Unsicherheit als Freiheit begreifen?

Symbolbild: Brent Moore. Lizenz: CC BY 2.0

Im "Uncertainty Avoidance Index" (UAI) sind sich Japaner und Deutsche ähnlicher als Japaner und Chinesen

Mit dem Ruf nach mehr Polizei kann man derzeit in Deutschland Wahlen gewinnen, auch wenn niemand verrät, wo die versprochenen Polizeikräfte herkommen sollen. Möglicherweise will man sich in Deutschland ein Vorbild am südwestlichen Nachbarn Frankreich nehmen, wo man kurzerhand die Ausbildungszeiten für neue Polizisten auf sechs Monate reduziert hat oder man will verstärkt Polizeischüler im aktiven Dienst einsetzen.

Deutsche gelten zumeist als ängstlich und der Begriff der German Angst ist international ein stehender Begriff. Man schließt notfalls eine Versicherung ab, die zwar im Schadensfall nicht unbedingt leistet, aber das stört das Sicherheitsgefühl ja bis zum Schadenseintritt keinesfalls.

Als zentraler Punkt beim Wunsch nach mehr Sicherheit gilt die Frage, wie hoch ist die Abneigung gegenüber unvorhergesehenen Situationen? Der Niederländer Geert Hofstede hat zur Bewertung der Unsicherheitsvermeidung den "Uncertainty Avoidance Index" (UAI) entwickelt. Länder mit einem hohen UAI wollen Unsicherheiten möglichst vermeiden und zeichnen sich durch eine hohe Anzahl festgeschriebene Gesetze, Richtlinien und Sicherheitsmaßnahmen aus. Die Bürger dieser Länder gelten als emotionaler und vielfach auch nervöser.

Die Bevölkerung von Ländern, die Unsicherheiten akzeptieren, gelten zumeist als tolerant. Sie haben nur wenige Regeln, die im Zweifelsfall auch während des Spiels veränderbar sind. Gefühlsäußerungen sind eher selten und werden auch nicht erwartet. Für Deutschland wird der UAI mit 65 angegeben, für China mit 30. Dass es sich hierbei nicht um eine geografische Zuordnung, sondern um eine kulturelle Ursache handelt, sieht man sehr eindrücklich wenn man den UAI für Japan daneben stellt, der mit 92 angegeben wird.

Auch im tägliche Leben soll möglichst Alles sicher vorhersagbar sein. Dies gilt auch für die Wetteraussichten, die im Deutschen als Wetterbericht bezeichnet wird, obwohl sie sich auf die Zukunft beziehen. Dafür gibt es inzwischen zahlreiche Wetter-Apps und für Busse und Bahn gibt es Apps, welche die Fahrzeuge tracken und allfällige Verspätungen voraussagen. Inzwischen gibt es vom Berliner Startup AVA eine Anwendung, die auf der Basis öffentlich verfügbarer Informationen wie Statistiken und sozialen Medien Risiken hinsichtlich Kriminalität, Terrorismus, Feuer, industriellen Gefahren, Gesundheit sowie Naturgewalten mit Hilfe künstlicher Intelligenz bewerten will.

Man will beispielsweise Autofahrer warnen, wenn sie an Orten mit erhöhter Vandalismusgefahr parken wollen. Nachdem man die Sicherheits- App zum Patent angemeldet hat, beginnt jetzt die Vermarktung des Systems an Versicherungskonzerne, Polizeibehörden und Betreiber kritischer Infrastrukturen. Die (zu Recht oder zu Unrecht) gefühlte Unsicherheit vieler Bürger dürfte den wirtschaftlichen Erfolg der Anwendung befördern, die noch in diesem Jahr ihren Regelbetrieb aufnehmen will.

In anderen Regionen dieser Erde ist die Unsicherheit ein gängiges Element des täglichen Lebens. An Stelle umfangreicher Gesetze und Regulierungen versucht man sich beispielsweise in südostasiatischen Ländern gut mit den Geistern zu stellen, die zumeist auf die Vorfahren zurückgeführt werden. Freunde hatten aus diesem Grund, nachdem der neue Tiefbrunnen gebohrt und die Pumpe installiert war, dem Pumpengeist ein gutes Abendessen bereitgestellt, das am nächsten Morgen auch restlos verspeist war und bis heute die Funktion der Pumpe sichert. In Deutschland hätte man wohl einen Wartungsvertrag abgeschlossen.

In der Folge des Sommercamps 2017 der Darmstädter Schader-Stiftung kam es zu Gründung eines Zentrums für urbane Unsicherheit (ZuU). Die Gruppe beschäftigt sich damit, dass Sicherheit zumeist nur im Zusammenhang mit ihrer Abwesenheit als Risiko oder Gefahr wahrgenommen wird.

Dabei, so die Künstler, bringe Unsicherheit auch Chancen. Dazu ein Beispiel des Autors: Im Rahmen der 22. Karlsruher Gespräche über Smart Cities berichtete einer der Vortragenden von einem Kollegen, der an einer Haltestelle auf seinen verspäteten Bus wartete, als es begann zu regnen. Da die junge Frau, die vor ihm in der Warteschlange stand, keinen Schirm dabei hatte, bot er ihr seinen an. Inzwischen sind die Beiden verheiratet.

Unsicherheit erlaubt es dem ZuU nach "Neues zu entdecken, das scheinbar Bekannte anders zu sehen und unreflektierte Routinen durch wieder entfachte Neugier in Frage zu stellen." Man will sich deshalb bewusst in eine Grauzone bewegen und, auch mit Augenzwinkern, zum Nachdenken über das Begriffspaar "Sicherheit-Unsicherheit" anregen, wozu Joachim Ringelnatz mit dem Satz zitiert wird: "Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht." (Christoph Jehle)

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