn viele Bürger die grundlegenden Mechanismen des Geldes verstehen und einen demokratischen Aufbruch an die Hand nehmen. Dazu will mein Buch einen Beitrag leisten.
Es geht dabei nicht bloß darum, die Diktatur des Geldes zu brechen, sondern auch um die Wahrnehmung einer epochalen Chance. Ein gerechtes Geld wird es uns ermöglichen, mit einem Drittel des Aufwandes den heutigen Lebensstandard zu realisieren. Ein Drittel geht auf Kosten der versteckten Umverteilung über den Zins und rund ein Drittel geht auf Kosten des Irrsinns und der Verschwendung, die dieses System erzwingt: Kriege, Krankheit, Zerstörung, sinnlose Produkte und dergleichen mehr. Das Potenzial ist in der Tat so groß, dass man es fast nicht glauben mag. Dazu muss man schon ein Buch lesen, ein Interview wie dieses reicht nicht.

Christoph Pfluger (*1954) befasst sich seit über 25 Jahren als Journalist und als Verleger der Zeitschrift "Zeitpunkt" mit Fragen des Geldsystems. "Das nächste Geld" ist sein erstes Buch.

(Jens Wernicke)