Unsere genialen Vorfahren

Homo heidelbergensis aus der "Sima de los huesos" bei Atapuerca. Bild: José-Manuel Benito Álvarez/CC-BY-SA-2.5

Die Menschen der Urzeit hatten ein größeres Gehirn als der moderne Mensch und waren womöglich auch intelligenter

Das Bild, das gemeinhin von dem Urmenschen gezeichnet wird, ist das eines primitiven Halbaffens, dessen Intelligenzniveau nur marginal über dem eines Schimpansen liegt. Schaut man jedoch genauer hin, so ergibt sich allerdings ein differenzierteres Bild.

Bisher nahm man beispielsweise an, dass die ersten Boote vor rund 7.000 Jahren gebaut wurden. Nun hat das Team um Curtis Runnels von der Boston University und Thomas Strasser vom Providence College Hinweise entdeckt, dass Menschen bereits vor über 130.000 Jahren in See stachen.

Auf Kreta fanden die Archäologen Werkzeuge aus der frühen Steinzeit, die nahelegen, dass die Insel bereits deutlich eher bewohnt war als bisher angenommen. Kreta liegt rund 100 Kilometer vom griechischen Festland entfernt und ist seit mehr als drei Millionen Jahren von ihm getrennt. In der Vergangenheit war man davon ausgegangen, dass die erste Besiedelung um 6000 vor Christus stattfand.

Die neuen Erkenntnisse machen es jedoch wahrscheinlicher, dass die ersten Menschen Hunderttausende von Jahre früher die Küste betreten haben. Mehr als 2000 Steinwerkzeuge wurden in Plakias an der Südküste Kretas in Schichten gefunden, die ein Alter von über 130.000 Jahren aufweisen, teilweise sogar bis zu 1,5 Millionen Jahren. Vermutlich waren die ersten Seefahrer, die dort angekommen sind, von Libyen aus aufgebrochen. Das Alter der Funde lässt darauf schließen, dass diese urzeitlichen Entdecker noch vor dem Aufkommen des Homo sapiens lebten. Die Vorstellung, dass den frühen Exemplaren der Spezies Homo die Fähigkeit fehlte, komplexe intellektuelle Probleme zu lösen, hat damit einen schweren Schlag erlitten.

Auch von anderen Inseln im Mittelmeerraum sind ähnliche Funde bekannt. Runnels und Strasser haben etwa einen Artikel veröffentlicht, der die Entdeckung eines Faustkeils auf Zypern analysiert. Sie kommen zu dem Schluss, dass dieser und andere Artefakte von Inseln im Mittelmeer die Theorie stärken, dass frühe Menschen bereits im Paläolithikum Boote bauten und damit auf das offene Meer hinausfuhren.

Es ist eigentlich kein Wunder, solche Errungenschaften vorzufinden. In die Periode der Altsteinzeit fallen das Entfachen und Kontrollieren von Feuer, die Erfindung von Kleber, Pfeil und Bogen, Nadel und Faden, das Weben von Stoffen, das Konstruieren von Musikinstrumenten, die Landwirtschaft und die Domestikation von Tieren sowie chirurgische Eingriffe von denen man bis heute nicht genau weiß, wie sie mit den damaligen Mitteln durchgeführt wurden.

Die Kunstwerke dieser Zeit zeugen ebenfalls von herausragendem artistischem Geschick. Das Niveau der Höhlenmalereien, zum Beispiel in der Chauvet-Höhle, in den Höhlen von Lascaux in Südfrankreich oder in der Altamira-Höhle in Spanien, beeindruckt selbst erfahrene Kunstexperten.

Die Gehirngröße ist seit der Steinzeit um gut zehn Prozent geschrumpft

Forscher, die sich intensiver mit der Geschichte der Menschheit auseinandergesetzt haben, sind von solchen Entdeckungen allerdings wenig überrascht. Es gibt wohl heute kaum noch einen Anthropologen, der nicht davon überzeugt ist, dass der frühe Homo sapiens denselben Verstand besessen hat wie wir heute. Alles, was ihm fehlte, war die Geschichte an Entdeckungen, die wir bereits hinter uns haben.

Andere Wissenschaftler sind sogar der Meinung, dass die Menschen in der Urzeit über eine höhere Intelligenz verfügten als wir heute. Der Evolutionspsychologe David Geary von der University of Missouri und der Entwicklungsbiologe Gerald Crabtree von der Stanford University denken, dass die intellektuellen Fähigkeiten der Menschheit mit dem Aufkommen der Landwirtschaft und dem starken Anwachsen der Bevölkerung vor rund 15 000 Jahren abnahmen.

Bruce Hood, Neurowissenschaftler an der University of Bristol und ebenfalls ein Anhänger dieser Theorie, erklärt das Phänomen mit der Domestikation unserer Spezies. Wir sind die gezähmte Version unserer wilden Vorfahren. Wenn Tiere domestiziert werden, müssen sie nicht mehr für sich selber sorgen und dementsprechend auch weniger Probleme selbst lösen. Die Folge ist, dass ihre Gehirne durch den fehlenden Selektionsdruck schrumpfen. Genau das ist passiert als die Menschen sesshaft wurden, sagt er.

Die Gehirngröße ist seit der Steinzeit um gut zehn Prozent geschrumpft. Heute liegt sie im Durchschnitt bei 1350 Kubikzentimetern. Der Cro-Magnon Mensch hatte hingegen noch ein Hirnvolumen von circa 1500 Kubikzentimetern. Wir haben im Laufe der Zeit also Gehirnmasse von der Größe eines Tennisballs verloren.

