Unter Hackern

Das erste Mal auf dem Chaos Communication Congress

Ich habe mich gewissenhaft vorbereitet. Ein Laptop, eine Funknetzkarte, eine Digitalkamera, ein Handy, jede Menge Stecker und Kabel. Was braucht man mehr für den Congress des Chaos Computer Clubs?

Zum achtzehnten Mal hat sich der CCC in Berlin zum alljährlichen Congress in Berlin versammelt. Wie in den Jahren zuvor treffen sich über 2000 Hacker im Haus am Köllnischen Park. Ich bin zum ersten Mal dabei.

Der Veranstaltungsort, das Haus am Köllnischen Park

"Wußtest Du, dass das Recht am eigenen Bild notwehrfähig ist?", fragt mich ein Hacker. Mit dem Brustton der Überzeugung schildert er, dass man einen Reporter erschlagen dürfte, falls man auf andere Weise nicht verhindern könnte, dass er ein Bild macht. Vielleicht war die Digicam doch keine ganz so gute Idee.

Wo man den CCC auch anpackt, er wehrt sich mit Händen und Füßen. Die "galaktische Gemeinschaft" hat praktisch keine gemeinsame Meinung, der man sich sicher wäre. Oft hört man "das ist jetzt nur meine Meinung, nicht die des Clubs" - zitiert werden will man aber in der Regel eher nicht. Der CCC sieht sich als "galaktische Gemeinschaft", die halt mehr einer Lebensauffassung als einem Kleintierzüchterverein entspricht. Der eingetragene Verein ist nicht identisch mit dem Chaos Computer Club als solchem. Wie Entscheidungen zu Stande kommen, ist für den Außenstehenden kaum ergründbar - und auch für manche Mitglieder nicht. Trotzdem entsteht aus dem Chaos immer wieder etwas Neues.

"Ich würde gerne den CCC als Ganzes ansprechen, nicht die ganz vielen persönlichen Meinungen." Redebeitrag bei einem Workshop.

CCC-Kongress in der Aula, dem größten Vortragssaal

Die Engel sind im Himmel zu Haus. Es gibt eine verschwenderische Anzahl von ihnen: 120 Stück wuseln auf dem Kongress herum. Sie sorgen für Licht, Videoaufnahmen, für den guten Ton in den Vortragssälen, es gibt Stromengel und es gibt Schutzengel, die kontrollieren, ob nicht jemand ein Notebook aus dem Gebäude befördert, das er nicht selbst mit hineingebracht hat. Als Markierung bekommt jedes Notebook und jeder Monitor ein Preisschildchen, das offenbar ursprünglich dazu gedacht war, eine Tiefkühlpizza zu zieren.

Originalität ist gefragt. Tolle T-Shirts allerorten: "Scan my network and die", "Ich bin schizophren - ich auch". Kaum ein Notebook ohne "Pesthörnchen", dem alten CCC-Logo mit Kultcharakter. Wie eigentlich jedes Jahr wurde der Bedarf falsch eingeschätzt: die Congress-T-Shirts sind schon am ersten Tag ausverkauft. Ein Renner sind dieses Jahr Aufkleber des BigBrother-Awards: "Aus hygienischen Gründen wird diese Toilette videoüberwacht".

"Der Besitzer der IP 217.73.44.30 wird zum Ausgang gebeten. Er wird dort erwartet" Durchsage auf dem Chaos Communication Congress.

Wer richtig auffallen will, muss schon erheblich tiefer in die Trickkiste greifen als nur ein T-Shirt anzuziehen. Ein Notebook mit Funknetzkarte scheint jeder zu haben, auch die neuen IBooks holen niemand mehr hinter dem Ofen hervor. So hat Marcus Wolschon (22) aus Rostock seinen Computer angezogen. Wearable Computer geistern schon seit Jahren durch die Fachpresse, richtig gesehen hat sie aber noch kaum einer. So wird der Hacker mit dem "Xybernaut MA-IV" - Kostenpunkt: mehrere Tausend Euro - zu einer wandelnden Attraktion auf dem Congress. Die Funknetzkarte hat er am Gürtel hängen, um immer online zu sein.

Marcus Wolschon zeigt seinen Wearable Computer

Selbst wenn sich die Hacker im "real life" treffen - Netzzugang muss sein. Obwohl ein Sponsor Netzhardware für eine dreiviertel Million Mark zur Verfügung gestellt hat, ist der häufigste Satz auf dem Congress "Hast Du auch grad kein Netz?". Eine 34-MegaBit-Leitung steht für den Kontakt nach außen zur Verfügung, eine Arbeitsgruppe wacht über den Netzverkehr. Trotzdem brechen die Server immer mal wieder zusammen. Ein Notebook, dass durch falsche Konfiguration den Netzverkehr störte, wurde kurzerhand konfisziert und der Eigentümer zu niederen Putzdiensten verurteilt. Das ist allerdings nur ein Gerücht, ebenso wie die Behauptung, dass 17 Gramm THC-haltiges Material gefunden wurden und am Eingang bereitliegen. Die Meldungen, die die Online-Redaktion verbreitet, sind mit Vorsicht zu genießen - Hacker haben zuweilen ihren ganz eigenen Humor.

