Unser täglich Bio-Massaker

Bild: Amber_Avalona /CC0

Artensterben, Schweinemast und Klimawandel. Ein Blick zurück nach vorn im Zorn

Sollte die Menschheit untergehen, sie hätte es verdient. Seit 1970 hat der Mensch 60 Prozent des Bestands aller Säugetiere, Fische, Vögel und Reptilien ausgelöscht. Damit sind seit Beginn der menschlichen Zivilisation 83% aller wild lebenden Säugetiere, 80% der Meeressäuger, 15% der Fische und 50% der Pflanzen von der Erde verschwunden.

Doch keine Panik: Von allen Säugetieren auf der Erde macht die Biomasse wild lebender Säugetiere ohnehin nur (noch) 4% aus. Der Rest besteht aus uns (36%) und unseren "Nutztieren" (60%). Mit ihnen leben wir in erquicklicher Symbiose: Im Jahr 2011 wurden geschätzt weltweit über 60 Milliarden Tiere geschlachtet - rund 58 Milliarden Hühner, knapp drei Milliarden Enten, 1,4 Milliarden Schweine, 517 Millionen Schafe und 300 Millionen Rinder.

Lästig jedoch: Als Tierfutter werden die Getreide- und Sojaerträge von 70% der globalen Agrarflächen benötigt. Wälder und fruchtbare Böden schwinden, bereits ein Drittel der globalen Weide- und Ackerflächen ist mittelgradig bis stark beschädigt. Doch Tierfutter will gedeihen! Dafür müssen tonnenweise "Pflanzenschutzmittel" ausgeschüttet werden: Herbizide, Fungizide, Bakterizide, Virizide, Insektizide, Molluskizide, Rodentizide, Akarizide und Pheromone. Immerhin vergiftet dies Gewässer und Böden und vernichtet Pflanzen und Insekten, so dass wir auch bei der totalen Ausrottung von Fluginsekten auf einem guten Weg sind.

Fehlt noch die Scheiße. Wohin mit dem ganzen Mist? Allein die Schweine in Deutschland produzieren rund 40 Milliarden Liter Gülle pro Jahr. Die verfluchte Folge: Nitrat im Grundwasser. Laut Umweltbundesamt wiesen 2015 lediglich 8,2% aller Oberflächengewässer in Deutschland einen "sehr guten" oder "guten ökologischen Zustand" auf. Der emittierte Ammoniak führt zudem nicht nur zur Versauerung und Eutrophierung von Böden, sondern vergiftet auch die Luft (Feinstaub und Ozon) und verschärft den Klimawandel (Lachgas).

Ist das nun Alles? Soll man mit künstlichen Hormonen auch noch die Sexualzyklen der Sauen synchronisieren? Ferkel kastrieren? Küken schreddern? Einen Veggie Day einführen!? Renate Künast wählen!? Wolfgang Kubicki!?

Wen interessieren Klimaschutzziele, wenn der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch seit 1990 um 30% gestiegen ist und die Zahl der Menschen weiter rapide steigt! Dank Haber-Boschs künstlicher Ammoniaksynthese brauchen wir keinen Naturdünger mehr! Wir stellen die Scheiße mithilfe von Gas und Öl selbst her! Kartoffeln aus fossiler Energie - so wächst die Menschheit!

Mit Kunstdünger, Gentechnologie, Pflanzenschutzmitteln und Hormonpräparaten haben wir eine Agrarhöchstleistungsindustrie geschaffen! Wir leisten Unvorstellbares! Hochleistungspflanzen bringen gigantische Erträge! Hochleistungskühe produzieren unter günstigen Ernährungs- und Haltungsbedingungen weit über 10.000 Liter Milch pro Jahr! Hochleistungshühner werden innerhalb von 30 Tagen schlachtreif! Vier von neun planetarischen Grenzen (Biosphären-Integrität, Stickstoff- und Phosphorkreisläufe, Klimawandel, Landnutzung) sind bereits überschritten! Hack! Nacken! Beef!

Derweil machte Der Spiegel, eine selbstgefällige Postille, die ohnehin niemand Ernstzunehmendes ernst nimmt, ein 23-seitiges Spezial zum "Fall Relotius". Als wären Inhalte von Zeitungen sonst und im "Normalfall" die reine Wahrheit, ein reines Abbild objektiver Realität. Das glaubt ohnehin keiner, und die herrschende Meinung war schon immer die Meinung der Herrschenden.

Lasst uns im Bratfett ersaufen, lasst uns eine Party feiern

Lieber Spiegel: Nobody gives a fuck. Hätte man sich in der verlogenen Leitmedienlandschaft 2018 hingegen nur halb so intensiv wie mit der AfD, Herrn Maaßen oder der Fußballnationalmannschaft auch mit den Ursachen des flächendeckenden Bio-Massakers und der Vergiftung unserer natürlichen Lebensgrundlagen auseinandergesetzt, hätte man im "Hitzejahr 2018" einmal endlich über die alles entscheidenden Fragen der Menschheit sprechen können.

Doch oh Schreck, dann müsste man sich womöglich gegen das Geschäfts- und Machtmodell von Herrn Burda und Frau Springer, Herrn Albrecht und Frau Quandt stellen. Ich vergaß: Wessen Fleisch ich ess, dessen Lied ich sing. Dann doch lieber vor "Arbeitsplatzverlusten" und einer "Ökodiktatur" warnen, dann doch lieber nicht die "Wettbewerbsfähigkeit" gefährden. Cum Ex, Dieselskandal und Hitzesommer - Konsequenz: keine.

Lieber noch schnell bei Primark und Lidl ein Schnäppchen abstauben oder für 20.000 Euro ins Ökoressort nach Indonesien fliegen - solange es das noch gibt. Dann lieber jetzt noch mitnehmen, was noch da ist. Bald ist nichts mehr da. Da wäre man schön blöd, wenn man nicht selbst noch schnell zugreifen würde. So blöd bin ich nicht. Lieber noch schnell eine Kreuzfahrt buchen und auf die Malediven fliegen. Austern bei Tim Raue? Her damit! Kentucky Fried Chicken? Her damit! Lasst uns im Bratfett ersaufen, lasst uns eine Party feiern.

Das Ende naht, neben uns die Sintflut. Wir haben uns das verdient, wir können uns das leisten. Es ist gerecht, wie das läuft. Wer nichts hat, ist selbst schuld. Hört nicht auf Neiddebatten und Modernisierungsverweigerer. Ich gehöre zur gehobenen Mittelschicht. Die Sklaven in den Schlachtfabriken, Sweatshops und Minen sollen dankbar sein, dass sie Arbeit haben. Blackrock macht frei, der Amazonas kann weg. Das ist auch Ihre Rente, das machen die nur für Sie!

Mein Gott, wie werden wir uns schämen vor unseren Kindern und Enkeln. Und "weh dem Menschen", wie Christian Morgenstern sagte, "wenn auch nur ein einziges Tier im Weltgericht sitzt." Doch davor lieber schnell noch einen Big Mac würgen, Geländewagen anschaffen und Glyphosat spritzen. Zur Sicherheit. Andi Scheuer und Julia Klöckner finden das Klasse. Wir machen mit. Das ist unsere Freiheit. Oder soll man es lassen?

Philipp von Becker lebt als Autor und Filmemacher in Berlin.

(Philipp von Becker)

Anzeige