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Unser SUV, unser Schnitzel, unsere Freiheit!

Was tun? Fridays for Future, Verantwortung und "moralischer Konsum"

Am 31. Dezember 2018 erschien auf Telepolis ein satirisch-böser Jahresrückblick (Unser täglich Bio-Massaker [1]) von mir, der lebhafte Reaktionen hervorrief. Größtenteils gab es Zuspruch, ein Kommentator bezeichnete ihn jedoch als "peinliche Moralpredigt", andere unterstellten, ich wolle nur Bücher an "Öko-Hipster" verkaufen oder sei ein "Hysteriker".

Solche Äußerungen sind wiederum sehr typisch: Dass mancher allergisch auf "Moral" reagiert, nicht "bekehrt" werden möchte und "Gutmensch" ein Schimpfwort ist, zeigt, wie sehr unsere Gesellschaft darauf angewiesen ist, die Folgen ihres Tuns sowie das Wissen darum zu verdrängen. Aus Perspektive des "Eigennutz-Optimierers" aka homo oeconomicus ist dies vollkommen folgerichtig - wie ich in meinem Kommentar auch satirisch verpackt schrieb: Wer sich nicht die Vorteile des billigsten T-Shirts, Flugs oder anderer Verheißungen des schönen neuen Lebens sichert, sondern auf diese (monetären) Vorteile und Annehmlichkeiten verzichtet, ist aus kurzfristig-individueller Perspektive ja tatsächlich ein Idiot. Und falls "Gutmensch" dann auch noch "predigt", dass andere es ihm gleichtun sollen, ist dies ein Affront (für das verdrängte schlechte Gewissen). Zumal er seinen Kaffee womöglich gar mit Sojamilch trinkt und sich deshalb für etwas Besseres hält. Wie arrogant!

Ähnlichen Anwürfen sind die Schüler der "Fridays for Future"-Bewegung in den "sozialen Medien" ausgesetzt. Das Geniale an dieser Bewegung mit ihrer 16-jährigen Ikone Greta Thunberg ist jedoch, dass solche Anfeindungen umso mehr verfehlen und verpuffen, als dass es sich bei den Schülern nicht nur juristisch, sondern vor allem emotional (für die Erwachsenen) noch nicht um "mündige", volljährige "Bürger" handelt. Es sind (unsere) Kinder.

Gerade dass sie als Kinder und Jugendliche auch keine "Experten" - respektive "Profis" - sind, schützt sie vor (penetrant versuchter) Vereinnahmung und möglicher Korrumpierung. Sie entwaffnen ihre Angreifer mit der Unschuld ihrer Jugend. Das verdrängte schlechte Gewissen der Älteren tritt als Scham zutage - entsprechend gedimmt sind in den Talkshows die Töne der Politiker gegenüber den Sprechern der Bewegung. Auch vertritt die Bewegung keine Agenda von Partikularinteressen, sondern verläuft jenseits ideologischer Frontlinien und trennender Diskurse von Klasse, Identität, Ethnie, Religion oder Nation. Es geht schlichtweg um uns alle verbindende Fakten: die Grenzen des Planeten und die Fragilität seiner Biosphäre.

Womit sich die Bewegung und ihre Vertreter nun jedoch konfrontiert sehen, ist die Kardinalfrage: "Was tun?" Von Kommentatoren und Talkshowmoderatoren wird dabei gerne der Versuch unternommen, diese Frage auf eine individuell-moralische Ebene zu verengen. Appelle an den Einzelnen, "weniger zu fliegen, weniger Fleisch zu essen et cetera", sind hierbei zwar prinzipiell richtig, aber sie beladen den Einzelnen zusätzlich mit Schuld und blenden die Dimension politischer Verantwortung und ökonomischer Interessen und Macht aus.

Eine solche Debatte entpolitisiert den Protest. Und genau dies ist Mittel und Ziel der herrschenden Ideologie: In einer Art perfidem "double bind" wird die Verantwortung stets auf den Einzelnen gelegt - man ist selbst "schuld", ob man "erfolgreich" ist oder nicht - oder aber Entscheidungen werden mit "Sachzwängen" begründet und als "alternativlos" ausgegeben. Die Verantwortung (für "moralischen Konsum") darf deshalb gerade nicht vollständig beim Individuum liegen. Vielmehr muss die Politik Regeln schaffen, die dem Einzelnen die Entscheidung abnehmen, ihn von Verantwortung entlasten. Genau dafür ist Politik in einer repräsentativen Demokratie da.