Man kommt leicht ins Gespräch. Jeder zeigt gerne, was er hat, schließlich will man vom Wissensaustausch profitieren. Auf dem Congress finden sich Hacker mit gleichen Interessen, neue Arbeitsgruppen formieren sich. "Leute, die sich mit Computern beschäftigen sind offener, weil sie sich sehr viel mit Kommunikation beschäftigen", erklärt "Herr Schmidt", der den Robotik-Wettbewerb betreut.

Herr Schmidt gehört zur C-Base, einem Verein, der eng mit dem CCC verwoben ist. Die Mitglieder haben die gewagte Hypothese aufgestellt, dass vor Milliarden Jahren eine Raumstation auf dem Gebiet des heutigen Berlins abgestürzt ist. Mit Computern und viel handwerklichem Geschick versuchen sie, die Raumstation wieder herzustellen, um eines Tages wieder auf Weltraumreise zu gehen. Der Verein hat sein Domizil nur einen Steinwurf vom Kongresszentrum entfernt bezogen - Herr Schmidt zeigt es mir, als ich Interesse bekunde. Von außen sieht es aus wie ein ganz normles Berliner Hinterhaus, innen ist es ein Raumschiff. Noch nicht ganz fertig, aber die Mitglieder arbeiten dran.

Wieder zurück auf dem Congress, wage ich doch, ein paar Fotos zu machen. Sobald ein Blitz aufleuchtet, treffen mich ein Dutzend empörter Blicke. Aber ich stelle meine Bilder der Webredaktion zur Verfügung und erhalte einen Anstecker mit der Aufschrift "CIA - Chaos Information Agency" - so darf ich weiterfotografieren.

Praktizierte Überwachung wollten die Hacker mit ihrem "Mattenprojekt" demonstrieren. Wer sich einen Chip ansteckt, wird an bestimmten Durchgängen registriert. Die Technik stammt von Marathonläufen, wo sie schon seit Jahren eingesetzt wird, um die Einlaufzeiten mehrerer Tausend Teilnehmer festzuhalten. Auf dem Congress gibt es aber zu wenige Kontrollpunkte. Zu Abschluß der Veranstaltung konnte nur festgehalten werden, dass über 4000 Bewegungen protokolliert wurden, die meisten vom Sanitäter. In Zeiten, in denen jeder größere Bahnhof über diffizilere Überwachungstechniken verfügt, ist das Ergebnis wenig beeindruckend - aber es zeigt, mit welch simplen Mitteln eine Überwachung initiiert werden kann.

Nicht weniger als 84 Vorträge sind während des Congresses zu hören. Die Themen reichen von Angewandter Verschlüsselungstechnik bis zur Videoüberwachung, von SMS bis zu Informationskriegen. Clubmitglieder und nahestehende Personen geben ihr Wissen kostenlos weiter. Sogar ein Vertreter der Telekom - des einstigen Erzfeindes - hat sich zu einer Veranstaltung eingefunden. Mit den Jahren hat man sich kennen und schätzen gelernt.

Auch die Polizei ist da - aber nur zur Fortbildung. Beamte des LKA informieren sich über neue Technologien, und angewandte Techniken - für den CCC kein Problem. Die Polizisten müssen nur einen besonderen Ausweis tragen, damit sie als solche erkennbar sind. Die Hacker stehen dem gelassen gegenüber. Obwohl - wie am Schluß Sprecher Andy Müller-Maguhn einräumt - nicht alles ganz legal abgelaufen ist, hat man vor den Vollzugsbehörden wenig zu befürchten. Als ein aufgeregter Hacker ins Labor stürzt und meldet, dass wahrscheinlich eine Polizeirazzia bevorstehe, sieht kaum eine auf. "Bei uns ist alles in Ordnung."

Der Congress ist eine 24-Stunden-Veranstaltung. die Vorträge hören zwar irgendwann auf, das Hacken geht aber weiter. Nur wenige bekommen in den Tagen des Congresses genug Schlaf, jede Minute will genutzt sein. Zur Not schlägt man eine halbe Stunde mit dem Kopf auf der Tastatur. Trotzdem wird man nicht alles machen können, was man sich vorgenommen hat, nicht genug lernen können und nicht genug Kontakte schließen. Ein Grund mehr, nächstes Jahr wieder zum Congress zu kommen. Und auch ich werde wieder dabeisein.

Siehe auch: Hacken zwischen Kriminalisierung und Mainstream und Datenschutz ade?

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