"Unser Medienplan sieht vor, euch bis zum Tod zu attackieren"

Das kokette Spiel mit der Gewalt - Der Front National und das Feindbild der System-Journalisten

Seit Sonntagabend dominiert der Front National die französischen Medien. Bekannte Parteivertreter, der alte Frontmann und Gründer Jean-Marie Le Pen und seine Tochter Marine, reagieren auf das neue Interesse der Journalisten, wie es lange Zeit Gekränkte tun, herablassend und giftig. Der Ton wird ruppiger.

Eine weitere Vorzeigeperson der nationalistischen Rechtsausleger, Philippe Martel, Kabinettschef unter dem früheren gaullistisch-konservativen Premierminister Alain Juppé, Absolvent der Eliteschule ENA und seit letztem Jahr zur Überraschung Vieler Mitglied des FN, sah sich anscheinend dem rauhen, verächtlichen Ton der FN-Spitze gegenüber Journalisten verpflichtet und fügte dem noch einen Biss mehr hinzu.

Bei einem Gespräch mit einer Journalistin des Magazins Le Point sprach er laut Angaben der Publikation davon, dass man die Journalisten "zermalmen" ("écraser") müsse - "sämtliche Vollidioten der institutionalisierten Journalisten".

Es gebe in der Partei einen Plan für Medien, wird Martel zitiert

Auf jeden Fall hassen euch die Franzosen. Unser Medienplan sieht vor, euch bis zum Tod zu attackieren. Die Presse ist uns schlecht gesinnt, warum also sollen wir mit ihr zusammenarbeiten? Es muss auf den Tisch, welche Universitäten ihr besucht habt, was eure Fächer waren, wo ihr wohnt.

Daraufhin habe ihn die Journalistin gefragt, ob die Partei Akten über die Journalisten führe. Martel soll dies bestätigt haben und als Beweis das BFM-TV-Interview angeführt haben, in dem Marine Le Pen die Journalistin mit gezielt eingesetztem Wissen über deren Werdegang versucht, aus der Balance zu bringen, um zu demonstrieren, wie sich das anfühle, "wenn man einmal auf der anderen Seite sitzt und solchen Fragen ausgesetzt wird".

Eine eigentlich relativ harmlose Angelegenheit, allerdings waren den Fragen und Kommentaren zum "elitären Nest", aus dem die Journalistin hervorgegangen sei, deutlich feindselige Untertöne beigemischt. Philippe Martel ließ dazu verstehen, dass dieses Interview nur eine Kostprobe gewesen sei, "ein Anfang". Die Empfehlung an Marine Le Pen, das Interview solcherart zu gestalten, stamme von ihm.

Dementi folgt, mit einem Lächeln

Gestern hat Philippe Martel dann seine Äußerungen dementiert. Er sage sowas nicht, die Partei habe auch gar kein Geld für das Anlegen von Akten zu Journalisten; lediglich, die Äußerung, dass Journalisten Vollidioten seien, könne vorgekommen sein. Das sei bei ihm möglich.

Damit folgt er zum einem dem Prinzip der Öffentlichkeitsarbeit des FN, das darin besteht, eine "nicht korrekte", rohe oder brutale Äußerung zu machen, wie Jean Le Pen, der neulich äußerte, dass "Monsieur Ebola" das Problem der Überbevölkerung in Afrika binnen kürzester Zeit lösen könne, um sie am nächsten Tag dann nach bekannten Regeln zu relativieren ("aus dem Kontext gerissen", "nicht so gemeint" etc.) und dazu zu lächeln.

Dabei geht es nicht allein darum, sich mit niederträchtigen Ressentiments zu verbünden, sondern auch um Vorsorgearbeit: Das Image der Partei darf nicht verwässern, die Partei nicht als eine weitere normale unter den anderen wahrgenommen werden.

Die Führung weiß sehr wohl, dass sie vor allem vom "Anti-Système"-Image lebt. Medien, die vor allem nach skandalträchtigen Äußerungen aus sind, werden beliefert und man bedient sich ihrer Scheinwerfer. Das ist ein probates Mittel, um den Blick vom dürftigen Parteiprogramm abzulenken. Dessen Hauptpunkte lauten, dass Franzosen gegenüber Ausländern bevorzugt werden sollen, der alte Franc wiederkommen soll und die französische Landwirtschaft durch den Austritt aus der Euro-Zone besser protegiert werden kann.

Die Äußerungen von Martel zeigen auch, dass die Partei hauptsächlich durch eine qualmige Stimmung groß wird, die mit Aggressivität ein selbstverliebtes, kokettes Spiel treibt. Die giftigen Anti-System-Untertöne, die von keinem Willen zur Klarheit getragen sind, sind aber nicht harmlos, sie bereiten durch ihre fortwährende Insistenz und Wiederholungen Nährboden für Gewalt. (Thomas Pany)

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