Auch der Primatologe Richard Wrangham von der Harvard University und der Neurowissenschaftler Brian Hare von der Duke University unterstützen wie Hood die Theorie, dass wir durch die moderne Gesellschaft heute die Haustier-Variante der Urmenschen sind. Allerdings betonen sie den Einfluss von Strafverfolgung, da diese den Fortpflanzungserfolg von aggressiveren Individuen einschränkt und so die Population als Ganzes umgänglicher macht.

Gestützt wird diese Theorie durch zahlreiche Beobachtungen aus dem Tierreich. Von den rund 30 Tiergruppen, die vom Menschen domestiziert wurden, hat jede einzelne 10 bis 15 Prozent ihres Gehirnvolumens im Vergleich zu der ursprünglichen Art verloren. Dieses Phänomen geht unter anderem mit reduzierter Aggressivität, einer zierlicheren Statur, kleineren Zähnen und flacheren Gesichtern einher. Merkmale, die alle mit den Veränderungen, die der moderne Mensch durchlaufen hat, korrespondieren.

Eine Studie, die die kognitiven Fähigkeiten von Wölfen und Hunden vergleicht, kam zu dem Ergebnis, dass Wölfe die besseren und vor allem hartnäckigeren Problemlöser sind, während Hunde relativ schnell bei ihren Herrchen nach Hilfe suchen und deren Signale besser interpretieren können.

Der Frontallappen, der Selbstkontrolle und Sozialverhalten regelt, ist gewachsen

Eine neue Studie hat darüber hinaus festgestellt, dass unser Gehirn zwar insgesamt geschrumpft ist, unser Stirnhirn sich jedoch stetig vergrößert. Da unser Sozialverhalten primär dort geregelt wird, liegt der Schluss nahe, dass ein erhöhter Selektionsdruck in diesem Bereich für die Veränderung verantwortlich ist.

Bei Schädigungen des Stirnhirns bleibt die allgemeine Intelligenz erhalten, aber die Personen entwickeln psychopathische Charakterzüge. Sie zeigen verminderte Selbstkontrolle, erhöhte Impulsivität und einen Hang, Regeln zu missachten. Diese Beobachtungen deuten darauf hin, dass Wrangham und Hare womöglich auf der richtigen Spur sind: Verbrecher haben in der modernen Gesellschaft schlechtere Fortpflanzungschancen und somit erfährt der Teil des Gehirns, der für delinquentes Verhalten verantwortlich ist, eine entsprechende Modifikation. Mit dem Aufkommen ausgeprägter Sozialstrukturen hatten die zahmeren Individuen möglicherweise einen Vorteil und haben dadurch ihre draufgängerischen Artgenossen evolutionär abgehängt.

Eine Stärkung des Stirnhirns kann aber, neben besserer Selbstbeherrschung, auch andere, weniger erfreuliche Folgen haben. James C. Harris, Professor für Psychiatrie an der Johns Hopkins University, ist der Meinung, dass das weniger entwickelte Stirnhirn des Urmenschen ihm zu mehr Kreativität verholfen hat. Demnach wäre uns durch die Stärkung des Teils unseres Gehirns, der für Planung und Selbstkontrolle zuständig ist, das Talent für Improvisation, das unseren Vorfahren gegeben war, abhandengekommen.

Eine pauschale Aussage, wie "Der Cro-Magnon Mensch war intelligenter als wir" kann der Komplexität des Begriffs "Intelligenz" natürlich niemals gerecht werden. Jedenfalls ist es sicherlich nicht die Fähigkeit IQ-Testaufgaben zu lösen, die der Urmensch in höherem Maße besessen hat als wir. Tatsächlich werden wir durch den sogenannten Flynn-Effekt immer besser in solchen Tests.

Vielmehr war der Urmensch wahrscheinlich stärker zum Lernen durch Einsicht in der Lage. Das heißt, er war uns im Lösen von Problemen, die ihm in seinem alltäglichen Leben begegnen, voraus. Da es um eine Vielzahl von unterschiedlichen Situationen ging, hatte er womöglich eine recht universelle Fähigkeit, solche Aufgaben zu meistern.

Für Schimpansen gibt es beispielsweise die Versuchsanordnung, an eine Banane, die von der Decke baumelt, zu gelangen, indem sie einen Turm aus Kisten bauen. Für Menschen gibt es unter anderem das Zwei-Seile-Problem, bei dem man zwei weit voneinander entfernte Seile, die an der Zimmerdecke befestigt sind, miteinander verknoten soll. Um das zu bewerkstelligen, muss man allerdings eines der Seile zuerst in Schwingung versetzen.

Solche Aufgaben erfordern es in der Regel funktionale Fixierungen zu überwinden. Also alternative Verwendungen für Gegenstände zur Lösung eines Problems zu finden und nicht in üblichen Schubladen zu denken. Studien haben gezeigt, dass Menschen, bei denen das Stirnhirn geschädigt ist, und junge Kinder, bei denen es sich noch nicht stark entwickelt hat, hierbei deutlich besser abschneiden.

Es mag also durchaus sein, dass die "Höhlenmenschen" so roh und gewalttätig waren, wie sie in den Medien häufig dargestellt werden. Doch war das vielleicht nur der Preis, den sie für ihre Furchtlosigkeit und ihr geniales Denken zahlen mussten. (Patrick Zimmerschied)