Die neoliberale Propaganda hat hier jedoch einen weiteren Kampfbegriff erfunden: die "Ökodiktatur". Der Begriff suggeriert, wir lebten in einer gesetzlosen Gesellschaft, in der jeder tun und lassen könne, was ihm beliebt. Wenn es aber daran geht, Regeln zu vereinbaren, die ein nachhaltigeres Wirtschaften hervorbringen würden, dann sind mögliche Einschränkungen individueller Freiheit, die wir in anderen Bereichen selbstverständlich akzeptieren, auf einmal "diktatorisch". Dann sollen wir uns auf einmal vorschreiben lassen, wie wir zu leben haben? Tempolimit? Fleischverzicht? Pah! Nicht mit uns! Nicht mit Christian Lindner! Unser SUV, unser Schnitzel, unsere Freiheit!

Wo Veränderungen vergleichsweise einfach sind

In meinem Silvesterkommentar habe ich den Fokus außerdem bewusst auf das Artensterben und den Fleischkonsum gelegt, da hier zum einen ein fataler Zusammenhang unseres ökonomischen Systems deutlich wird: Das milliardenfache Leid, das wir unseren Mitlebewesen zufügen, ist derart monströs und beschämend, dass eine breite Mehrheit der Bevölkerung dies mit Sicherheit ablehnt - aber dennoch geschieht es.

Denn wie im Falle von Minenarbeitern im Kongo, Sklaven auf italienischen Plantagen [2] oder Näherinnen in Bangladesch sind wir in der globalen Arbeitsteilung diesen Produktionsbedingungen entfremdet. Wir erfahren sie nicht, sie sind fern und unfühlbar, und deshalb ändern wir nichts an unserem Verhalten, selbst wenn wir um die fürchterlichen Bedingungen wissen, unter denen unsere täglich konsumierten Produkte hergestellt werden.

Gleichzeitig unterliegen wir in unserem Kauf- und Konsumverhalten natürlich psychosozialen (Gruppen-)Zwängen, ökonomischen Zwängen und sind irrwitzigen politischen Fehlsteuerungen ausgesetzt - die etwa Inlandsflüge billiger machen als Bahnfahrten. Die "Fridays for Future"-Bewegung wiederum hat vor allem deshalb das Potential, tatsächlich etwas zu bewegen, weil sie die Erwachsenen ganz hautnah mit dem noch größtenteils vor ihnen liegenden Leben ihrer eigenen Kinder konfrontiert. Abstrakte Formeln wie "Klimawandel" oder "Zwei-Grad-Ziel" werden so auf einmal auch für uns westliche Wohlstandsbürger sehr konkret und fassbar.

Zum anderen ist gerade angesichts der vielfältigen Interdependenzen der globalen Wirtschaft der Fleischkonsum ein gutes Beispiel, weil hier vergleichsweise einfach etwas verändert werden könnte - ohne den Einzelnen radikal einzuschränken oder gleich den gesamten "Industriestandort Deutschland zu gefährden". Zumindest kann mir niemand weismachen, dass es eine gravierende Minderung von Lebensqualität bedeuten würde, nur noch einmal pro Woche Fleisch zu essen.

Politisch müsste hierfür eine wesentliche Maßnahme schlicht die gesetzliche Vorschrift einer "Flächenbindung" der Fleischproduktion [3] sein. Dies würde den Nutztierbestand in Deutschland sofort radikal senken, da unsere zig Millionen Schweine, Rinder, Kühe und Hühner ja überhaupt nur mit importiertem Soja und Getreide ernährt werden können.

Nicht nur ethisch, auch volkswirtschaftlich wäre die Abschaffung der Massentierhaltung ein riesiger Gewinn, da so die (wachsenden) Kosten der Zerstörung von Böden, Gewässern und Luft reduziert werden könnten. Und auch wenn das Geschrei über eine Einschränkung des "Freihandels" - ein weiterer zentraler Propagandabegriff, der eine ungerechte Weltordnung schön spricht - riesig wäre, müsste es dann wohl Zölle auf Fleischimporte geben, um den inländischen Konsum tatsächlich zu reduzieren und die Kosten der Umweltzerstörung nicht wie üblich auszulagern.

Wann ist man verantwortlich?

Die Frage, was man tun kann, geht angesichts von Klimawandel und Ökosystemkollaps aber freilich noch weiter und tiefer - und der oft geäußerte Einwand, dass apokalyptische Szenarien wie mein Silvesterkommentar für eine positive Veränderung nicht hilfreich seien, ist sicherlich nicht verkehrt. Ich selbst habe viele Jahre mit mir gerungen, ob ich noch fliegen soll oder nicht, ob ich noch Fleisch essen soll oder nicht, et cetera. Dabei bin ich für mich zur pragmatischen Einsicht gelangt, dass ich zum einen nicht verantwortlich für das Schicksal der Menschheit bin und die Verantwortung zuvorderst bei der Politik und den (Haupt-)Verursachern liegen muss, ich aber dort, wo ich relativ schmerzfrei eine alternative Entscheidung treffen kann, sie auch treffen muss.

Konkret: Es verlangt mir nicht viel ab, weniger Fleisch zu essen. Das geht. Wenn ich eine Cola trinken möchte, dann kann ich - zumindest in Berlin - ziemlich einfach statt einer Coca Cola auch eine lokal hergestellte Marke wählen. Ich kann mein Bankkonto statt bei der Deutschen Bank auch bei der GLS- oder Umweltbank haben, statt zu fliegen, kann ich von Berlin nach Köln auch mit dem Zug fahren, ich kann meinen Stromanbieter wechseln, et cetera. Kurz: Worauf man relativ schmerzfrei verzichten kann, wo man eine reale Alternative hat, dort ist man auch verdammt nochmal verantwortlich für das, was man tut oder nicht tut und darf sich nicht damit herausreden, dass "alle anderen das ja auch tun" oder es "sowieso nichts bringt".

Gerade in unseren (noch) freien, rechtsstaatlichen, von materiellem Wohlstand übersättigten Industriegesellschaften haben wir das Privileg und die Möglichkeit, solche Entscheidungen tatsächlich treffen zu können. Auch der Verweis auf das globale Bevölkerungswachstum oder "die Chinesen" ist trotz seiner Faktizität und Relevanz oft nur eine Ausrede, die uns nicht von eigener Verantwortung entbindet. Kritisch wird es nur dort, wo dies in "protestantische Selbstkasteiung" und übertriebene Rigorosität ausartet.

Ein Leben, in dem man sich selbst und andere quält, weil man "alles richtig" machen will, ist kein gutes Leben und damit der guten Sache nicht dienlich. Lust, Genuss und Bejahung gehören ebenso zum guten Leben wie Verzicht und Entsagung - wobei "Verzicht" ein in dieser Diskussion zwar oft gebrauchter aber ohnehin falscher Begriff ist. Eine von motorisiertem (oder auch elektrifiziertem) Individualverkehr befreite Stadt beispielsweise wäre kein Verlust, sondern ein riesiger Gewinn von Lebensqualität - durch mehr Raum (für etwa urbane Landwirtschaft), mehr Sicherheit, bessere Luft und weniger Lärm.

Für den dringend erforderlichen Wandel braucht es nun emanzipierte, engagierte, mutige und verantwortungsbewusste Individuen - es geht also nicht um ein "Entweder-oder", sondern ein "Sowohl-als-auch" - sowie eine von diesen Individuen initiierte und getragene andere Politik, reformierte Demokratie [4] und solidarisch-nachhaltige Wirtschaftsordnung, die das Individuum davon entlasten, kein richtiges Leben im Falschen führen zu können.

Am umfassendsten und vernünftigsten erscheint mir diesbezüglich immer noch das Modell der "Gemeinwohlökonomie" [5] von Christian Felber, in dem marktwirtschaftliche Prinzipien und staatliche Lenkungsfunktionen intelligent miteinander verknüpft werden. In jedem Fall ist es Unfug - beziehungsweise Teil des Herrschaftsnarrativs -, zu behaupten, es gäbe keine praktikablen Alternativen oder konkreten Vorschläge, wie eine ökologisch-soziale, enkeltaugliche Gesellschaft aussehen könnte. Es gibt sie zuhauf.

Richtig ist jedoch: Diese wird nicht schmerzfrei zu haben sein. Für sie gilt es, politisch zu kämpfen und unsere Wirtschaftsweise radikal zu verändern. "Fridays for Future" sollte zu einer Massenbewegung werden.

Philipp von Becker [6] lebt als Autor und Filmemacher in Berlin.

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URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-4399125

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/features/Unser-taeglich-Bio-Massaker-4259312.html
[2] https://www.deutschlandfunk.de/migranten-in-italien-die-neuen-sklaven-europas.1773.de.html?dram:article_id=389841
[3] https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/massentierhaltung/massentierhaltung_fleischatlas_2018.pdf
[4] https://www.wallstein-verlag.de/9783835318717-david-van-reybrouck-gegen-wahlen.html
[5] https://www.ecogood.org/de/
[6] http://www.philippvonbecker.de